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ICE nach London : Zug im Verzug

Die reguläre ICE-Bahnverbindung nach London wird es wohl vor 2015 nicht geben Bild: AFP

Eine direkte Zugverbindung von Deutschland nach London wird es vorerst nicht geben. Die Deutsche Bahn fährt frühestens Ende 2015 mit ihrem ICE nach England - und macht dafür Siemens verantwortlich.

          Vielleicht schon zu den Olympischen Spielen im nächsten Sommer, auf jeden Fall aber Ende 2013 wollte die Deutsche Bahn ihren Fahrgästen etwas ganz Besonderes bieten: eine direkte Zugverbindung von Deutschland nach London. Lange nährten der Bahn-Vorstandsvorsitzende Rüdiger Grube und sein Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg diese Hoffnung.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Vor gut einem Jahr ließen sie sogar einen ICE durch den Eurotunnel in den Londoner Bahnhof St.Pancras schleppen, um zum Ärger des Konkurrenten Eurostar auf der Insel für ihr ehrgeiziges Vorhaben zu werben.

          Nun ist der Zeitplan für den London-Zug jedoch Makulatur. „Voraussichtlich können wir erst Ende 2015 den Verkehr nach London aufnehmen“, heißt es in Konzernkreisen. „Das ist eine Verschiebung um mindestens zwei Jahre - für uns äußerst unerfreulich.“ Die Schuld daran hat zumindest nach Lesart der Bahn: Siemens.

          Der Münchner Konzern hatte ihr Ende November mitgeteilt, dass der avisierte Zeitplan für die Lieferung von 16 Hochgeschwindigkeitszügen der Baureihe 407 abermals nicht zu halten sei. Schnell war klar, dass die schlechte Nachricht die Aufstockung der ICE-Flotte in Deutschland torpediert. Doch der Effekt ist grenzüberschreitend: Auch „London“ ist durch die Verspätung betroffen.

          „Im Produktionszyklus weit vorangeschritten“

          Ursprünglich hatte Siemens zugesagt, die ersten neuen ICE 3 schon dieses Jahr zu liefern. Die Bahn hatte die Züge in den Winterfahrplan 2011/12 integriert, der am Sonntag beginnt. Sie wollte so endlich ihre notorischen Fahrzeugengpässe lindern, die Bahnkunden in den zurückliegenden Wintern immer wieder in Form von Verspätungen und Zugausfällen zu spüren bekamen. Wegen Schwierigkeiten mit Zulieferern verschob Siemens aber seine Lieferankündigung zunächst für alle Züge auf 2012.

          Nun hat der Konzern wieder einen Rückzieher gemacht; er will jetzt bis Ende 2012 jedenfalls acht bis zehn Züge liefern. Dabei sei man „im Produktionszyklus weit vorangeschritten“, betont Siemens. Doch auch die neue Agenda ist nach Einschätzung des Eisenbahnbundesamtes knapp kalkuliert, da Siemens erst im nächsten Oktober die letzten Zulassungsunterlagen einreichen will.

          Erst in vier Jahren wird auch in London der erste ICE regulär in den Bahnhof einfahren

          Selbst wenn das Amt sein oft als zu gemächlich geschmähtes Prüftempo im Olympiajahr verschärfen sollte, worauf nicht zuletzt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) dringt, sind die Züge am Jahresende erst einmal nur hierzulande betriebsbereit. Da Zulassungen für Frankreich und Belgien fehlen, können sie noch nicht im grenzüberschreitenden Verkehr fahren.

          Eigentlich hatte Siemens auf die Frankreich-Zulassung im August 2012 gehofft. Nach dem überarbeiteten Plan braucht das Unternehmen jedoch länger für die Anträge; derzeit laufen Testfahrten in Frankreich. Die Verkehrssparte unter Leitung von Vorstand Hans-Jörg Grundmann rechnet nun frühestens im August 2013 mit einer Betriebsgenehmigung in Frankreich und 2014 in Belgien.#

          „Wir haben noch gar kein verbindliches Angebot“

          Für den London-Zug ist das fatal. Denn erst danach könnten auch die Zulassungen für den Tunnel sowie für England und die Niederlande beantragt werden, heißt es in Bahn-Kreisen. Siemens weist in dem Schwarze-Peter-Spiel die Verantwortung für die Verzögerung der London-Pläne mit dem Argument von sich, die Bahn habe die erforderliche Tunnel-Nachrüstung noch gar nicht in Auftrag gegeben.

          Die Bahn hält dagegen: Weil bis zur Zulassung noch viel Zeit verstreiche, bestehe keine Eile, bei Siemens die Software zu bestellen. „Wir behindern damit den Zeitplan nicht“, heißt es. „Außerdem hat uns Siemens dafür noch gar kein verbindliches Angebot gemacht.“ Die Implementierung des zusätzlichen Sicherheitspakets werde dann noch einmal neun Monate dauern. So komme der neue Termin Ende 2015 zustande. Und das sei für London noch das „Best-case-Szenario“.

          Die Bahn macht Siemens für die Verzögerung verantwortlich

          Aber Siemens zieht einen weiteren Trumpf: Das London-Abenteuer scheitere vor allem daran, dass die Bahn noch keine Zulassung der intergouvernementalen Tunnel-Kommission habe, um mit ihren Zügen überhaupt unter dem Ärmelkanal hindurchzufahren. Denn die Bahn verfüge - anders als Eurostar, momentan Monopolist auf der Strecke - nur über Züge in sogenannter Doppeltraktion, also Züge von 200 Meter Länge, die aneinandergekoppelt werden, nicht über durchgängige 400 Meter lange Züge.

          Die Bahn gibt sich gelassen: Sie hat nach eigener Einschätzung in Evakuierungstests die Sicherheit und Tunneltauglichkeit der Doppeltraktion nachgewiesen und hofft deshalb bis Februar 2012 auf eine Genehmigung der französisch-britischen Kommission für den Tunnel.

          Ramsauer zeigt sich von Siemens enttäuscht

          Die Verzögerung für den London-Verkehr ist für die Bahn ärgerlich, weil sie mit neuen Zügen den Konkurrenten Eurostar ausstechen wollte. Nun dürfte der zeitliche Vorsprung dahinschmelzen, denn auch Eurostar hat neue Züge bei Siemens bestellt. Dies hatte zu politischen Spannungen geführt, da Siemens erstmals den Vorzug vor dem französischen Anbieter Alstom bekam. Verkehrsminister Ramsauer sprang damals Siemens zur Seite und führte klärende Gespräche mit seinem französischen Amtskollegen.

          Heute zeigt sich Ramsauer von Siemens enttäuscht. „Es ist sehr schade, dass der Terminplan nicht eingehalten wird, weil die ICE-Züge samt Zulassung nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen“, ließ er über seinen Sprecher ausrichten. Unter ministerieller Leitung hatten vorige Woche die Vertragspartner miteinander telefoniert. Während sich die Konzernchefs Rüdiger Grube und Peter Löscher zwei Tage zuvor verbal noch im Guten getrennt hatten, sollen in dem Gespräch die Fetzen geflogen sein. Für April hat Ramsauer die Streithähne wieder zu einem Spitzengespräch eingeladen.

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