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Technikkonzern : Huawei kämpft ums Überleben – mit Autos

Mehr als Mobilfunk: Huawei-Logo auf einer Mobilfunkmesse in China. Bild: dpa

Die amerikanischen Sanktionen treffen den chinesischen Smartphonehersteller Huawei schwer. Nun verkauft der Konzern auch Elektroautos – will offiziell aber nur Zulieferer sein.

          3 Min.

          Es war eine ungewohnte Rolle, die Huawei-Manager Richard Yu einen Tag vor Heiligabend bei der Präsentation der neuesten Produkte seines Arbeitgebers spielen musste: Zu behaupten, diese stammten gar nicht von dem Technikkonzern selbst.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Früher hat Yu, der die Smartphonesparte von Huawei einst zur Weltspitze geführt und zum profitabelsten Bereich seines Konzerns gemacht hat, mit dem Stolz auf neu vorgestellte Waren nicht hinter dem Berg gehalten. „Sssssssuperschnell“ sei der neue Chip des Huawei-Telefons „Mate 10“, hatte Yu vor 4 Jahren gerufen, als er bei einem Besuch der F.A.Z. in der Unternehmenszentrale in Shenzhen das Gerät vorstellte, dass den Konkurrent Apple das Fürchten lehren sollte: „Das ist kein Smartphone, das ist eine intelligente Maschine.“

          Erzählungen wie aus einer anderen Zeit. Weil Amerikas Regierung unter Präsident Donald Trump den einst innovativsten chinesischen Technologiekonzern zur Gefahr für die nationale Sicherheit der USA erklärt und ihn von der Lieferung von amerikanischen Halbleitern abgeschnitten hat, kann der Hersteller nur noch einen Bruchteil der Smartphones herstellen, die er zu früheren Zeiten verkauft hat. Um 29 Prozent ist der Umsatz von Huawei im vergangenen Jahr gegenüber 2020 eingebrochen und beträgt nun noch 634 Milliarden Yuan (88 Milliarden Euro).

          „Unser Ziel ist es, zu überleben“

          Das klingt zwar nicht danach, als müsste das Unternehmen bald die Zahlungsunfähigkeit anmelden. Dabei war genau das zu befürchten gewesen, als im Sommer vergangenen Jahres Huawei-Vorstandschef Eric Xu in dramatischen Worten ankündigte: „Unser Ziel ist es, zu überleben.“

          Den Überlebenskampf beschwor auch Yu Ende Dezember. Wie Huawei diesen gewinnen will, wurde auf der Bühne in der Halle klar. Dort präsentierte der im schwarzen Anzug angetane Manager ein „smartes Gerät mit Rädern“, das Yu in den höchsten Tönen anpries, aber gar nicht für seine Unternehmen vereinnahmen wollte. „Wir werden keine Autos selbst herstellen“, rief er in die Halle – und präsentierte dann genau das: ein Elektro-SUV von Huawei.

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          Zwar trägt der „Aito M5“ nicht den Namen des Konzerns. Hergestellt wird er vom Autobauer Sokon aus Chongqing, der im vergangenen Jahr gerade mal einen Anteil von 1 Prozent am chinesischen Automarkt hatte und damit im Vergleich zur weltberühmten Marke Huawei völlig unbekannt ist. Doch der Aito, der ab 250.000 Yuan (35.000 Euro) zu haben ist und dessen Batterie angeblich für 1000 Kilometer reichen soll, trägt unverkennbar die Handschrift von Huaweis Entwicklungslaboren in Shenzhen.

          Huawei will endlich aufholen

          Yu hat unumwunden eingeräumt, dass der Verkauf von Autos den Verlust im Smartphonegeschäft wieder ausgleichen soll. Bisher gestaltet sich das schwierig, ist der Wettbewerb in Chinas E-Autobranche doch riesig angesichts eines Wachstums von über 150 Prozent im vergangenen Jahr. Während Marktführer Tesla in den 12 Monaten geschätzt 240.000 Autos in China verkaufte und lokale Konkurrenten wie Nio immerhin auf 167.000 Stück kamen, verkaufte sich das erste von Huawei mitgestaltete Auto – ein SUV namens SF5 – seit der Vorstellung im Juli 2020 laut der chinesischen Parteizeitung „Global Times“ nur rund 10.000 Mal.

          Mit dem „Aito M5“, von dem Huawei im Dezember in der englischen Simultanübersetzung behauptete, seine Innenausstattung sei so edel wie in Autos für „100 Millionen Yuan“ (14 Millionen Euro), will Huawei endlich aufholen. Das Fahrzeug ist mit dem Betriebssystem HarmonyOS ausgestattet, das der Konzern aus der Not heraus entwickelt hat, nachdem ihn die amerikanischen Sanktionen vom Bezug künftiger Versionen des Google-Betriebssystems Android abgeschnitten haben. Wie auf einem Huawei-Smartphone sollen sich über das System Dinge wie Navigation, Chats und Musikstreaming benutzerfreundlich erledigen lassen. Die Stärke und Reichweite der Batterie sei der eines Tesla Model Y überlegen, brüstete sich Yu in dem ihm eigenen Art.

          Eher Zulieferer als Produzent

          Nun also stehen in Huaweis „New Concept Stores“ wie in Peking nicht nur Smartphones und Tablets aus, sondern auch raumfüllende Autos vor Wänden, an denen unterschiedliche Felgen-Modelle zur Auswahl hängen. Dass hier ein früherer Konsumentenelektronikgigant umgesattelt hat, darauf deutet vor allem der riesige Bildschirm im Inneren des Fahrzeugs hin, auf dem die Interessenten nach Herzenslust Wischen und Klicken, genau wie auf ihren Huawei-Telefonen. Nun haben die Idee, dass Autos künftig vor allem Smartphones auf Rädern sind, andere Anbieter weit vor den Technikern aus Shenzhen gehabt. Doch haben angeblich in nur 4 Tagen seit Vorstellung des Modells bereits 6500 Kunden den M5 bestellt, was bei Huawei-Fans bereits als Erfolg gefeiert wird.

          Im Gegensatz zu den vielen kleinen Startups, die sich in Chinas E-Autobranche tummeln, hätte der riesige Huawei-Konzern sicherlich die Mittel, um auch eine lange Durststrecke beim Autobau durchzuhalten. Doch das Unternehmen sieht sich eher als Autozulieferer denn als Produzent. Ein Erlös von 10.000 Yuan (1390) pro verkauftem Fahrzeug sei schon ausreichend, hat Huawei mitgeteilt. Am liebsten würde es sein Auto-Betriebssystem zum Goldstandard in der Branche machen. Bisher sind die chinesischen Hersteller Changan, GAC und Daimler-Joint-Venture Partner BAIC Kunden.

          Bei 30 Millionen verkauften Fahrzeugen jährlich allein in China würde es nach Meinung von Huawei schon reichen, wenn der Konzern an der heimischen Industrie verdienen würde. Dass er es geschafft hat, ein Auto zu bauen, hat Huawei immerhin dem derzeit führenden Smartphonehersteller im Reich der Mitte voraus: dem kalifornischen iPhone-Produzenten Apple.

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