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Im Gespräch: Patrick Adenauer : „Wir sind von dieser Regierung enttäuscht“

  • -Aktualisiert am

Patrick Adenauer: „Ich vermisse die lange Linie” Bild: Daniel Pilar

Sechs Jahre lang hat Patrick Adenauer den Verband „Die Familienunternehmer“ geführt. Nun gibt er dieses Amt an seinen Nachfolger ab. Seine Bilanz der Politik fällt ernüchternd aus.

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          Nächste Woche scheiden Sie aus Ihrem Amt. Sind Sie froh, dass es vorbei ist?

          Auf der einen Seite bin ich froh, dass die Amtszeit gut verlaufen ist und ich mich wieder voll auf mein Unternehmen konzentrieren kann. Denn im Gegensatz zu Politik und Gewerkschaften hat ein ehrenamtlicher Präsident immer noch seinen Betrieb zu führen. Auf der anderen Seite ist es schade, weil ich viele Einsichten gewonnen habe. Also Zufriedenheit, aber auch ein bisschen Wehmut.

          Was haben Sie erreicht?

          Vor einigen Jahren sprachen fast alle nur vom Mittelstand oder den Selbständigen. Unser Verband hat den Begriff des Familienunternehmers in meiner Amtszeit in die Öffentlichkeit getragen. In der Bevölkerung und in der Politik werden Familienunternehmer mit etwas Positivem in Verbindung gebracht. Das Ausland beneidet uns um unsere Familienbetriebe. Manchmal hätte man natürlich gerne mehr Einfluss auf die Politik - anstatt nur Schlimmeres verhindern zu können.

          Das muss doch frustrierend sein: Jahrelang haben Sie für gerechtere Steuern und weniger Bürokratie geworben - aber der große Wurf der Politik blieb aus.

          Die erste Enttäuschung habe ich 2005 erlebt, als die Union mit ihrem wirtschaftsliberalen Leipziger Programm in den Wahlkampf gestartet ist und in der großen Koalition nichts davon umgesetzt hat. Schwarz-Rot hat es sich einfach gemacht. Die Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes war eine gigantische Steuererhöhung, danach konnte die Regierung aus dem Vollen schöpfen. In der Finanzkrise hat sie dann zwar einen guten Job gemacht. Aber von den Dingen, die ich von der Union erwartet hätte, kam wenig.

          Was war denn das Wenige?

          Die Erbschaftsteuerreform wurde begonnen und später optimiert. Das war gut. Auch die Schuldenbremse ist als Idee positiv, sie signalisiert die Bereitschaft zum Sparen. Aber große Zukunftsentscheidungen, etwa in den Sozialsystemen, gab es bis auf die Rente mit 67 nicht, obwohl sich die große Koalition auf eine breite Mehrheit stützen konnte.

          Dann kamen Union und FDP.

          Da muss ich sagen: Während der ganzen bisherigen Regierungszeit habe ich nicht gespürt, dass da ein großer Wurf umgesetzt wird. Ich vermisse die lange Linie. Wie sichern wir die Sozialsysteme? Wie gehen wir das Thema Bildung konsequent an? Vielleicht müsste man auch mal darüber nachdenken, ob man aus fünf Millionen öffentlich Bediensteten nicht doch vier Millionen machen kann, damit dringend benötigte Kräfte für die Privatwirtschaft frei werden. Für die Gesundheitsreform gab es große Ankündigungen, letztlich sind wir bei einer Beitragserhöhung gelandet und einem dirigistischen Eingriff in die Arzneimittelpreise. Die Gewerbesteuerreform wurde stillschweigend einkassiert. Wir erleben Führung nicht in der Weise, dass jemand ein Konzept hätte und es umsetzt. Sondern es wird aus Angst vor Meinungsumfragen zu wenig angepackt.

          Ist Ihre Enttäuschung besonders groß, weil Schwarz-Gelb eigentlich die Wunschkoalition der Wirtschaft war?

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