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Im Gespräch: Niels Stolberg : „Die Piraten haben den Bootsmann erschossen“

  • Aktualisiert am

Die Beluga Nomination im vergangenen Jahr im Nord-Ostseekanal Bild: dapd

Somalische Piraten haben den Bootsmann des entführten Frachters Beluga Nomination erschossen. Der Chef der Bremer Beluga-Reederei fürchtet, dass zwei weitere Besatzungsmitglieder ums Leben gekommen sind. „Das ist Terrorismus“, sagt Stolberg und fordert einen besseren Schutz der Handelswege.

          Herr Stolberg, was ist passiert, seitdem die Piraten die Beluga Nomination unter Kontrolle haben?

          Eine dänische Fregatte und ein Patrouillenboot der Seychellen nahmen die Verfolgung auf. Dann fing vor allem das Patrouillenboot plötzlich an, unser Schiff zu beschießen. Da sind die Piraten natürlich total nervös geworden und haben abgedreht.

          Hat die Besatzung des Patrouillenboots mit der Schießerei irgendwas erreicht?

          Man hat die Antennen abgeschossen, um das Schiff manövrierunfähig zu machen. Außerdem wurde der Maschinenraum wie wild unter Feuer genommen, um die Maschine lahmzulegen.

          Hat das funktioniert?

          Ja, es gab einen Brand in der Maschine, die daraufhin ausfiel. Dann eskalierte das Ganze. Wahrscheinlich aus Rache für diesen Angriff erschossen die Piraten unseren Bootsmann. Es gab ein Riesen-Tohuwabohu an Bord. Zwei unserer Kollegen nutzten das Durcheinander zur Flucht. Der zweite Offizier sprang in das Freifallrettungsboot und katapultierte sich per Selbstauslöser ins Wasser. Der zweite Seemann sprang ins Meer und kletterte ebenfalls in das Rettungsboot. Die beiden Männer sind inzwischen von einer dänischen Fregatte aufgefischt worden.

          Wie geht es den übrigen Besatzungsmitgliedern?

          Wir machen uns große Sorgen. Es kann sein, dass zwei weitere Seeleute ums Leben gekommen sind, entweder auf der Flucht ertrunken oder erschossen von den Piraten. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Aber wir befürchten das Schlimmste. Das ist ein Desaster, zumal es ja ganz am Anfang die Möglichkeit gab, die Mannschaft zu retten. Die Crew saß zweieinhalb Tage in der gepanzerten Sicherheitszelle, aber niemand kam ihr zu Hilfe. Die internationale Gemeinschaft hat versagt. Ein solches, vollkommen unkoordiniertes Vorgehen ist für mich nicht nachvollziehbar.

          War der spätere Angriff durch das Patrouillenboot mit Ihnen abgestimmt?

          Nein, es ist nichts mit uns abgestimmt worden. Die haben unser Schiff auf eigene Faust unter Beschuss genommen.

          Was ist danach geschehen?

          Einer der Piraten starb im Kugelhagel. Die übrigen Piraten waren praktisch orientierungslos. Sie wussten nicht, wie sie das Schiff wieder in Gang kriegen sollten. Daher riefen sie ihren Anführer an Land um Hilfe. Der hat ihnen ein Mutterschiff geschickt, die Ende Oktober gekaperte York. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Man hat dieses Schiff, das vor der somalischen Küste lag, in aller Ruhe rausfahren lassen. Nicht einmal das haben die Militäreinheiten der Operation Atalanta und der Nato verhindert. Dabei war die York, übrigens mit einem deutschen Kapitän als Geisel, eineinhalb Tage unterwegs. Das verstehe ich nicht. In dieser Zeit hätte man auch versuchen können, unser Schiff zurückzuholen und die Kollegen an Bord zu befreien. Die Piraten waren total übermüdet, die waren am Ende.

          Hätte man denn sehen können, in welcher Mission die York unterwegs war?

          Ja, das hätte man sofort erkennen müssen. Und jetzt ist es zu spät. Mit Hilfe der York haben die Piraten unser Schiff wieder in Gang gesetzt und vor die somalische Küste gebracht.

          Für die Piraten ist die Beluga Nomination ein gefundenes Fressen: Sie ist mit PS-starken Motoryachten beladen. . .

          Ja, wir müssen damit rechnen, dass die Piraten die schnellen Motoryachten nun für ihre Beutezüge einsetzen.

          Haben Sie irgendeine Aussage von den Streitkräften, wie es nun weitergeht?

          Nein, nichts. Das passt leider ins Bild. Als wir am Samstag vor einer Woche kurz nach dem Überfall alle zuständigen Überwachungs- und Militäreinheiten informierten, bekamen wir auch keinerlei Rückmeldung.

          Welche Konsequenzen ziehen Sie aus diesem dritten Überfall auf ein Beluga-Schiff?

          Wir haben am Freitag entschieden, drei Schiffe nicht mehr durch den Golf von Aden zu schicken, sondern um Südafrika laufen zu lassen. Die gefährdeten Schiffe, die in der nächsten Woche losfahren, werden garantiert private Sicherheitskräfte an Bord nehmen. Wir haben keine andere Möglichkeit. Das Problem ist nur: Unter deutscher Flagge darf ich keine privaten Wachleute an Bord nehmen. Das hat das Innenministerium gesagt.

          Der Reederverband fordert Geleitschutz durch hoheitliche Kräfte. Die Beluga Nomination fährt aber nicht unter deutscher Flagge. Wie können Sie da Hilfe von der Bundesregierung erwarten?

          Natürlich können wir uns auch privaten Schutz beschaffen, das ist überhaupt keine Frage. Aber es ist doch im Interesse aller Staaten, dass derartige Einsätze sauber und vernünftig kontrolliert werden, damit auf See nicht wild durch die Gegend geballert wird. Wir wünschen uns ein System, bei dem Einsatzkräfte von Stationsschiffen aus auf gefährdete Handelsschiffe steigen und diese durch die Gefahrenregion begleiten. Das haben wir schon vor Monaten in Berlin vorgeschlagen. Aber die Politiker haben uns nicht ernst genommen. Berlin hat dieses Thema klar unterschätzt.

          Nimmt die Gewaltbereitschaft der Piraten zu?

          Die Gewaltbereitschaft hat extrem zugenommen. Ich habe von Reederkollegen gehört, dass Besatzungsmitglieder an Land misshandelt worden sind. Wir reden hier nicht über Piraterie, das ist Terrorismus. Jetzt muss sich die Politik wirklich mal bewegen. Man muss bereit sein, die internationalen Handelswege vernünftig zu schützen. Wir sind gerne bereit, uns an den Kosten zu beteiligen.

          Wie geht es Ihren beiden Seeleuten, denen die Flucht vor den Piraten gelungen ist?

          Für die ist das ein Riesenwunder. Sie haben das Gefühl, zum zweiten Mal auf die Welt gekommen zu sein.

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