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Neueröffnung in Wien : Wie Ikea sich neu erfindet

Ikea wäre nicht Schwedens bekannteste Marke und der Welt größtes Möbelhaus geworden, hätten die Betreiber kein Gespür für den Zeitgeist. Bild: Reuters

In Wien testet der schwedische Möbelgigant ein neues Konzept für das innerstädtische Einkaufen. Was fehlt, ist das Bällebad am Eingang – und Autoparkplätze.

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          Wer  das neue Ikea- „Hus“ in der Wiener Innenstadt besuchen will, muss vorher wie im Pariser Louvre oder den Vatikanischen Museen in Rom ein Zeitfenster buchen. Für den Eröffnungstag am Donnerstag waren alle Slots seit Tagen ausgebucht. Wer es dennoch versuchte, bekam die Antwort: „Die Anmeldung für diese Veranstaltung ist bereits abgelaufen.“

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Ikea wäre nicht Schwedens bekannteste Marke und der Welt größtes Möbelhaus geworden, hätten die Betreiber kein Gespür für den Zeitgeist. Also umfasst das neue Ikea-Kaufhaus nicht nur Hausrat, Möbel und Schweden-Restaurant, sondern auch eine bis Mitternacht zugängliche Dachterrasse auf 2600 Quadratmetern, mit Snackbar, Grünbewuchs und einem phantastischen Blick über die Stadt. Darunter versteckt sich eine an die Accor Hotelmarke JO&JOE verpachtete Hoteletage. Was fehlt, ist das Bällebad am Eingang – und Autoparkplätze. Das war die Bedingung der Stadt, als die Schweden vor zehn Jahren auf die Idee kamen, hier, am Ort der alten Bahn-Zentrale, einen innerstädtischen Laden zu eröffnen. So baute Ikea das erste Kaufhaus ohne Autoparkplätze.

          Das vermeintliche Manko ist jetzt Konzept. Der Konzern folgt auch sprachlich „den Erwartungen städtischer Kunden nach Mobilität ohne Auto. Der neue IKEA Store ist komplett autofrei – das Konzept ist gänzlich auf Fußgänger:innen, Öffi-Nutzer:innen und Radfahrer:innen ausgerichtet.“ Wer hier einkaufen will, kommt zu Fuß, dem Fahrrad oder mit U- oder Straßenbahn. Der Wiener Westbahnhof ist direkt vor der Tür. Kleinigkeiten wie drei Plastikdosen „Pruta“ für 1 Euro oder sechs Teller „Kallas“ für 2 Euro passen noch in die Einkaufstasche, das 3er-Sofa „Färlov“ kann man sich am Stadtrand abholen oder per Lastenrad oder Elektroauto anliefern lassen.

          „Ausreichend Platz für Vogelnester sowie Bienenstöcke“

          Das „umweltschonende Vorzeigeobjekt“ (Eigenwerbung IKEA) auf knapp 22.000 Quadratmetern Fläche soll neben dem Umsatz auch dem Klima helfen. Ikea-Mangerin Maimuna Mosser rechnet vor, dass damit im Jahr 350.000 Autofahrten und damit 1000 Tonnen CO2 gegenüber einem herkömmlichen Einrichtungshaus eingespart würden. 160 Bäume und Sträucher zieren das würfelförmige Gebäude, angeblich senken sie die Temperatur im Sommers hitzegeplagten Wien. Es gibt eine Photovoltaikanlage und „ausreichend Platz für Vogelnester sowie Bienenstöcke“. Ein Konzept mit dem, so fasst es das linksalternative Wiener Wochenblatt Falter hübsch zusammen, „die Generation Greta in den Schoß der IKEA-Familie geholt werden soll.“

          140 Millionen Euro hat der Konzern im das lichte Ambiente mit dem Charme eines begehbaren Hochregallagers investiert. Es ist kein Ikea-Labyrinth mehr, in dem der Kunde von Küchen zu Schlafzimmern zu Badezimmern geführt wird, bevor er am Schluss vor dem Ständer mit den Hunderterpacks Teelichter steht. Der neue Store soll ein Treffpunkt sein, der zum Verweilen, Suchen und Kaufen lädt, gerne per Handy-App, aber bitte nicht länger als 90 Minuten – aus Rücksicht auf andere Interessenten, wie die Website mahnt. Eine ähnliches „future-store-format“ testet Ikea soeben in einer frisch renovierten Filiale in Shanghai. Über allem schwebt die Frage, wie Präsenzgeschäfte und Online-Einkauf zusammenwachsen können.

          Die Wiener Kaufhaus-Managerin Johanna Cederlöf  jedenfalls präsentiert ihren Laden als Teil der Stadtgesellschaft, will das Geschäft „zum zweiten Wohnzimmer der Wiener machen“ – auf dass der trotz Corona im Vorjahr um 5,5 Prozent auf 847 Millionen Euro gestiegene Umsatz in Österreich weiter wachse. Das finden nicht alle gut. Draußen demonstrieren ein paar Unentwegte gegen Ausbeutung durch schädliche Lieferketten, andere werfen dem Möbelkonzern vor, er lasse in Rumänien alte Wälder abholzen.

          Wiens Bürgermeister Michael Ludwig ficht das wenig an. Der freut sich über 370 neue Arbeitsplätze und das „Signal, dass wir in einer Stadt wie Wien den Asphalt aufreißen“. Die versprochene Verkehrsberuhigung im Viertel werde man auch noch hinbekommen. Geöffnet wird dann 10 Minuten vor der Zeit. Fähnchenschwingende Mitarbeiter begrüßten die ersten Kunden. Es ist eine diverse Mischung, wie sie sich die Marketingabteilung nicht schöner hätte bestellen können. Alte und Junge, Frauen und Männer mit kaukasischen und asiatischen Gesichtszügen, Hell- und Dunkelhäutige, Basecap-Träger und solche mit Kopftuch bevölkerten im Nu die fünf Geschosse. Nur der große Fahrradständer draußen vor der Tür bleibt einstweilen leer.

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