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ICE-Ausfälle : Blind im Bahnchaos

Volle Bahnsteige - sich hier mit nur 10 Prozent Sehvermögen zurechtzufinden ist schwierig Bild: dpa

Seitdem die Bahn 61 ICE-Züge zur Überprüfung in die Werkstätten geholt hat, herrscht an vielen Bahnhöfen großes Durcheinander. Was für alle Reisenden schwer zu bewältigen ist, gestaltet sich umso schwieriger für Menschen mit Behinderungen. Philipp Krohn hat einen blinden Reisenden im Bahnchaos begleitet.

          Freitagabend, kurz vor 18 Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof: Hunderte von Menschen drängen sich vor den Anzeigetafeln. 100 Minuten, 60 Minuten, 45 Minuten - Verspätungen für zahllose Züge. An den Informationsständen bilden sich Schlangen. Ein Junge rennt hektisch durch die Halle, rempelt einen anderen Fahrgast an. Trotzdem lächeln beide. Das Bahnchaos hat ihnen ihre Gelassenheit noch nicht genommen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Auf Gleis 7 steht Ralf Huber*, groß, um die 45, zwei Koffer in der Hand. „Ich bin blind, können Sie mir helfen“, bittet er den Schaffner. Fahrgäste stürmen über den Bahnsteig, zwei Züge sollen hier gleich hintereinander einfahren, die Gleise sind knapp geworden an diesem verrückten Tag. Etwa zehn Prozent Sehfähigkeit hat Huber, genug um die stürmenden Massen diffus zu erkennen, zu wenig um sich selbst seinen Anschlusszug zu suchen.

          Die Fahrt gleicht dem Aufenthalt in einer Sardinenbüchse

          Gut gelaunt war er seine Reise angetreten. Eine Woche Seminar in der Eifel hatte er erfolgreich hinter sich gebracht. Mit dem Taxi von Kall nach Köln, erst auf dem Bahnsteig das erste Mal Beklemmung: nervöse Fahrgäste, überforderte Bahnangestellte. Sein Zug nach Mannheim fällt aus. Dort wäre Huber gern nach München umgestiegen, der Anschluss wäre gleich am Gleis gegenüber weitergefahren - praktisch für jemanden, der fast nicht sehen kann. Jetzt also nach Frankfurt. Die Fahrt über die Rennstrecke durch den Westerwald gleich dem Aufenthalt in einer Sardinenbüchse. Eineinhalb Stunden Stehen - trotzdem behält Huber seine gute Laune.

          Erst am Bahnsteig fühlt er sich wieder beklommen. Selbst der Schaffner weiß nicht, wie es weitergeht, „Wir versuchen, die Leute immer ein Stück weiter zu ihrem Zielort zu bringen“, ist von einem Bahnangestellten zu hören. Huber beginnt, sich aufzuregen und lässt sich schließlich zu einem IC nach Nürnberg bringen - das wäre schon wieder eine Etappe in Richtung München.

          Die obligatorische Mehdorn-Schelte bleibt nicht aus

          An den Infoständen arbeiten die Servicedamen im Akkord. Ein Rentner verzweifelt beinahe, weil er noch am Abend bis ins Freiburger Hinterland muss. Die obligatorische Mehdorn-Schelte bleibt nicht aus. Ein junger Franzose hat sich mit alten Freunden in Lausanne verabredet. In der Schweiz wollen sie den französischen Nationalfeiertag am 14. Juli feiern. Bis Lausanne wird er aber nicht mehr kommen. „Sie können hier auf unsere Kosten in einem Hotel übernachten“, sagt die junge Frau von der Bahn. „Unsere meisten Kunden waren zum Glück gelassen“, fügt sie erleichtert hinzu. Aus einer anderen Ecke dröhnen Schlachtrufe von einigen Hundert Norddeutschen durch die Halle. Sie sind zu einem Fußballturnier der Werber nach Frankfurt gekommen. Ihr Sonderzug hatte keine Verspätung. 155 Minuten dagegen verzögert sich eine Fahrt in Richtung Stuttgart.

          In der DB Lounge gehen derweil die Gläser aus. „Eigentlich haben wir den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als Gläser zu waschen und nachzustellen“, berichten die Angestellten hier. So viel war noch nie los. Ein Getränkeengpass ist aber nicht eingetreten. „Davon haben wir genug“, sagen die drei Frauen. Bei den Details stimmt es in der Bahn-Logistik.

          Ralf Huber steckt noch immer fest

          Ralf Huber hat inzwischen einen Sitzplatz im IC nach Nürnberg gefunden. Losfahren kann er trotzdem nicht. Der ICE nach Köln steht auf demselben Gleis und verstopft den Weg. Er ist überfüllt. „Mindestens 100 Fahrgäste müssen noch aussteigen“, teilt die Zugchefin den Kunden mit. „Wieso, im Speisewagen ist so viel Platz, da kann man noch tanzen“, scherzt einer von ihnen - auch hier herrscht trotz allem Gelassenheit. Eine halbe Stunde dauert es, bis das Problem behoben ist. Huber erkennt noch schemenhaft, wie die Bahnpolizei über den Bahnsteig fegt und offenbar eingreift. Mit 56 Minuten Verspätung geht es für ihn weiter, zusätzlich zu der halben Stunde, die er auf dem Weg nach Frankfurt verloren hat.

          Vor dem Halt in Würzburg erfährt Huber dann vom Schaffner, dass er in einen ICE nach München umsteigen kann. Immerhin nicht weiter bis Nürnberg - und der Anschlusszug hält sogar am selben Gleis. Im ICE gönnt er sich erstmal ein Weißbier. „Ab da war ich wieder ein Mensch“, sagt er scherzend. 100 Minuten später als geplant kommt er schließlich in München-Pasing an. „Ich habe Glück gehabt“, sagt er im Nachhinein, „meine Anschlüsse fuhren immer am selben Gleis weiter. Wenn mir aber keiner etwas sagen kann, bin ich als Sehbehinderter verloren.“ Eine kostenfreie Servicenummer, über die man schon am Donnerstagabend Informationen hätte sammeln können, hätte ihm schon genutzt, sagt der Münchener. „Aber am Ende bin ich ja auch angekommen.“

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