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Kommentar : Das Drama der IG Metall

Bei ihrem letzten Kampf um eine neue Regelung der Arbeitszeiten setzte die IG Metall zehntausende Arbeitsplätze aufs Spiel. Was geschieht diesmal? Bild: dpa

Die Gewerkschaft IG Metall ruft das erste Mal seit langem das Thema Arbeitszeit wieder auf den Plan. Bisher endeten diese Tarifrunden stets dramatisch. Hat die Gewerkschaft nichts gelernt?

          Die IG Metall ist eine große, starke Gewerkschaft. Sie ist die mit Abstand mächtigste Gewerkschaft in Deutschland und über die Grenzen hinaus. Das hat sie zwei wesentlichen Umständen zu verdanken: Zum einen ist es ihr in den vergangenen Jahren gelungen, in der Tarifpolitik eine halbwegs tragfähige Balance zwischen klassenkämpferischem Eifer und erfolgsorientiertem Pragmatismus zu finden. Zum anderen erleben die großen Branchen der Metall- und Elektroindustrie, allen voran die Autohersteller, dank ihrer Weltmarkterfolge einen langen, starken Aufschwung.

          Blickt man weiter zurück, drängen ganz andere Erfahrungen ins Bild. Sie betreffen die Zeit vor den Anfängen dieses Aufschwungs, die schon mehr als eine Dekade zurückliegen: Davor hatte die IG Metall mit ihrem zwei Jahrzehnte langen Kampf für Arbeitszeitverkürzungen („35-Stunden-Woche mit Lohnausgleich“) Zehntausende Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt und reihenweise Betriebe aus dem Flächentarif vertrieben. Leider ist derzeit unklar, ob ihr diese Erfahrungen vor der kommenden Tarifrunde für insgesamt 3,9 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie noch ausreichend präsent sind.

          Forderungen werden von vielen nicht hinterfragt

          Sicher ist: Die IG Metall begibt sich mit der neuen Tarifforderung, die ihr Vorstand nun beschlossen hat, auf gefährliches Terrain. Dass sie sechs Prozent mehr Lohn durchsetzen will, ist schon mutig. Es fällt aber angesichts eines immer noch lebhaften Industrieaufschwungs nicht ganz aus dem Rahmen des tarifpolitischen Kräftespiels; obwohl bekanntlich vor den Autoherstellern düstere Wolken aufgezogen sind. Das genügt der Gewerkschaft aber nicht. Sie will den Metallern auch neue Ansprüche auf Arbeitszeitverkürzung verschaffen. Wer lieber nur 28 Stunden arbeitet, der soll das jederzeit durchsetzen können – und garantiert bekommen, dass die Vollzeitstelle nach zwei Jahren wieder zur Verfügung steht. Überdies verlangt die IG Metall einen Lohnausgleich: Wer Kinder hat, pflegebedürftige Angehörige oder wer Schichtarbeit leistet, der soll vom Arbeitgeber einen Lohnzuschuss erhalten, um sich die zeitliche Entlastung besser leisten zu können.

          Über die Sinnhaftigkeit dieser Forderungen lässt sich nach unterschiedlichen Maßstäben streiten. Lässt man tarif- und ordnungspolitische Fragen ganz beiseite, dann lässt sich feststellen: Das passt zum Zeitgeist. Es wirkt umso moderner, wenn sich die Idee der „Zeitsouveränität“ für Arbeitnehmer mit vagen Visionen einer digitalisierten Arbeitswelt verbindet. Und offenbar finden auch etliche Metaller die Idee spannend genug, um nicht zu fragen, ob vielleicht eine Lohnforderung von acht Prozent stattdessen noch schöner gewesen wäre.

          Die Arbeitszeit sorgt für Streit

          Die Schlüsselfrage aller Tarifpolitik ist aber anders gelagert: Es geht nicht darum, was man fallweise interessant finden mag. Dort zählt, was man Betrieben im Flächentarif vorschreiben kann, ohne sie damit in die Flucht aus der (bisher) freiwilligen Tarifbindung zu treiben. Und anderseits zählt, wofür jene Beschäftigten, die Gewerkschaftsmitglieder sind, im Ernstfall mit aller Härte streiken würden.

          Eines bestätigt ein Rückblick in jedem Fall: Tarifrunden zum Thema Arbeitszeit verlaufen stets dramatisch. Im Jahr 1984 zog die IG Metall bei steigender Arbeitslosigkeit in den ersten großen Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche. 1995, als die Verkürzung dann in den Betrieben endgültig in Kraft trat, packte sie auf die schon drückende Last eine neue saftige Lohnforderung drauf. Das trieb dann die Arbeitgeberverbände und den Flächentarif an den Rand des Zerfalls, teils darüber hinaus. Es war die Geburtsstunde der OT-Verbände („ohne Tarifbindung“), über deren Existenz sich Gewerkschafter und ihre politischen Fürsprecher heute oft künstlich empören.

          Die nächste Tarifrunde wird zum Prüfstein

          Im Jahr 2003 lief es dann etwas anders: Die IG Metall zog in den Kampf, um die 35 Stunden auch im Osten durchzusetzen, wo noch die 38-Stunden-Woche galt. Damit aber verrechnete sie sich völlig, unterschätzte den Widerstand der Arbeitgeber und überschätzte den Kampfeswillen ihrer Mitglieder. Nach mehrwöchigen Streiks erklärte sie die bedingungslose Kapitulation. Danach geriet die IG Metall an den Rand der Spaltung. Fast 15 Jahre lang enthielt sie sich dann der Versuchung, das Thema Arbeitszeit noch einmal aufzurufen. Nun aber ist es wieder so weit, nur in leicht abgewandelter Form. Die kommende Tarifrunde wird damit zum Prüfstein für die Lernfähigkeit der IG Metall – und für die Zukunftsfähigkeit der Flächentarifpolitik in der Metallindustrie insgesamt.

          Zu einem vollständigen Bild der Erfahrungen seit 1984 gehört indes der Befund, dass der Druck der Arbeitszeitverkürzung und der sie begleitenden Krisen ungeplant einen Innovationsschub ausgelöst hat – hin zu einem flexibleren Personal- und Zeiteinsatz für die Betriebe. Dieser Schub stärkt die deutsche Industrie bis heute. Umso mehr kommt es nun darauf an, ob die IG Metall klug genug ist, diese Wechselwirkung zu beachten. Sollte ein Tarifabschluss den Betrieben diese Flexibilitätspuffer einfach wegnehmen und durch Ansprüche auf „Zeitsouveränität“ für Arbeitnehmer ersetzen, ist ein Rückfall in Zeiten der wirtschaftlichen und tarifpolitischen Strukturkrisen wie vor zwanzig Jahren programmiert. Diesmal ist Innovation ohne Umwege gefragt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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