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Im Gespräch: Reeder Niels Stolberg : „Die Piraten haben sich unendlich geärgert“

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Schwergut, schwer bewacht: Beluga Shipping (Foto: Die jüngst gekaperte Beluga Fortune) gebe pro Jahr 10 bis 12 Millionen Euro für die Sicherheit der Schiffe aus, sagt Geschäftsführer Stolberg Bild: dapd

Als die Piraten kamen, flüchtete die Besatzung der „Beluga Fortune“ in einen Schutzraum und wurde bald darauf gerettet. Beim nächsten Mal, so befürchtet Beluga-Chef Niels Stolberg, könnten die Piraten aus Frust versuchen, ein Schiff zu versenken.

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          Herr Stolberg, wie sieht der Panikraum aus, in den Ihre 16 Seeleute nach dem Piratenüberfall am Sonntagmorgen geflüchtet sind?

          Das ist ein Raum im hinteren Bereich des Schiffes, weit unter dem Hauptdeck, in einer Größe von rund 30 Quadratmetern. Es gibt ausreichend Proviant und Wasser sowie sanitäre Anlagen, so dass man es gut eine Woche in diesem Raum aushalten kann.

          Ist dieser Schutzraum wirklich sicher?

          Wir haben schwere Stahlschotten als Tür eingesetzt. Da müsste man schon Sprengstoff oder größte Waffengewalt einsetzen, um durch diese Tür durchzukommen.

          Ende des Schreckens: Britische Marinesoldaten stürmen am Montag die „Beluga Fortune”

          Und wenn die Piraten eine Panzerfaust einsetzen?

          Das würde theoretisch funktionieren. Aber ich kann eine Panzerfaust nicht in dem engen Gang unter dem Hauptdeck einsetzen, weil ich dann hinter mir alles abfackele. Der Schütze läuft also große Gefahr, da selber nicht lebendig herauszukommen.

          Wie groß war der psychische Druck für Ihre Seemänner im Panikraum der Beluga Fortune?

          Die Seeleute sind natürlich extrem gestresst, aber auf der anderen Seite auch sehr erleichtert, dass sie aus dieser Schreckensgeschichte einigermaßen glimpflich herausgekommen sind.

          Wie schnell konnte sich die Mannschaft in den Panikraum zurückziehen?

          Normalerweise darf das nicht länger als 6 bis 7 Minuten dauern. Wir hatten an der Backbord- und Steuerbordseite doppelten Nato-Draht installiert und den Aufgang zu den Aufbauten durch eine Stacheldraht-Bretterwand dicht gemacht. Außerdem haben wir eine glitschige Schmierseifenlösung versprüht. Darauf sind die Piraten offenbar böse ausgerutscht, wir haben jedenfalls Blutspuren gefunden. Aber nach einer bestimmten Zeit, wir schätzen, es war so eine halbe Stunde, haben die Piraten dann die Brücke erreicht.

          Da war die Crew schon nicht mehr auffindbar. Wie haben die Seeräuber darauf reagiert?

          Die Piraten haben sich unendlich geärgert und ihrem Frust freien Lauf gelassen. Sie haben randaliert, auf der Brücke und in den Kammern der Offiziere. Sie haben sogar versucht, die Brücke und die Kombüse in Brand zu setzen. Zum Glück sind die Feuer ausgegangen. Aber da bestand die größte Lebensgefahr.

          Liegt genau darin das größte Risiko eines solchen Versteckspiels, dass nämlich Piraten aus lauter Enttäuschung ein gekapertes Schiff versenken, auch um ein Exempel zu statuieren?

          Die Gefahr ist extrem groß, dass die Piraten aus lauter Frust beim nächsten Mal noch härter und aggressiver vorgehen und versuchen, das Schiff zu versenken. Das kann man nie ausschließen, zumal die Piraten von Monat zu Monat professioneller agieren und sich immer besser ausrüsten. Sie setzten ja bereits gekaperte Schiffe ein, um auch tausende Kilometer entfernt von der Küste auf Beutezug zu gehen. Wie auch in diesem Fall: Die Beluga Fortune war weit draußen auf hoher See.

          Der Verband deutscher Reeder fordert den Einsatz von Marine- oder Polizeieinheiten auf den Schiffen. Sie auch?

          Man muss sich diese Option offen halten und darüber mit dem Verteidigungsministerium sprechen. Die Gefahr ist größer geworden. Man darf dieses Feld den Piraten nicht überlassen.

          Was halten Sie vom Einsatz privater Schutzsöldner an Bord?

          Ein solcher Einsatz ist nicht ohne Tücken, er kann schnell außer Kontrolle geraten. Kann man sich wirklich darauf verlassen, dass private Söldner richtig differenzieren und ein normales Fischerboot von einem Piratenschiff unterscheiden können?

          Wie hoch sind die Kosten für den Piratenschutz in Ihrer Reederei?

          Als Weltmarktführer im Schwerguttransport fahren wir bis zu 350-mal im Jahr durch den Golf von Aden. Das ist verdammt viel. Für das Aufrüsten der Schiffe, das Sicherheitstraining der Besatzungen und die erhöhten Versicherungsprämien geben wir pro Jahr 10 bis 12 Millionen Euro aus.

          Haben Sie eine Lösegeldversicherung abgeschlossen?

          Ja.

          Somalia ist ein rechtsfreier Raum. Kann es da überhaupt gelingen, die Piraterie einzudämmen?

          Das ist in der Tat unglaublich schwer, aber man muss es zumindest versuchen. Es ist an der Zeit, ein großes Programm anzuschieben und die Piraten zu resozialisieren. Die Vereinten Nationen müssen nach Wegen suchen, wenigstens bestimmte Bereiche dieses Landes zu befrieden. Ansonsten wird die Situation weiter eskalieren. Was, wenn sich die Piraten mit Terroristen von Al Qaida verbünden? Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was dann passieren kann. Denken Sie nur an die großen Chemikalien- und Gastanker. Das sind Bomben, die man entsprechend positionieren kann.

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