https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/ikk-chef-ralf-hermes-zahl-der-krankenkassen-deutlich-verringern-18491840.html

IKK-Chef für mehr Konkurrenz : „Die Hälfte der Krankenkassen reicht aus“

Ein bunter Haufen: Versicherte können aus einer Vielzahl unterschiedlicher Kassen wählen. Bild: dpa

In der Diskussion um die Finanzschieflage der gesetzlichen Krankenversicherung fordert IKK-Chef Ralf Hermes, die Zahl der Krankenkassen deutlich zu verringern. Die Politik solle endlich echte Konkurrenz zulassen.

          3 Min.

          In der Diskussion um die Finanzschieflage der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gibt es erste Forderungen nach einer deutlichen Verringerung der Krankenkassenzahl. „Deutschland hat fast 100 Krankenkassen, diese Menge braucht kein Mensch“, sagt Krankenkassenchef Ralf Hermes, Vorstand der IKK Innovationskasse in Lübeck. „Es ist schwer zu sagen, wie viele Kassen überlebensfähig sind, aber ich schätze, die Hälfte reicht aus.“

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Würde man die „Unmengen an Personal und Strukturen“ reduzieren, ließe sich viel Geld sparen, so Hermes. Seiner Meinung nach sollte die Politik echte Konkurrenz zulassen, sich ansonsten aus den Versicherungen aber heraushalten. „Die Kassen, die es nicht schaffen, müssen dann halt fusionieren oder gehen notfalls insolvent.“

          Die IKK Innovationskasse mit rund 250.000 Versicherten ist selbst aus einer Konsolidierung hervorgegangen, als 2006 die IKK Mecklenburg-Vorpommern mit der IKK Schleswig-Holstein fusionierte. Hermes sagt, Unternehmen mit weniger als 100.000 Versicherten hätten es sehr schwer am Markt, weil sie viele Dienstleistungen – vor allem digitale Services – extern hinzukaufen müssten. „Oft fehlt es an Geld, Personal, Know-how.“ Rund 50 deutsche Krankenkassen haben weniger als 100.000 Versicherte. Der größte deutsche Anbieter, die Techniker Krankenkasse, bringt es hingegen auf mehr als elf Millionen.

          Zahl der Kassen sinkt seit Jahren

          Dem GKV-Spitzenverband zufolge sind 74 Millionen Personen gesetzlich krankenversichert, 90 Prozent der Bevölkerung. Um sie kümmern sich 97 Kassen, sechs weniger als 2021. Die Zahl schmilzt schon seit Jahrzehnten: Im Jahr 2000 waren noch 420 Anbieter am Markt, 1990 rund 1150 und 1970 mehr als 1800.

          Hermes ist zwar gegen das System einer einzigen dominanten Kasse – vergleichbar etwa mit der Deutschen Rentenversicherung – , weil das Gesundheitswesen sehr komplex sei und behördenartige Monopole zulasten aller Akteure gingen. Aber die aktuelle Kassenzahl sei angesichts weitgehend identischer Leistungen in der Regelversorgung noch immer zu hoch.

          Auch auf der Preisseite gibt es nur geringe Unterschiede. Alle Anbieter verlangen den Regelbeitrag von 14,6 Prozent des Bruttolohns (bis zur Bemessungsgrenze). Eigentlich sollte über den kassenindividuellen Zusatzbeitrag ein gewisser Wettbewerb zustande kommen, und tatsächlich variiert die Spanne hier zwischen 0,7 und 3 Prozent.

          Aber diese beiden Werte sind Ausreißer, im Durchschnitt beträgt der Zusatzbeitrag 1,3 Prozent. „Klar ist jedenfalls, dass der Kampf um Mitglieder nicht über günstige Beiträge stattfindet“, sagt Hermes.

          Seiner Ansicht nach können die Kassen viel eher im Kundenservice miteinander wettstreiten sowie mit zusätzlichen Angeboten. So will seine IKK als erstes Haus Long-Covid-Behandlungen bezahlen. Selbst in der Regelleistung könnte es mehr Konkurrenz geben, wenn die Kassen eine größere Verhandlungsfreiheit gegenüber den Leistungserbringern hätten, findet er.

          Bisher regeln alle Kassenverbände gemeinsam auf Landesebene die Gesamtvergütung für die Regelversorgung in Gesprächen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen. „Gäbe es in all diesen Bereichen mehr Wettbewerb, würde sich schnell die Spreu vom Weizen trennen“, sagt Hermes.

          Ausgaben steigen stärker als die Einnahmen

          Im kommenden Jahr dürfte die Gefahr steigen, dass einzelnen Kassen die Luft ausgeht. Denn aufgrund teurer Leistungsgesetze steigen die Ausgaben viel stärker als die Einnahmen. Gleichzeitig schwindet das GKV-Vermögen, weil die Rücklagen dem Defizitausgleich dienen.

          Um das Rekorddefizit von 17 Milliarden Euro zu decken, sieht das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eine Anhebung des durchschnittlichen Zusatzbeitrags um 0,3 Punkte auf 1,6 Prozent vor. Doch selbst dieser Anstieg könnte nicht ausreichen, wie neue Berechnungen der Bitmarck Holding ergeben haben, des Informationsdienstleisters der Krankenkassen.

          In dem Bitmarck-Papier „Haushaltsplanung 2023“ steht, dass für 71 Prozent der Kassen die von Lauterbach geplante Anhebung des Zusatzbeitrags nicht ausreichen werde, um die Kosten zu decken. Nach dem Griff in die Finanzreserven verfügten sie schlicht nicht mehr über genügend Vermögen, um die erwartete Ausgabenflut auszugleichen. Einige Kassen liefen sogar Gefahr, unter die gesetzliche Mindestreserve zu rutschen.

          Dabei sind die Haushaltsmittel zur Stützung der GKV im kommendem Jahr mit 16,5 Milliarden Euro um 2 Milliarden höher als in normalen Zeiten; hinzu kommt eine weitere Milliarde als Darlehen. Und doch konstatiert die Bitmarck: „Die Wettbewerbslage in der GKV im Jahr 2023 scheint sich trotz der Bundeszuschüsse deutlich zuzuspitzen.“ Es ist also recht wahrscheinlich, dass im neuen Jahr weitere Anbieter vom Markt verschwinden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die elf slowakischen MiG-29-Kampfflugzeuge wurden laut dem Verteidigungsministerium in Bratislava noch nicht an die Ukraine geliefert.

          Kampfflugzeuge für Kiew : Liefern, aber nur in Abstimmung

          Nach einer Bitte aus Kiew deuten östliche NATO-Mitglieder an, der Ukraine Kampfflugzeuge liefern zu wollen. Doch eine wesentliche Einschränkung bleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.