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Im Gespräch: Bernd Kundrun : „Wir richten uns darauf ein, dass es schlimm wird“

  • Aktualisiert am

Kundrun: Mehrwertsteuer für Printprodukte streichen Bild: dpa/dpaweb

Die Wirtschaftskrise ist mit aller Härte bei den Medienhäusern angekommen. Insolvenzen seien nicht auszuschließen, sagt Bernd Kundrun, Vorstandschef von Europas größtem Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr.

          Die Wirtschaftskrise ist mit aller Härte bei den Medienhäusern angekommen. Insolvenzen seien nicht auszuschließen, sagt Bernd Kundrun. Der Vorstandschef von Europas größtem Zeitschriftenverlag (“Stern“, „Brigitte“, „Geo“) erwartet im nächsten Jahr einen zweistelligen Rückgang der Werbeerlöse. Kundrun plädiert dafür, die Mehrwertsteuer für Printprodukte zu streichen.

          Herr Kundrun, wie schlimm wird es für die Medienbranche?

          Die Werbeausgaben verlaufen stets prozyklisch. In Jahren, in denen die Wirtschaft ordentlich wächst, gibt es ein überproportionales Werbewachstum. Und in Jahren der Stagnation oder gar Schrumpfung des Bruttosozialproduktes fahren die Unternehmen ihre Werbemaßnahmen überproportional zurück. Daher müssen wir uns darauf einrichten, dass es schlimm wird. Das heißt, ich schließe auch zweistellige Rückgänge der Werbeerlöse im nächsten Jahr nicht aus.

          Sind alle Medien gleichermaßen stark betroffen von der Krise?

          Leider zeigt die Erfahrung, dass die Printmedien überproportional stark betroffen sein werden. Der Grund liegt darin, dass Imagewerbung und positionierende Werbung vielen Unternehmen als am leichtesten verzichtbar erscheinen. Davon sind Zeitschriften- und Zeitungsverlage stärker betroffen als andere Medien. Daher ist die Prognose für die Printmedien besorgniserregend. Ich halte im Übrigen diesen Verzicht auf Imagewerbung für einen gravierenden Fehler. Denn wer jetzt an öffentlicher Wahrnehmung verliert, wird es später, wenn die Märkte wieder anziehen, sehr schwer haben, diese wieder zurückzugewinnen.

          Erwarten Sie im nächsten Jahr noch größere Einschnitte in der Branche?

          Das wird von Verlag zu Verlag unterschiedlich sein. Wir bei Gruner + Jahr haben unsere Hausaufgaben gemacht und gehen davon aus, dass wir den heute absehbaren Werbeeinbruch ohne weitere Maßnahmen überstehen können.

          Wann könnte das Anzeigengeschäft wieder anziehen?

          Das ist schwer zu prognostizieren. Wir können von Glück sagen, wenn es im zweiten Halbjahr 2009 wieder bergauf geht, aber ich bleibe skeptisch.

          Wird es zu Insolvenzen kommen?

          Das kann man nicht ausschließen. Kleinere und mittlere Verlage, die keine solide Finanzierungsbasis haben und deren Ergebnisse nur knapp über der Nulllinie liegen, können in den nächsten ein bis zwei Jahren in Schwierigkeiten geraten.

          Sollte die Medienwirtschaft Hilfe suchen bei der Politik?

          Ich halte nicht viel davon, einen weiteren Rettungsschirm für die nächste Branche zu verlangen. Aber man sollte darüber diskutieren, die Mehrwertsteuer für Printprodukte abzuschaffen. Schließlich hat die Presse eine gesellschaftstragende Rolle und deswegen auch einen besonderen Wert für die Demokratie und die Kultur dieses Landes.

          Zu Gruner + Jahr. Im März sagten Sie: "Unser Kerngeschäft war nie in einer besseren Verfassung." Was sagen Sie heute?

          Unser Kerngeschäft ist noch immer in einer guten Verfassung. Aber im März hat niemand gewusst, dass wir binnen kurzem in eine Wirtschaftssituation geraten werden, die manche bereits als die schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnen. Darauf müssen wir reagieren und die Titel schweren Herzens aufgeben, die keine Chance haben, in einem nachhaltig negativen Umfeld erfolgreich zu sein.

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