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Im Gespräch: Hartmut Mehdorn : „In Tegel wird es ganz schön kniffelig“

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Hartmut Mehdorn: Seit Herbst 2011 Vorstandsvorsitzender von AirBerlin Bild: Gyarmaty, Jens

Im Interview attackiert Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn die Versager im Berliner Flughafen-Fiasko, lockt die Kunden mit Tiefstpreisen und streicht seinem Management Saft und Kekse.

          6 Min.

          Herr Mehdorn, an diesem Sonntag starten Ihre Flieger nicht vom schönen neuen Flughafen Berlin-Brandenburg aus, sondern aus dem alten, engen Flughafen Tegel. Zittern Sie vor dem Chaos?

          Niemand muss zittern, alle unsere Passagiere werden ihre Ziele erreichen. Natürlich waren wir mit jeder Faser auf das neue Drehkreuz eingestellt. Jetzt stellen wir uns eben wieder auf Tegel ein, fertig, aus.

          Werden Sie Sonntag vor Ort sein?

          Sie können sicher sein, dass wir durch die Gänge von Tegel laufen und in allen Bereichen nach dem Rechten sehen werden.

          Wie hat Air Berlin es geschafft, eine monatelange Planung für den Umzug nach Schönefeld in nur drei Wochen umzuwerfen?

          Eine Taskforce mit 80, 90 Leuten arbeitet unermüdlich daran. Für die nächsten Tage haben wir uns außerdem mit zusätzlichen Service-Personal verstärkt.

          Ist das alles? Man munkelt, dass es an allen Ecken und Enden hakt.

          Viele Dinge machen uns Sorgen. Allein die Gepäckbänder, in die ewig nicht investiert wurde. Oder der Ein- und Ausstieg der Passagiere am Flugzeug: In Tegel braucht man Treppen, in Schönefeld nur wenige, deshalb wurden sie verkauft oder anders verplant. Ich kann nur hoffen, dass die jetzt noch dastehen. Wir müssen jedes Ersatzteil und jeden Tropfen Sprit aus dem neuen Areal in Schönefeld nach Tegel verfrachten. Aber die Tankwagen, die das Kerosin aus den Tanks in Schönefeld saugen, sind nicht für die Straße zugelassen. Für den Transport nach Tegel heißt es also: umfüllen. Es ist haarsträubend.

          Für Schönefeld haben Sie viel mehr Flüge ins Angebot genommen als früher. Aber in Tegel gelten viel kürzere Betriebszeiten. Wie halten Sie den Plan?

          Wir müssen ihn straffen: mehr Flüge in kürzerer Zeit. So verlieren wir viele kleine Zeitpuffer, die wir in Schönefeld gehabt hätten. Das müssen wir mit dem Flughafen hinkriegen. Jammern hilft nicht weiter.

          Klingt eher beschwörend als beruhigend. Schönefeld sollte ein Drehkreuz sein, wo Passagiere ein- und ausfliegen. Klappt das in Tegel?

          Es wird kniffelig, vor allem die Verwaltung des Gepäcks. Kein Koffer darf auf der Strecke bleiben, wir können ja nicht den Urlaubern sagen: Sorry, eure Koffer kommen nach, hier ist ein Voucher für eine Zahnbürste. In Tegel dauert aber alles länger. Die Flugzeuge können schwer rangieren, die zwei Landebahnen sind nicht gleichzeitig nutzbar, die Enteisung findet bei Regen und Schnee an einem zentralen Platz statt, nicht flexibel am Gate.

          Wurde Ihr Flehen um eine Lockerung des Nachtflugverbots erhört?

          Die Flughafenbehörde will Flüge abends zwischen 23.00 Uhr und 23:15 Uhr zulassen. Das hilft uns nur ein bisschen. Vor 6 Uhr morgens darf nach heutigem Stand nichts abheben. Dies würde derzeit nur 32 unserer Flüge betreffen - etwa alle fünf Tage einen Flug.

          Fertigen Sie Ihre Passagiere in Tegel noch immer in dieser Fabrikhalle neben dem Terminal ab?

          Unsere Halle ist - zugegeben - etwas rustikal, funktioniert aber gut. Hinter ihr steht auch ein Zelt, das wir in Spitzenzeiten nutzen können.

          Aus dem Zelt nach Malle - Ihre Passagiere haben gute Nerven. Oder laufen Ihre Hotlines heiß?

          Wir haben externe Callcenter hinzugebucht, trotzdem klagen die Kunden über lange Warteschleifen. Sie klagen mit gutem Recht, aber unsere Leute arbeiten an ihrer Belastungsgrenze. Ich kann die Passagiere nur um Verständnis und Geduld bitten. Auch wenn es nur ein schwacher Trost ist: Die breite Berichterstattung über das Flughafen-Desaster erklärt den Gästen wenigstens, wer die Probleme zu verantworten hat - wir nicht!

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