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Im Porträt: Klaus Regling : Europäischer Feuerwehrmann

Unaufgeregheit und ein feiner, trockener Humor: Klaus Regling wird in Europa geschätzt und respektiert Bild: dpa

Der erfahrene Spitzenbeamte Klaus Regling soll den Rettungsschirm für marode Euro-Staaten verwalten. Der 59-Jährige ist exzellent vernetzt und kennt sich damit aus, Bedenken gegenüber der Stabilität des Euro zerstreuen zu müssen.

          Noch in jeder Krise der Europäischen Währungsunion hat Klaus Regling eine entscheidende Rolle als „Trouble Shooter“ gespielt: Zuerst konzipierte er den EU-Stabilitätspakt, um deutschen Sorgen gerecht zu werden; später ging die „Flexibilisierung“ des Pakts auf ihn zurück. Dass der gebürtige Lübecker jetzt zum Leiter der Luxemburger Zweckgesellschaft berufen worden ist, die den Rettungsschirm für marode Euro-Staaten verwalten soll, kann insofern nicht überraschen.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Bemerkenswert ist die neueste Wendung in seiner Karriere dennoch: Wieder einmal wechselt Regling von einem privaten in ein öffentliches Amt - wie er zuvor mehrfach den umgekehrten, durch staatliche Pensionsansprüche gut abgesicherten Weg gegangen ist. Wie kaum ein zweiter deutscher Spitzenbeamter hat der 59 Jahre alte Regling auch Erfahrung außerhalb des öffentlichen Dienstes gesammelt.

          Von seinem Erfahrungsschatz wird Regling nun profitieren

          Schon mit seiner ersten Stelle, die er 1975 - nach einem Volkswirtschaftsstudium in Hamburg und Regensburg - antrat, legte Regling den Grundstein für eine internationale Karriere. Fünf Jahre lang arbeitete er für den Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington; in den achtziger Jahren kehrte er zum Fonds zurück und leitete zeitweise dessen Büro in Jakarta. Die meiste Zeit verbrachte er indes im Bundesfinanzministerium, zuletzt unter Theo Waigel als Abteilungsleiter für Europäische und Internationale Finanzpolitik.

          Nach dem Regierungswechsel zu Rot-Grün verabschiedete sich der parteilose Regling zum ersten Mal in die Privatwirtschaft. Gut zwei Jahre lang arbeitete er als Geschäftsführender Direktor der Moore Capital Strategy Group in London - und damit als Manager für Moore Capital, einen der führenden amerikanischen Hedge-Fonds.

          2001 kehrte er auf eine öffentliche Position zurück und wechselte als Generaldirektor für Wirtschaft und Finanzen in die EU-Kommission, auf die wichtigste Brüsseler Beamtenstelle für die Währungsunion. Weil er sich nicht der üblichen Praxis unterwerfen wollte, dass Spitzenbeamte spätestens nach sieben Jahren ihre Position innerhalb der EU-Behörde wechseln müssen, verließ er diese 2008 wieder. Nach einer einjährigen Schleife als Professor für internationale Währungsfragen in Singapur war er seit Sommer 2009 freiberuflicher finanz- und währungspolitischer Berater in Brüssel. Zugleich wurde er Mitglied der „Issing-Kommission“ der Bundesregierung für eine Reform der internationalen Finanzmärkte.

          Von seinem Erfahrungsschatz wird Regling nun profitieren. Er ist nicht nur exzellent vernetzt und bringt Verständnis für die unterschiedlichen Positionen der Euro-Staaten und der EU-Kommission mit, zwischen denen er vermutlich vermitteln muss. Für die Euro-Gruppe, die seine Berufung beschlossen hat, dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass ein Deutscher an der Spitze der Zweckgesellschaft die dem „Rettungsschirm“ besonders kritisch gegenüberstehende deutsche Öffentlichkeit ein wenig beruhigen mag. Als Deutscher kann er auch besonders guten Kontakt zur Finanzagentur des Bundes pflegen, die als „Dienstleister“ der Zweckgesellschaft deren Kapitalmarktaktivitäten „durchführen“ und zu einem guten Rating beitragen soll.

          Alles andere als ein gesichtsloser Apparatschik

          Regling war schon einmal gefordert, deutsche Stabilitätsbedenken gegen den Euro zu zerstreuen. Der EU-Stabilitätspakt, von Waigel im November 1995 vorgeschlagen, trug die Handschrift des damaligen Ministerialbeamten Regling. Dieser war allerdings neun Jahre später in anderer Funktion auch entscheidend an der Aufweichung des Pakts beteiligt. Nachdem sich Deutschland und Frankreich geweigert hatten, einer - nicht zuletzt von Regling betriebenen - Verschärfung der gegen sie laufenden Defizitverfahren zuzustimmen, löste der damalige Währungskommissar Joaquín Almunia die daraus resultierende politische Blockade mit dem Vorschlag, die Regeln zu ändern, mithin den Pakt „flexibler“ und „ökonomisch intelligenter“ zu machen. Der strategische Kopf hinter diesem Vorschlag war abermals Regling.

          Für ihn gilt es, eine politische Vorgabe handwerklich sauber in Gesetzestext zu gießen, ohne sie in Frage zu stellen. Auch wenn er bisweilen spröde wirkt, ist der Norddeutsche aber alles andere als ein gesichtsloser Apparatschik. In der Kommission wurden seine nicht unbedingt deutsch anmutenden Vorzüge geschätzt, seine Unaufgeregtheit und ein feiner, trockener Humor. Gerade diese Eigenschaften wird er in seinem neuen, schwierigen Amt brauchen.

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