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Im Gespräch: Commerzbank-Aufsichtsratschef Müller : „Es war der ungute Einfluss der Angelsachsen“

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Ist überdimensionaler Kunst nicht abgeneigt: Der Aufsichtsratschef der Commerzbank und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken, Klaus-Peter Müller Bild: dpa

Wer Boni will, muss auch Mali befürchten, meint Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über neue Vergütungssysteme, empfiehlt Aktien für die Chefs und beklagt das Kurzfristdenken in den Topetagen.

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          Wer Boni will, muss auch Mali befürchten, meint Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller, der zugleich die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex führt. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über neue Vergütungssysteme, empfiehlt Aktien für die Chefs und beklagt das Kurzfristdenken in den Topetagen.

          Herr Müller, wozu braucht man Corporate-Governance-Kommissionen, wenn Banker sehenden Auges den Untergang ihrer Bank verursachen?

          Einspruch. Ihre Frage erweckt den Eindruck, als ob jede Bank, die jetzt Verluste macht, in übler Weise gezockt hat. Das stimmt nicht. Schauen Sie auf die dramatischen Kurseinbrüche von einstmals sicheren europäischen Staatsanleihen im letzten Quartal. In diese Geld anzulegen hat nichts mit Spekulation zu tun.

          Was ist dann schiefgelaufen?

          Die Entscheidung, Lehman Brothers fallenzulassen, hat entscheidend zur heutigen Lage beigetragen. Das war eine politische Entscheidung, die in den Vereinigten Staaten getroffen wurde. Mit deutscher Unternehmensführung, also mit Corporate Governance, hat das nichts zu tun.

          Sie machen es sich einfach: Lehman ist an allem schuld.

          Nein, die Finanzindustrie hat selber Fehler gemacht. Keine Frage. Ich sage aber auch, dass der Fall von Lehman erst die Dramatik und Dynamik in die Welt gebracht hat.

          Jetzt bekommen wir einen Staatskapitalismus, bei dem immer mehr Unternehmen direkt oder indirekt staatlich beaufsichtigt werden. Was ändert das?

          Nichts. Unser Wirtschaftssystem ist weiterhin die Soziale Marktwirtschaft. Das Gewinnstreben der Unternehmen wird durch die Beteiligung eines Staates nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil: Der Staat will Zinsen. Um diese zu bedienen, müssen die Unternehmen besonders gut wirtschaften.

          Aber in die Aufsichtsräte ziehen Staatsbeamte ein, wie jetzt bei der Commerzbank.

          Aber auch sie würden nicht darüber entscheiden, wer einen Kredit bekommt. Das bleibt weiterhin die Aufgabe des Vorstands. Dieser führt eigenverantwortlich die Geschäfte, der Aufsichtsrat beaufsichtigt und berät, so ist die gesetzliche Lage.

          Wenn der Staat jetzt das Desaster ausbaden muss, wäre es doch konsequent, dass er gleich von vornherein eigene Vertreter in die Aufsichtsräte schickt.

          Die Politik sagt selber, dass es nicht in ihrem Interesse ist, dass sich der Staat dauerhaft in einem Unternehmen engagiert. Der Staat ist ein temporärer Akteur, in Zeiten, in denen der Markt nicht funktioniert.

          Dann sind Ihrer Meinung nach auch die hohen Boni der Vorstände nicht für die Exzesse verantwortlich?

          Es gibt Vergütungsstrukturen, die einem sehr kurzfristigen Denken Vorschub geleistet haben. Das führte dazu, dass das Ziel, schnell Gewinn zu machen, manchmal wichtiger war als die langfristige Entwicklung des Unternehmens.

          Wie konnte das passieren?

          Das war sicherlich auch der ungute Einfluss des angelsächsischen Systems auf die Gehaltsstruktur, gegen den wir uns offenbar nicht durchsetzen konnten. Wenn Sie bedenken, dass im Investmentbanking teilweise bis zu fünfzig Prozent der Erträge als Boni an die Banker ausgeschüttet wurden, dann finde ich das, gelinde gesagt, unangemessen.

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