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Im Porträt: Maria-Elisabeth Schaeffler : Die Überzeugungstäterin

Maria-Elisabeth Schaeffler Bild: dpa

Das fränkische Familienunternehmen Schaeffler hat den Weltkonzern Conti ins Visier genommen. Nach Informationen der F.A.Z. bieten die Franken für die Niedersachsen mehr als 10 Milliarden Euro. Die Eigentümerin des Wälzlagerherstellers INA Schaeffler gilt als gewiefte Taktikerin. Ein Porträt.

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          Manche schwärmen in den höchsten Tönen von ihrem Wiener Charme, bewundern ihren klassischen Stil und die formvollendeten Auftritte. Andere nennen sie nur „die listige Witwe“. Wahrscheinlich treffen auf die Opernfreundin Maria-Elisabeth Schaeffler, Eigentümerin des Wälzlagerherstellers INA Schaeffler, eines der größten und unbekanntesten Familienunternehmen in Deutschland, beide Etikette irgendwie zu.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Derzeit ist die Öffentlichkeit eher geneigt, in der Sechsundsechzigjährigen die knallharte Unternehmerin und gewiefte Taktikerin zu sehen. Denn man braucht schon ordentlich Chuzpe, um als Mittelständler mit einem Umsatz von knapp 9 Milliarden Euro einen 26 Milliarden Euro schweren Dax-Konzern wie Continental ins Visier zu nehmen. Nach Informationen dieser Zeitung bieten die Franken für die Niedersachsen mehr als 10 Milliarden Euro.

          Seit 1996 zieht Maria-Elisabeth Schaeffler die Fäden im Unternehmen

          Für Gewerkschafter ist Schaeffler ein rotes Tuch. Kaum wurden die Übernahmepläne ruchbar, kündigte die IG Metall heftigen Widerstand an und wurde persönlich: „Maria-Elisabeth Schaeffler hat in der Vergangenheit Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsinteressen mit Füßen getreten“, formulierte der niedersächsische IG-Metall-Bezirkschef und Conti-Aufsichtsrat Hartmut Meine.

          Tut das eine Dame? Die Dame sieht das naturgemäß völlig anders, und das hat vor allem mit ihrer Herkunft zu tun. Schaeffler ist noch ein Kriegskind. Geboren im August 1941 in Prag, flüchtete sie mit ihren Eltern nach Österreich – „mit einem Rucksack auf dem Rücken, in dem Zwieback war“. Vom dritten Lebensjahr an wuchs sie in Wien auf. Erzogen wurde sie konservativ und katholisch. Mit Freundinnen ausgehen, das blieb ihr meist verwehrt.

          Schon mit 22, als Medizinstudentin, heiratete sie den 24 Jahre älteren Unternehmer Georg Schaeffler. Der hatte zusammen mit seinem Bruder Wilhelm 1946 ein Unternehmen gegründet und sich als Zulieferer von Lagern für den Maschinenbau und die Autoindustrie einen Namen gemacht. Ihr Mann zog die Fäden, bis zu seinem Tod 1996. „Jeder hat gesagt, ohne Georg Schaeffler kann das nicht weitergehen“, erinnert sich Maria-Elisabeth Schaeffler. Es ging weiter, und wie.

          Wachstum, Wachstum, Wachstum

          Der größte Paukenschlag war die feindliche Übernahme des börsennotierten Kugellagerproduzenten FAG Kugelfischer. Nach einer Schlammschlacht – geführt unter anderem über aggressive Zeitungsanzeigen – gehörte der traditionsreiche Konkurrent aus Schweinfurt am Ende zum INA-Reich. Und nun soll Conti dieses Schicksal ereilen.

          Warum ausgerechnet eine vermeintliche Traditionalistin wie Schaeffler einen Expansionsdrang auslebt, wie er ansonsten allenfalls der „Heuschrecken“-Branche zugeschrieben wird, ist paradoxerweise gerade der Tradition geschuldet. Als Gesellschafterin der Schaeffler-Gruppe setze sie „das Lebenswerk ihres 1996 verstorbenen Mannes“ fort, heißt es im eigenen Lebenslauf auf der Firmen-Homepage.

          So pathetisch wie diese Formulierung, so dranghaft die „absolute Verantwortung für das Wohl der Firma“, die Schaeffler nach eigener Einschätzung verspürt. Sie sei „regelrecht besessen von dem Gedanken, die INA-Holding Schaeffler KG in die Zukunft zu führen“. Am besten durch Wachstum, Wachstum, Wachstum.

          Schaeffler ist also alles andere als eine „lebenslustige Blondine“, die sich in der „Rolle der Frühstücksdirektorin“ gefällt, wie ein Wirtschaftsmagazin einmal schrieb. Sie hat zwar vor zehn Jahren Jürgen Geißinger zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung der Gruppe bestellt – einen Maschinenbauer, der die Branche aus dem Effeff kennt –, doch über ihren Kopf hinweg fällt keine Entscheidung. Sollte Conti-Chef Manfred Wennemer die geplante Übernahme also als feindlich ablehnen, hat er es mit einer hartnäckigen Gegnerin und Überzeugungstäterin zu tun, die ihren Wiener Charme auch mal ablegen kann, wenn es um das Familienerbe geht.

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