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Im Handel : Nazi-Hetze für 2,99 Euro

Produktionsjahr 1938. Bild: Rüchel, Dieter

Bei Mediamarkt und Weltbild gab’s bis jetzt Propaganda aus dem Dritten Reich - ungeschnitten und im Sonderangebot. Wie kann das sein?

          „Ihr habt es gut, so etwas gab es zu meiner Zeit nicht“, spricht in Filmminute zehn der Vater zum Hitlerjungen. Wenig später marschiert Deutschlands Jugend in Kolonne mit ausgestrecktem Arm an Adolf Hitler vorbei: eine Volksgemeinschaft, „sauber und rein“.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          „Der Marsch zum Führer“ heißt der Propagandastreifen aus dem Jahre 1938, Inhalt: Sternförmig wandern die minderjährigen Massen zum Reichsparteitag in Nürnberg. „Die großartigen Berichte über die bemerkenswerte Disziplin der Jugend“ behandeln 44 Minuten lang die „Pilgerfahrten“ zu den „farbenprächtigen Zeremonien“ des „Nürnberger Kongresses“ - so steht es auf der Rückseite der DVD. Die Scheibe findet sich im Mediamarkt im Frankfurter Nordwestzentrum gleich neben der Kasse zum Schnäppchenpreis: 2,99 Euro. Bei Weltbild, jener Verlagsgruppe aus Augsburg, deren Gesellschafter zwölf katholische Diözesen umfassen, kostet der „Marsch zum Führer“ 4,99 Euro - so günstig sind viele andere Versandhändler nicht.

          Der Film zeigt „die Auflösung des Individuums“

          Rolf Seubert, Medienpädagoge von der Universität Siegen, kennt den „Marsch“ in- und auswendig: Der Film zeige „die totale Unterwerfung und Auflösung des Individuums in einer quasi-soldatischen Masse“. Der Erziehungswissenschaftler ist einer der führenden Forscher über NS-Jungenpropaganda - und entsetzt beim Anblick der DVD: „Dass dieses verführerische Propagandawerk in Zeiten von Terrorzellen wie der NSU praktisch ungeschnitten und unkommentiert zum Billigpreis im Laden um die Ecke angeboten wird, ist ein Skandal!“

          Seubert stellt beim „Marsch“ und bei gleichfalls überall frei erhältlichen Titeln wie „Soldaten von morgen“ (1941) die Frage: „Wie kommt so etwas, das ich unter großer Vorsicht nur Studenten vorführe, als Nazi-Orginalfassung in die Läden?“ Immer wieder hat Seubert in der Vergangenheit gegen vom Staat geduldete Vermarktung des nationalsozialistischen Filmerbes gekämpft, in dem NS-Filme wie „Junge Adler“ auf der Rückseite der DVU-„Nationalzeitung“ offeriert wurden. Nazi-Streifen beim Buch- und Elektrohändler nebenan sind auch für den Experten neu.

          Die Händler nehmen den Film aus dem Sortiment

          Weltbild reagiert nach der F.A.S.-Anfrage prompt: „Wir wollen dieses Machwerk nicht weiter verbreiten.“ Der Großhändler, die Bremer Versandwerk GmbH, habe den „Marsch“ in den Weltbild-Shop „eingespielt“, die braune Hetze „ist uns unangenehm und peinlich“. Der Großhändler ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auch Mediamarkt verbannt den Nazi-Titel, jedoch nicht ohne anzumerken, man sei ja eigentlich gegen „Zensur“: „Wir betrachten es nicht als unsere Aufgabe, auf weltanschaulicher Basis eine Vorauswahl für unsere Kunden zu treffen.“

          Schuld sei vielmehr die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), die das braune Werk „ab 16 Jahre“ freigegeben hat. Bei der FSK heißt es, ein Gremium (die Namen der Mitglieder verrät die Organisation nicht) habe den Film 2005 geprüft: „Das Expertengremium war der Ansicht, dass 16-Jährige die Ereignisse in der Dokumentation einordnen können.“

          Das sehen jene, die für den Eigentümer des Filmmaterials, die Bundesrepublik Deutschland, über die Vermarktung von Filmgut aus der Nazizeit entscheiden, völlig gegensätzlich: „Solch ein Machwerk hätten wir nie für den Verkauf lizensiert, schon gar nicht in dieser Länge“, verteidigt sich die aufgeschreckte bundeseigene Münchener Transitfilm GmbH: die Filmrollen müssten gestohlen worden sein, das Bundeskriminalamt soll ermitteln.

          KSM heißt die Wiesbadener Filmproduktionsfirma, die einst die Freigabe bei der FSK beantragte. Woher sie das Material hatte, sagt KSM nicht und behauptet, der Film sei „frei verfügbar“, was zweifelhaft ist. KSM beteuert, der Film werde auch nicht mehr vertrieben: „Die Firma war damals noch jung. Wir sind keine Nazis.“ Tatsächlich wird im Film nicht mehr KSM, sondern eine „Cat Film“ als Vermarkter genannt, Herkunft unbekannt.

          Die kümmert Ronny R. aus Brandenburg ohnehin nicht. Wie 43 andere ist er Facebook-„Fan“ vom „Marsch zum Führer“ - und weiß, wo er selbst herkommt. Sein Motto: „National und stolz darauf - mehr muSS man nicht wiSSen.“

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