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Im Gespräch: Hartmut Mehdorn : „In Tegel wird es ganz schön kniffelig“

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Sie senden missverständliche Botschaften aus. Mal heißt es, Sie schreiben 2013 schwarze Zahlen. Dann heißt es, die Flughafen-Frage sei existenzbedrohend, es stehe gar ein Rettungsverkauf an die Scheichs Ihres Aktionärs Etihad im Raum.

Hier wurden ein paar Sätze von mir völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Ein Verkauf steht nicht zur Debatte, wir stehen auch keineswegs am Abgrund. Ich bin sicher, dass wir 2013 schwarze Zahlen schreiben. Wir sind ein gut aufgestelltes, immer besser werdendes Unternehmen mit tollen Mitarbeitern in einem schwierigen Markt.

Nicht die Medien, sondern Sie sagten das Wort „existenzbedrohend“.

Wenn Politiker ständig neue Lasten für die Luftfahrt erfinden, neben dem europäischen Emissionshandel die deutsche Luftverkehrsteuer, die drohende Kerosinsteuer und immer mehr Nachtflugverbote - dann greifen sie massiv in den internationalen Wettbewerb der Luftfahrtunternehmen ein und gefährden deren Existenz. Die Politik entscheidet, ob sie deutsche Airlines künftig im Wettbewerb mit den ausländischen haben will oder nicht.

Dabei hat Air Berlin endlich mal wieder bessere Zahlen vorgelegt.

Das wurmt mich so. Wir machen operativ große Fortschritte: mehr Umsatz, weniger Schulden, die beste Auslastung seit dem Börsengang.

Sie haben in einem Quartal 50 Millionen Euro gespart. Stimmt es, dass Sie dafür sogar Ihren Leuten den Kaffee rationiert haben?

Sparen fängt im Kleinen an. Säfte, Kaffee und Kekse für Meetings gibt es nicht mehr, Dienstreisen wurden auf ein Minimum reduziert. Wir hatten auch Druckkosten von mehr als 2,6 Millionen Euro. Jetzt wird jedes Blatt Papier beidseitig bedruckt und alle interne Dokumente nur noch in Schwarz-Weiß.

Magere Zeiten.

Mein Vorstand spart an vielen Stellen mit, wir fahren kleine Dienstwagen. Ich bin sicher: Unsere Mitarbeiter verstehen, dass wir uns keinen Schnickschnack mehr leisten können, wenn wir kein Geld verdienen. Die Luftverkehrsteuer kostete uns letztes Jahr fast 170 Millionen Euro, der gestiegene Kerosinpreis ergab einen Mehraufwand von rund 220 Millionen Euro - alles Mehrkosten, die wir nicht an unsere Kunden weitergeben konnten.

Jetzt locken Sie mit Tiefstpreisen. Wo ist die Schmerzgrenze?

Wir haben drei Preissegmente für Geschäftskunden, Urlauber und sehr sparsame Passagiere. Den Kunden der letzten Kategorie ist Service oder das Nebeneinandersitzen nicht wichtig, sie schauen nur auf den Preis. Warum sollten wir ihnen nicht ein Plätzchen freihalten?

Ist Air Berlin ein Billigflieger?

Wir waren es nie und werden es nie sein. Wenn die Leute Air Berlin hören, sollen sie denken: nicht billig, nicht Premium - sondern sympathischer, preiswerter, pünktlicher Service mit Herz für jedermann.

Sie werden in wenigen Wochen 70. Bereuen Sie es, als Retter aus der Rente zurückgekommen zu sein?

Eine Airline zu führen, war noch nie einfach. In Zeiten einer Branchenkrise ist es noch schwieriger, als ich es erwartet hätte. Ich habe auch immer gesagt, dass ich den Job nicht ewig machen kann. Aber was man macht, das muss man richtig machen. Und ganz ehrlich: Es macht mir richtig viel Spaß.

Das Gespräch führte Melanie Amann.

Der Kapitän

Hartmut Mehdorn, bald 70 Jahre alt und verheirateter Vater dreier Kinder, blickt auf eine lange Karriere in der Industrie zurück: Der promovierte Maschinenbauer war Vorstand von Airbus, von RWE und Vorstandschef von Heideldruck. 1999 übernahm er den Posten, der ihn zur öffentlichen Person machte: Zehn Jahre führte er die Deutsche Bahn. In der Datenaffäre trat Mehdorn zurück und ließ sich als Unternehmensberater nieder. Im Herbst 2011 wurde er überraschend Nachfolger von Joachim Hunold als Chef von Air Berlin, in deren Verwaltungsrat er zuvor saß. Die kriselnde Airline setzt große Hoffnungen auf den Flughafen Berlin-Brandenburg, dessen Eröffnung aber auf März 2013 verschoben wurde. Bis dahin drohen Air Berlin finanzielle Schäden und ein Chaos am Flughafen Tegel.

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