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Im Gespräch: Nokia-Chef Kallasvuo : „Lösungen suchen, die nicht mehr eiskalt wirken“

  • Aktualisiert am

Olli-Pekka Kallasvuo Bild:

Nokia macht sein Werk in Bochum zu und entlässt rund 2300 Mitarbeiter. Daran ist nach den Worten von Olli-Pekka Kallasvuo nicht zu rütteln. Jetzt ist er aber zu persönlichen Gesprächen bereit.

          Nokia macht sein Werk in Bochum zu und entlässt rund 2300 Mitarbeiter. Daran ist nach den Worten von Olli-Pekka Kallasvuo nicht zu rütteln. Jetzt ist er aber zu persönlichen Gesprächen bereit.

          Herr Kallasvuo, gibt es noch eine Chance für die Handyproduktion von Nokia in Bochum?

          Wir haben uns nach sehr sorgfältiger Prüfung zur Schließung entschieden. Jetzt beginnen die Gespräche mit den betroffenen Gruppen. Es fällt mir sehr schwer zu glauben, dass dabei neue Informationen auftauchen, die diese Entscheidung in Frage stellen.

          Olli-Pekka Kallasvuo: Die Heftigkeit der Reaktionen mancher deutscher Politiker haben ihn überrascht

          Können sie schon absehen, was Nokia für die Stilllegung bezahlen muss?

          Nein. Wir werden versuchen, eine Lösung zu finden, die alle zufrieden stellt. Aber es wird überall teuer, wenn sie so etwas machen, besonders in Deutschland. Das wird nicht billig.

          Was können sie den Menschen und der Region denn anbieten?

          Wir sind offen für neue und innovative Lösungen. Auch in der Frage, was Nokia künftig für die Region machen kann.

          Wird es zum Beispiel eine Transfergesellschaft geben?

          Darüber möchte ich jetzt noch nicht spekulieren.

          Noch einmal zu den Gründen: Warum muss Nokia das Werk in Bochum dicht machen?

          Es ist im Handygeschäft sehr schwer, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Während der durchschnittliche Verkaufspreis im Handygeschäft in den vergangenen Jahren um 35 Prozent gesunken ist, sind die Arbeitskosten in Deutschland um 20 Prozent gestiegen. Wir produzieren bis jetzt 6 Prozent unserer Geräte in Bochum, der Standort trägt aber etwa 23 Prozent zu den direkten Personalkosten innerhalb des Nokia-Produktionsverbundes bei.

          Also sind es doch im Wesentlichen die Personalkosten?

          Nicht ausschließlich. Es kommen noch andere Dinge hinzu. Wir haben das Werk in den neunziger Jahren von einer Fernseherfertigung auf die Handyproduktion umgestellt und sehr viel Geld investiert . . .

          . . . wie viel ungefähr?

          . . . seit 1994 haben wir insgesamt 600 Millionen Euro in Bochum investiert. Schon damals haben wir die Produktion bis zu einem Punkt automatisiert, wie nirgends anderswo auf der Welt. Wir wussten, dass die Arbeitskosten in Deutschland hoch sind. Dadurch wird die Fertigung aber auch unflexibel, da nicht so schnell wie angesichts der schnell wechselnden Nachfrage eigentlich erforderlich zwischen den verschiedenen Modellen und Varianten gewechselt werden kann. Die Vielfalt der Handy-Modelle macht die Produktion wieder arbeitsintensiver. Dadurch gewinnen die Arbeitskosten wieder ein stärkere Bedeutung. Außerdem ist der Maschinenpark in Bochum inzwischen veraltet und wir hätten abermals investieren müssen. Gleichzeitig gewinnen die Kostenvorteile auf dem Handymarkt immer mehr an Bedeutung.

          Gab es noch mehr Gründe, die gegen Bochum sprachen?

          Ja. Ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor in der Handyproduktion ist heute die Logistik und das symbiotische Zusammenspiel mit den Zulieferern. Diese wollten aber aus Kostengründen nicht in ausreichender Zahl nach Bochum kommen. Auch das hat unsere Entscheidung beeinflusst, da es die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit des Standort Bochum zusätzlich mindert.

          Ist es denn politisch korrekt, erst Subventionen zu kassieren und dann – kurz nachdem die Fristen ausgelaufen sind – wieder zu verschwinden?

          Wir haben Zuschüsse für die Umrüstung der Fernsehproduktion in den neunziger Jahren erhalten. Danach nicht mehr. Das hat damals unsere Entscheidung für den Standort gefördert, und wir haben das Geld auch gebraucht. Wir glauben, dass wir definitiv geliefert haben, was wir für die Subventionen versprochen haben.

          Sogar finnische Zeitungen haben die Art und Weise, in der die Schließung kommuniziert wurde, als „eiskalt“ bezeichnet. Ist da etwas falsch gelaufen?

          Es ist uns in den ersten Tagen nicht gelungen, unsere Gründe wirklich zu vermitteln. Das mag etwas „kalt“ gewirkt haben. Aber wir werden jetzt mit den Betroffenen diskutieren und wirklich nach Lösungen suchen. Wir werden das in einer Art und Weise machen, die nicht mehr als „eiskalt“ empfunden wird.

          Haben die Gespräche schon begonnen?

          Ja. Ich werde mich in der kommenden Woche aber auch selber mit der Nordrhein-Westfälischen Wirtschaftsministerin Christa Thoben treffen, um zu sehen, welche Möglichkeiten für eine Unterstützung der Region es gibt.

          Haben sie damit gerechnet, dass die Schließung des Werkes eine solch politische Sprengkraft entwickeln würde?

          Man muss immer mit politischen Reaktionen rechnen, wenn man eine solche Ankündigung macht. Die Heftigkeit der Reaktion einiger deutsche Politiker hat mich allerdings schon etwas überrascht.

          Glauben Sie, dass Nokia in Deutschland nach den Boykottaufrufen einiger Politiker signifikant weniger Mobiltelefone verkaufen wird?

          Wenn so viele Menschen betroffen sind reagieren die Verbraucher. Diese Reaktionen können teilweise auch heftig sein. Das verstehe ich sogar. Es wird also einen Einfluss geben. Aber: Der Verbraucher wird keine Chance haben, ein Handy „Made in Germany“ von einem anderen Hersteller zu kaufen. Wir sind die letzten, die ihr Produktion aus Deutschland verlagern. Wir sind sogar die letzten, die am Standort Ulm noch Handys entwickeln. Das wird auch so bleiben.

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