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Hygieneskandal bei Müller-Brot : Gutes aus Bayern

Viele Beobachter geben der Großbäckerei aus Neufahrn unter ihrem alten Namen nun keine Zukunft mehr. Der Name sei nach den Tricksereien und der Irreführung der Öffentlichkeit verbrannt. Bild: dpa

Zuerst war es nur ein Lebensmittelskandal in Bayern. Jetzt ist Müller-Brot im ganzen Land bekannt - und ringt um die Existenz.

          Es begann mit einem Schwelbrand. Er musste als Erklärung dafür herhalten, dass Filialen der Großbäckerei Müller-Brot am 30. Januar nicht mehr mit Brot und Backwaren beliefert wurden. Die Mitarbeiter in den Läden riefen frühmorgens in der Zentrale in Neufahrn an. Sie warteten auf die Ware, die nicht kam. Wegen eines Brandes habe die Produktion gestoppt werden müssen, bekamen sie zur Antwort. Andere Bäckereibetriebe eilten zur Hilfe, damit die Regale nicht leer blieben.

          Seit drei Wochen ruht die Produktion

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Den Schwelbrand hat es nie gegeben, wie eine Anfrage bei der verwunderten örtlichen Feuerwehr ergab. Die Wahrheit kam erst zwei Tage nach Bekanntwerden der Lieferprobleme ans Licht: Nicht Flammen haben die industrielle Fertigung von Brot, Semmeln, Brezeln und Kuchen in einer 55.000 Quadratmeter großen Produktionshalle lahmgelegt, sondern Kakerlaken, anderes Ungeziefer und Dreck inklusive Mäusekot. Fast drei Wochen dauert der Produktionsstopp mittlerweile. Die 240 Läden mit dem grünen Schriftzug und der Mühle sind zum Teil verwaist, es werden aber immer noch Kunden gesichtet. Lidl und Aldi-Süd sind als Großabnehmer abgesprungen. Am Donnerstag hat die Müller-Brot GmbH, die 2010 einen Umsatz von 118 Millionen Euro erwirtschaftet hat, Insolvenz angemeldet.

          Falschangaben, verzögerte Informationen sowie das fragwürdige Verhalten der Behörden haben einen anfangs lokal begrenzten Hygieneskandal über die Grenzen Münchens hinaus bekannt gemacht. Von "glatter Lüge" sprechen Brancheninsider, wenn sie auf Eigentümer Klaus-Dieter Ostendorf angesprochen werden. Selbst den Hilfe leistenden Bäckereien ließ er so lange die Mär vom Brand auftischen, bis sie nicht mehr zu halten war.

          1100 Mitarbeiter betroffen

          Am Freitag prüften Kontrolleure vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, vom zuständigen Landratsamt Freising sowie von der Regierung Oberbayern die Fabrik. Am Abend entschieden sie, dass die Produktion vorerst ruhen müsse, obwohl das Unternehmen umfangreiche Sanierungs- und Reinigungsmassnahmen durchgeführt hat. Trotz des Insolvenzantrags müssen alle Beteiligten - einschließlich der etwa 1100 Mitarbeiter - an einer Wiederaufnahme der Fertigung interessiert sein. Der vom Amtsgericht bestellte vorläufige Insolvenzverwalter Hubert Ampferl von der Nürnberger Kanzlei Beck & Partner jedenfalls betonte, das notwendige Geld für den Weiterbetrieb sei schon freigegeben.

          Klaus-Dieter Ostendorf, der früher dem Vorstand der Bäckereikette Kamps angehörte und Müller-Brot 2003 im Streit mit dem Unternehmensgründer Hans Müller übernahm, hat inzwischen zwar Fehler eingestanden und Besserung gelobt. Doch die Überzeugungsarbeit kam zu spät - oder wurde ihm nicht abgenommen. Die Missstände haben nichts mit Billig- und Massenproduktion zu tun. Denn Müller verlangt ähnliche Preise und erhielt Auszeichnungen wie andere Bäcker. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) erhebt indes den Vorwurf, Ostendorf und sein Geschäftsführer Stefan Huhn hätten Müller-Brot absichtlich in die Insolvenz fallen lassen, um sich so entschulden und die Bezahlung der Mitarbeiter durch das Insolvenzgeld über die Agentur für Arbeit finanzieren lassen zu können. Die Beschäftigten galten ohnehin als schlecht bezahlt und hatten nach NGG-Angaben in der Vergangenheit auf Lohnbestandteile verzichtet.

          Lebensmittelkontrolleure kamen 21-mal zu Besuch

          Die über die Region hinausgehende Bedeutung des Lebensmittelskandals liegt indes auch im Verhalten der Behörden, das im Freistaat schon zum Politikum geworden ist: Seit Mitte 2009 sind ihnen gravierende hygienische Mängel bei Müller-Brot bekannt. 21-mal kamen Lebensmittelkontrolleure zu Besuch. Mehrmals musste das Unternehmen hohe Ordnungsstrafen in fünfstelliger Höhe zahlen. Mitte 2011 nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Die Bäckerei produzierte weiter, und die Öffentlichkeit blieb bis zum 1. Februar dieses Jahres ahnungslos.

          Müller-Brot geht somit in die Liste der prominenten Lebensmittelskandale ein, zu denen der Glykol-Wein (1985), die Würmer im Fisch (1987), diverse Skandale um Hormone in Rind- und Schweinefleisch, die Vielzahl von Gammelfleisch-Vorfällen und die Verwendung von Fleischabfällen im Döner (2007) und jüngst das gepanschte Olivenöl aus Italien gehören.

          Markenname inzwischen verbrannt?

          Der Fall aus Neufahrn steht aber auch für den wirtschaftlichen Schaden, den ein solcher Skandal auslöst. Verheerend waren die Behördenberichte über verdorbene Nudeln des deutschen Marktführers Birkel im August 1985. Der "Flüssigei-Skandal" bewirkte Umsatzeinbrüche von 50 Prozent. Die Berichte der Behörde stellten sich später als falsch heraus. Birkel bezifferte den Schaden auf 42 Millionen Mark, bekam aber nach langen Gerichtsprozessen nur 13 Millionen DM Schadensersatz. Schwerer wog für die Einzelhandelskette Real das Umetikettieren von Hackfleisch, das die Kette in eine tiefe Krise stürzte. Jahrelang litt Real unter Ertragsproblemen, die direkt dem Skandal zuzurechnen waren. Er war ein maßgeblicher Auslöser dafür, dass sich der Mutterkonzern Metro von Real trennen will. Bis heute sucht der Handelskonzern nach einem Käufer für die Kette.

          Viele Beobachter geben der Großbäckerei aus Neufahrn unter ihrem alten Namen nun keine Zukunft mehr. Der Name sei nach den Tricksereien und der Irreführung der Öffentlichkeit verbrannt. Und es gibt sogar Stimmen, die sagen, dass Müller sich angesichts der Angebotsfülle an Bäckereien überflüssig gemacht hat.

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