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Im Gespräch: Architekt Pierre de Meuron : „Bei der Elbphilharmonie wackelt der Schwanz mit dem Hund“

  • Aktualisiert am
Teures Prunkstück: Die Kosten für den Bau der Elbphilharmonie sind stetig gestiegen
          4 Min.

          Herr de Meuron, an diesem Donnerstag stellen Sie sich dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) der Hamburger Bürgerschaft, der sich mit dem Debakel rund um die Elbphilharmonie befasst. Sehen Sie sich dort auf der Anklagebank?

          Nein, wieso denn das? Der PUA dient der Aufarbeitung politischer Verantwortung. Ich bin als Zeuge geladen.

          Sie und Ihre Kollegen sind als Generalplaner auch für die Bauüberwachung zuständig. Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?

          Eine Menge! Insbesondere wurde das Projekt ausgeschrieben, bevor eine ausreichende Planungsgrundlage bestand. Wir haben immer wieder vor einer verfrühten Ausschreibung gewarnt. Kosten und Termine ließen sich nach unserer Einschätzung zum damaligen Zeitpunkt nicht mit der notwendigen Sicherheit bestimmen. Die kalkulatorischen Risiken waren zu groß. Diese Warnungen gibt es auch schriftlich. Dieselben Fehler wurden Ende 2008 bei der sogenannten Neuordnung - dem NA4 - wieder gemacht. Auch hier haben wir im Vorfeld schriftlich gewarnt. Im Übrigen ist schon merkwürdig, dass ein Bauunternehmen wie Hochtief seinem Auftraggeber nicht die notwendigen Informationen zur Überwachung liefert. Nicht einmal Angaben zu verwendeten Produkten, Messprotokollen, Terminabläufen und dergleichen werden übergeben.

          Was sind die wesentlichen Ursachen für den enormen Kostenanstieg?

          Die verfrühte Ausschreibung habe ich bereits genannt, die falsch angelegte Vertragsarchitektur tat ihr Übriges. Auf dieser Grundlage konnte die Baufirma Hochtief ein ungehemmtes Forderungsmanagement aufbauen. Hier hätte man zumindest durch hartes Gegensteuern reagieren müssen. Stattdessen wurde im NA4 erneut den überzogenen Forderungen von Hochtief entgegengekommen.

          Der Hamburger Senat hat 5700 Mängel aufgelistet, die noch nicht behoben sind. Wie viele gehen davon auf Ihr Konto?

          Das ist einfach, nicht einer. Sie reden über Ausführungsmängel, die von uns festgestellt und an die ReGe - die städtische Realisierungsgesellschaft, die das Projekt steuert - gemeldet wurden. Die Ausführungsqualität ist in weiten Bereichen nach wie vor ein großes Problem.

          Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler hält es für möglich, dass Ihre Planungen fehlerhaft waren, und droht Ihnen bereits mit Schadensersatzansprüchen.

          Dass Frau Kisseler uns drohen würde, ist mir neu. Wir stehen zu unserer Planung und haben sie pünktlich abgeliefert. Wenn Sie auf das Saaldach der Elbphilharmonie anspielen: Die Statik ist vom Aufsteller, dem zuständigen Prüfer und der Behörde sowie einem unabhängigen Gutachter gerechnet und für richtig befunden worden.

          Was sind die größten Baumängel, die Hochtief zu verantworten hat?

          Wir wollen in Hamburg eine erstklassige Elbphilharmonie abliefern. Das ist unser Auftrag. Dabei hat Qualität für uns zwei Aspekte: Funktionalität und gestalterische Qualität. Bei der Funktionalität machen wir keine Abstriche. Gestalterische Kompromisse sind hinnehmbar, solange sie keine prominenten Bereiche betreffen und zu Kosteneinsparungen führen. Ob ein Rohr im Keller nicht verkleidet ist, ist sicher nicht entscheidend. Wenn es jedoch schon beim einfachen Parkhaus Probleme mit der Qualität gab, was ist erst beim anspruchsvollen Konzertsaal zu erwarten?

          Der Bau hinkt 25 Monate hinter dem ursprünglichen Zeitplan hinterher. Davon nimmt die Stadt Hamburg nur drei Monate auf die eigene Kappe. Wer trägt die Schuld für die restliche Verzögerung?

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