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Technologie : IBM gibt Geschäft mit Gesichtserkennung auf

Verstoß gegen Menschenrechte? Demonstration einer Gesichtserkennungssoftware Bild: AFP

Die Anti-Rassismus-Demonstrationen in Amerika haben die Diskussion um Gesichtserkennungsprogramme weiter befeuert. IBM zieht sich aus dem Geschäft jetzt zurück. Der Chef des Konzerns fordert einen „nationalen Dialog“ über die umstrittene Technologie.

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          Kritiker sehen in der Gesichtserkennung ein Überwachungswerkzeug von Regierungen und Strafverfolgungsbehörden. Sie weisen darauf hin, dass die Technologie unzuverlässige Ergebnisse liefere und dies oft zu Lasten ethnischer Minderheiten gehe. In einer vieldiskutierten Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) aus dem Jahr 2018, in der verschiedene Gesichtserkennungsprogramme getestet wurden, identifizierten die Programme aus einer Gruppe dunkelhäutiger Frauen bis zu 35 Prozent fälschlicherweise als Männer. Die gegenwärtigen Anti-Rassismus-Demonstrationen nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd haben die Diskussion um Gesichtserkennung weiter befeuert. Die Organisation „Algorithmic Justice League“, die sich mit dem Diskriminierungspotential Künstlicher Intelligenz befasst, schrieb vor wenigen Tagen in einem Blogeintrag, die Polizei setze bei den Protesten Gesichtserkennungstechnologie ein, und sie warnte, dies werde „einmal mehr unverhältnismäßig schwarzen Menschen schaden“.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Im Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen hat der Technologiekonzern IBM nun mitgeteilt, sich aus dem Geschäft mit Gesichtserkennung zurückgezogen zu haben. Der Vorstandsvorsitzende Arvind Krishna schrieb in einem Brief an mehrere Mitglieder des amerikanischen Kongresses, IBM biete solche Software nicht mehr an und sei allgemein gegen diese Technologie, wenn ihr Einsatz zu Massenüberwachung, Diskriminierung und der Verletzung von Menschenrechten führe. „Wir glauben, jetzt ist die Zeit, um einen nationalen Dialog darüber zu beginnen, ob und wie Gesichtserkennungstechnologie von Strafverfolgungsbehörden eingesetzt werden sollte“, schrieb Krishna weiter. Die Politiker, an die der Brief des IBM-Chefs adressiert war, haben gerade einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Reform amerikanischer Polizeibehörden vorsieht. Krishna unterstützte dieses Vorhaben in seinem Brief und sprach sich für landesweite Regeln aus, um Polizisten für Fehlverhalten besser zur Verantwortung ziehen zu können.

          Die Gesichtserkennungssoftware von IBM gehörte zu den Produkten, die sich in der MIT-Studie als unzuverlässig erwiesen haben. Der Konzern hat seither daran gearbeitet, die Technologie zu verbessern. Allerdings dürfte sie IBM bislang nur wenig Umsatz eingebracht haben. Der Fernsehsender „CNBC“ berichtete, der Rückzug aus dem Geschäft sei sowohl eine wirtschaftliche als auch eine ethische Entscheidung gewesen. Sie sei im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Diskussion um Rassismus und notwendige Reformen in der Polizei gefallen.

          Auf dem Gebiet der Gesichtserkennung sind auch andere große Konzerne wie Microsoft und Amazon aktiv. Gerade Microsoft hat dabei aber oft auf die Gefahren der Technologie hingewiesen und Regulierung gefordert. Im vergangenen Jahr weigerte sich das Unternehmen, seine Gesichtserkennungssoftware an eine Strafverfolgungsbehörde in Kalifornien zu liefern, angeblich aus Sorge um mögliche Verletzungen von Menschenrechten. Amazon vertreibt in seinem Geschäft mit Cloud-Computing die Gesichtserkennungssoftware „Rekognition“ und ist deshalb wiederholt in Erklärungsnot geraten. Eine Gruppe von Aktionären hatte im vergangenen Jahr beantragt, den Verkauf des Systems an Regierungsbehörden einzustellen, war aber mit dem Vorhaben gescheitert.

          In jüngster Zeit ist auch der kleinere Anbieter Clearview AI Gegenstand vieler Diskussionen um Gesichtserkennung gewesen. Clearview hat für sein System aus diversen Quellen im Internet, darunter Facebook und Youtube, eine Datenbank mit mehr als drei Milliarden Porträtfotos aufgebaut. Wie die „New York Times“ vor einigen Monaten schrieb, haben weder die amerikanische Regierung noch große Technologiekonzerne jemals etwas auch nur annähernd Vergleichbares geschaffen.

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