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Therapieball für Demenzkranke : So bleibt Roy Black unvergessen

  • -Aktualisiert am

Die Patienten bleiben am Ball. Bild: icho systems gmbh

Icho Systems hat einen handlichen Ball für Menschen mit Demenz entwickelt. Er erzählt Märchen und singt Lieblingslieder – und weckt so beruhigende Erinnerungen an vergangene Zeiten.

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          Nach Informationen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft erkranken jedes Jahr mehr als 300.000 Menschen in Deutschland an Demenz. Nach Angaben der Alzheimer Forschung Initiative e.V. „ist es sinnvoll, das Denk- und Erinnerungsvermögen des Patienten zu aktivieren“. Es gehe um die Verbesserung der Lebensqualität und das Schaffen von Sicherheit und Geborgenheit. Das Duisburger Start-up Icho Systems GmbH hat einen interaktiven Therapieball entwickelt, der die Lebensqualität von Demenzpatienten erhöhen soll.

          Der etwa 15 Zentimeter große Ball mit dem Namen ichó spielt Melodien, die zum Mitsingen auffordern. Geschichten, Sprichwörter, Lieder, Tiergeräusche und Märchen aus vergangenen Tagen dienen der Entspannung und Beruhigung und fördern das Erinnerungsvermögen. Klänge und Licht verbessern die Merkfähigkeit. „Akkorde sollen den Menschen das Gefühl geben, wieder ein Instrument spielen zu können, auch wenn sie nicht mehr dazu in der Lage sind“, erklärt Geschäftsführer Steffen Preuß. Die Bewegungen mit dem Ball fördern die Balance und mildern das Sturzrisiko.

          Das Geschäftsmodell entwickelten Preuß und seine Mitgründer auch aus dem Willen heraus, eigenen demenzkranken Angehörigen zu helfen. Konkretisiert wurde es 2015 im Rahmen eines Forschungsvorhabens der Duisburger Hochschule. Produkte für die soziale Betreuung dementiell veränderter Menschen gebe es viele, sagt Preuß. Doch es gebe kein anderes Produkt mit so vielen Therapiemöglichkeiten. Die Innovation von Icho besteht darin, die technischen Möglichkeiten eines Tablets in einen Ball zu packen.

          Für die Großeltern

          Der erste Prototyp wurde den dementen Großeltern vorgestellt. „Ich kann mich an tolle Momente erinnern, als meine Großmutter das erste Drahtgeflecht in den Händen hielt und ihre Lieblingsmusik von Roy Black abspielte“, erzählt Preuß. Sie sei einfach „wieder da“ gewesen, habe mitgesungen und geschunkelt und sich gefreut.

          „Wir nutzen den Ball seit seiner Markteinführung“, sagt Petra Steigerwald, Leiterin der Tagespflege der Caritas Moers-Xanten. „Er kann auf den dementiellen Zustand der Patienten beziehungsweise deren Einschränkungen gut abgestimmt werden.“ Die Patienten freuten sich darauf, mit dem Ball zu spielen. „Wir erzielen sehr gute Erfolge in Bezug auf das Erinnern und die Bewegungen.“ Bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz arbeite man viel mit Farben und Vibrationen.

          2016 bewarb sich das Team um Steffen Preuß beim Social Impact Lab, einem Gründerzentrum für Sozialunternehmer. „Wir wollten es einfach probieren“, sagt Preuß. Er studierte nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter Kommunikationsdesign und entwickelte damals schon Werbestrategien und -mittel für seine Kunden. Seine Mitgründer und Kollegen absolvierten Studiengänge in den Bereichen Elektrotechnik, Medieninformatik, Kommunikationsdesign und Betriebswirtschaft.

          Kann auch gestreichelt werden

          Zwei Jahre lang haben sie mit Ärzten, Therapeuten, Pflegepersonal und Patienten zusammengearbeitet. Ihre Teilnahme an Wettbewerben machte auf das Produkt aufmerksam, Investoren wurden über persönliche Kontakte gewonnen. 2018 wurde das Unternehmen von der EU-Kommission als eines der innovativsten Start-ups in Europa ausgezeichnet. Im April 2020 wurden die ersten ichós ausgeliefert.

          Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Demenztablet besitzt ichó viele Steuerungsprogramme. Weitere Anwendungen können über die Plattform Agora aufgespielt werden, angepasst an den biographischen Hintergrund des Patienten. 32 LED sorgen dafür, dass der Ball leuchtet. Ein Sensor erkennt die Annäherungen an ichó. Er kann gestreichelt, angefasst oder einfach nur angetippt werden.

          Der Ball werde ständig weiterentwickelt, sagt Preuß. Derzeit gibt es 42 Apps; manche sind noch in der Testphase. Die Bereiche Behindertenhilfe und Entwicklungsstörungen sollen stärker einbezogen werden. Auch Kinder mit Autismus und geistiger Behinderung sollen angesprochen werden. Dazu gibt es Anfragen aus England, Frankreich, Japan und den Vereinigten Staaten.

          Corona belastet den Umsatz

          Ein Ball kostet 1250 Euro, die Individualisierung weitere 75 Euro. Icho Systems arbeitet daran, dass Verbraucher selbst Anwendungen herunterladen können. Die Kosten je App belaufen sich auf 30 bis 50 Euro. Preuß würde gerne mit den Krankenkassen einen Selektivvertrag schließen. Ein Demenzkranker mit Diagnose könne so von der Versicherung eine finanzielle Unterstützung erhalten. Doch dies sei ein langwieriger Prozess.

          Die Endfertigung erfolgt in einer Behindertenwerkstatt. „Doch in Zeiten von Corona mussten wir umdenken“, erklärt Preuß. Nun übernimmt das Team aus elf festen Angestellten und mehreren freien Mitarbeitern die Endfertigung selbst. Der Ball ist auch ein Betreuungsangebot in Zeiten von Lockdown und Isolation.

          Jedoch fehlen derzeit sämtliche Vertriebsmöglichkeiten, da Messen abgesagt werden und Pflegeeinrichtungen nicht zugänglich sind. Ziel war es, 2020 eine vorgefertigte Stückzahl von 1000 Bällen zu verkaufen. „Mehr als 300 Produkte konnten wir 2020 bis November nicht verkaufen“, sagt Preuß. Man arbeite an einem Plan, wie man trotz Corona weitere Kunden gewinnen könne.

          Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

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