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Ikea in Russland : Köttbullar gegen Korruption

Ikea in Russland schien eine Erfolgsgeschichte zu werden Bild: ZB

Das Möbelhaus Ikea klagt über Lug und Betrug in Russland. Jahrelang habe das Unternehmen dort gelitten - unter Korruption, Bestechung, Erpressung. Nun liegen alle Investitionspläne auf Eis. Russische Mafia? Vorsicht vor dem Klischee.

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          Als Ikea im März 2000 seine erste Filiale in einem Vorort von Moskau eröffnete, quetschten sich gleich am ersten Tag vierzigtausend Menschen durch die von Billy-Regalen gesäumten Gänge. Die waren schon breiter angelegt als in Europa, man hatte mit dem Ansturm der Massen gerechnet. Von diesem Tag an lud die russische Mittelschicht begeistert Haferkekse und Läkeröl-Pastillen in überdimensionale Einkaufswagen.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Ikea in Russland schien eine Erfolgsgeschichte zu werden: Schon 2004 waren um Moskau herum drei weitere blaugelbe Einkaufshäuser hinzugekommen und eines in St. Petersburg. Zwei neue Häuser je Jahr wolle man eröffnen, sagte der Ikea-Gründer und Haupteigner, Ingvar Kamprad 2006 im schwedischen Radio. 20 Filialen sollten es irgendwann sein.

          Dazu wird es vielleicht nicht mehr kommen, und wenn, dann wird es länger dauern als in Kamprads Vision. Heute betreiben die Schweden 11 Möbelhäuser in Russland, drei weitere sind in der Konstruktionsphase. Alle weiteren Investitionspläne werde Ikea "vorerst auf Eis legen", teilte die Unternehmensspitze Anfang dieser Woche mit. Der Grund: Lug und Betrug, jahrelanges Leiden unter Korruption, Bestechung und Erpressung. So wird die Entscheidung interpretiert, die Kamprad selbst mit einem seiner seltenen Interviews im schwedischen Rundfunk vorbereitet hatte. Man sei in Russland hintergangen worden: "Wir sind bei Strom- und Gaslieferungen richtig saftig betrogen worden, der Verlust für uns beträgt ungefähr 150 Millionen Euro," zitierte ihn das Radio im Internet. Ikea werde gegen den Betrug gerichtlich vorgehen. Das Unternehmen habe auch eigene Generatoren installieren müssen. Es sei "insgesamt eine furchtbar teure Angelegenheit."

          Ikea beschwert sich nicht zum ersten Mal

          Ikea beschwert sich nicht zum ersten Mal in der Öffentlichkeit über die schwierigen Arbeitsbedingungen in Russland. Immer wieder wurden kurz vor der Eröffnung von Filialen Probleme und Verzögerungen bekannt. Der Russland-Chef des Unternehmens, Per Kaufmann, hatte außerdem schon vor Kamprads Radio-Interview in einem Interview von Schwierigkeiten berichtet, die es mit der Eröffnung eines Hauses in Samara, einer Industriestadt an der Wolga, gebe. Dort hat Ikea, wie an sechs weiteren Standorten, nicht nur ein Möbelhaus, sondern noch das Einkaufszentrum "Mega" errichtet. Als alles fertig zur Eröffnung war, hätten Inspektoren plötzlich darauf hingewiesen, dass das Gebäude für Hurricane-Windstärken nicht stabil genug gebaut sei. Solche Winde sind in der fraglichen Region aber offenbar noch nie gemessen worden. Kaufmann sagte in dem Interview: "Immer wieder gibt es Inspektionen und neue Punkte tauchen auf - so langsam bekommen wir das Gefühl, dass jemand uns nicht mag."

          Am vergangenen Dienstag veröffentlichte Kaufmann nun eine Erklärung für den Investitionsstopp. Entscheidend seien die "Unvorhersehbarkeit der administrativen Prozesse in manchen Regionen" und "die Tatsache, dass unser Shoppingcenter in Samara, das fertig zur Eröffnung ist, noch immer auf die nötige Erlaubnis wartet". Alle laufenden Projekte, deren Finanzierung schon begonnen habe, würden aber zu Ende gebracht. Das gilt für Samara, Omsk, Ufa und die Region um Moskau, wo Ikea weitere "Mega"Zentren mit integrierten Ikea-Filialen plant. Außerdem wolle Ikea weiterhin Verhandlungen über neue Standorte führen.

          Nur ein Vorwand zum Rückzug?

          In der deutsch-russischen Handelsgemeinschaft ist nicht jeder davon überzeugt, dass in dieser Geschichte alles dem Klischee entspricht, nach dem brave westliche Investoren zum Opfer mafiöser russischer Behörden werden. Der Sprecher eines deutschen Konzerns, der in Russland ebenfalls große Projekte betreut, ist der Meinung, dass die Betrugsvorwürfe für Ikea auch ein Vorwand dafür sein könnten, sich aus Projekten zurückzuziehen, die man sich nicht mehr leisten könne. Es sei eben sehr schwierig, genug Mieter für die "Mega"-Häuser zu finden. Außerdem sei Ikea wohl "sehr forsch" vorgegangen, habe "sich als westlicher Investor aufgespielt" und damit die Behörden gegen sich aufgebracht. Sein Unternehmen habe in Russland immer nur gute Erfahrungen gemacht.

          "Es gibt zwei Welten in Russland", sagt Klaus Mangold, der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, in dem auch Ikea Deutschland Mitglied ist. Er kenne sowohl Projekte, die problemlos und schnell realisiert würden, wie bei Daimler, VW oder der Metro AG, die auch große Märkte in Russland unterhält. Aber es gebe auch das Gegenteil - wie im Fall von Ikea oder in der Zementindustrie, wo Genehmigungen sich schon mal über ein Jahr hinziehen könnten.

          "Der Teufel liegt in den Regionen", sagt Mangold. Es seien die lokalen Autoritäten, von denen es abhänge, ob man schnell oder langsam vorankäme. Samara sei eine sehr schwierige Region, Projekte in Nischni Nowgorod klappten fast immer reibungslos. Allerdings werde es überall zusehends schwieriger, eine ordentliche Infrastruktur und Energieversorgung aufzubauen, sagt Mangold. Er empfehle allen Investoren, unbedingt von Anfang an klarzustellen, "dass Korruption kein Thema für das Unternehmen ist". Mangold will der Zentralregierung in Moskau nun einen Brief schreiben. Bisher hat diese sich nicht zu den Vorwürfen Ikeas geäußert.

          Ein Möbelhaus in Iran

          Die Vorgänge in Russland halten Ingvar Kamprads aber nicht von anderen geradezu verwegenen Ideen ab, die er den schwedischen Radiohörern ebenfalls am vergangenen Wochenende präsentierte: Er wolle ein Möbelhaus in Iran eröffnen. "Wenn wir irgendwann einmal funktionierende Beziehungen mit Iran haben möchten, dann ist es gut, dort ein bisschen unserer Bräuche und unseren Lebensstils hinzubringen. Das kann Türen öffnen, die kein Politiker dieser Welt öffnen kann."

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