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Hohe Infektionszahlen : Corona-Alarm im Schlachthof

Das Westfleisch-Werk in Coesfeld Bild: EPA

In mehreren Fleischbetrieben in ganz Deutschland häufen sich die Corona-Fälle. Die Politik ist alarmiert. Und die Branche fürchtet unter Generalverdacht zu geraten. Eine gute Nachricht gibt es aber auch.

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          Jetzt also Coesfeld. In einem dritten Fleischbetrieb in Deutschland ist innerhalb kürzester Zeit eine besondere Häufung von Corona-Fällen aufgetreten. In dem Werk von Westfleisch, einem der größten Fleischbetriebe in der Region im Münsterland, wurden nach Angaben des Kreises Coesfeld 129 Infizierte erfasst. Das sind gut 10 Prozent der Mitarbeiter an dem Standort. Die hohe Zahl der Infektionen hatte dazu geführt, dass der Landkreis die von Bund und Ländern festgelegte Obergrenze überschritten hat. Auch im Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein, wo Mitarbeiter eines anderen Schlachthofs wohnen, wurde die Höchstzahl von 50 Neuinfizierten je 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche überschritten. Das Land Schleswig-Holstein reagierte am Freitagabend auf die positiven Tests in den Schlachthöfen: Das dortige Gesundheitsministerium kündigte an, die die Belegschaften aller Schlachtbetriebe auf das Virus testen zu lassen.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Der betroffene Schlachtbetrieb in Coesfeld wird deshalb vorübergehend geschlossen, wie der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Freitag in Düsseldorf mitteilte. Zudem lässt das Land Nordrhein-Westfalen alle Mitarbeiter in Schlachtbetrieben auf das Coronavirus testen. Die Landesregierung hat angeordnet, „unverzüglich“ die Beschäftigten einem Test zu unterziehen, sagte ein Regierungssprecher. Auch die Unterkünfte der oft aus Osteuropa stammenden Mitarbeiter der Werke sollen überprüft werden. Die Fleischindustrie ist in großem Maße von ausländischen Mitarbeitern, die häufig über Subunternehmen angestellt werden, abhängig.

          „Ganze Branche unter Generalverdacht“

          Die Tönnies-Gruppe, die mit einem Umsatz von mehr als 7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr der mit Abstand größte Fleischanbieter in Deutschland ist, findet, dass „eine ganze Branche nun unter Generalverdacht gestellt“ werde. „Wir wurden in der Ernährungsindustrie vor acht Wochen aufgefordert, während des Lockdown weiterzuarbeiten, so wie Krankenhäuser, Pflegeheime und die Energieversorgung. Diesem Auftrag sind wir nachgekommen, bei dem Wissen, dass wir dadurch ein erhöhtes Infektionsrisiko haben“, sagte ein Unternehmenssprecher. „Es ist sehr fraglich staatlich zu verordnen, jegliche Unterkünfte zu kontrollieren.“ So müsse eine Familie mit drei Kindern jetzt in jedem Zimmer Desinfektionsspender aufstellen und sämtliche Wäsche mit 60 Grad waschen. Eine große Anzahl von Corona-Fällen gab es bei Tönnies bislang nicht.

          Westfleisch hatte wegen des großen Ausfalls an Mitarbeitern die Produktion schon zuvor gedrosselt. Das Unternehmen ließ am Freitag Anfragen zum Umgang mit dem Virus unbeantwortet. Der Bundestagsabgeordnete Friedrich Ostendorff von den Grünen, in dessen Wahlkreis der Betrieb von Westfleisch liegt, verlangt mehr Transparenz von dem Unternehmen, wo viele Mitarbeiter untergebracht sind. „Seuchenschutz geht nur mit Einzelunterbringung“, sagte er.

          Coesfeld könnte vielleicht von Birkenfeld lernen. In dem Städtchen westlich von Pforzheim gab es schon im April eine aufsehenerregende Häufung an Corona-Fällen bei Müller-Fleisch, einem der größten Rinderschlachtbetriebe Deutschlands. Dort war ein Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt, das Gesundheitsamt begann daraufhin  mit Tests im großen Stil, und zwar direkt auf dem Firmengelände – um Sicherheit zu bekommen, wie Brigitte Joggerst, die Leiterin des Gesundheitsamts sagte. Schon in der ersten Runde der Tests zeigte sich, dass von 250 getesteten Personen 90 mit dem Coronavirus infiziert waren, wobei die meisten von ihnen keine Symptome zeigten. Das Landratsamt Enzkreis stellte daraufhin den kompletten Betrieb unter Quarantäne. Die Schlachtung und Verarbeitung des Fleischs ging weiter, aber die Mitarbeiter durften sich nur an der Arbeitsstätte und zu Hause aufhalten, sonst nirgends.

          Jeder dritte Mitarbeiter infiziert

          Schnell zeigte sich, dass das Problem noch deutlich größer war. Unter 1100 Mitarbeitern von Müller-Fleisch war jeder Dritte infiziert. Zum allergrößten Teil handelte es sich um osteuropäische Mitarbeiter von Subunternehmen. Deren Wohnverhältnisse seien so beengt, dass man sich kaum aus dem Weg gehen könne, lautete die Analyse des Gesundheitsamts, während Fleisch-Unternehmer Stefan Müller darauf verwies, dass die Betroffenen aus einem Kulturkreis kämen, in dem gern gefeiert werde. Die Hoffnung des Landratsamts, durch die Quarantäne für den Betrieb und dessen Mitarbeiter sowie die engmaschige Kontrolle die Virusausbreitung zu verhindern, zerschlug sich allerdings, weil das so geschaffene „geschlossene System“ vom Unternehmen selbst wieder geöffnet wurde: Für die bevorstehende Grillsaison und die damit absehbare höhere Nachfrage hatte man schon 50 zusätzliche Mitarbeiter angeheuert.

          Ein zweiter Massentest soll klären, ob das Problem eingegrenzt ist. Alle Mitarbeiter, die im ersten Durchgang negativ waren, wurden nochmals getestet; erstmals zudem die 50 neuen Beschäftigten des Fleischbetriebs, insgesamt rund 800 Personen. „Wir hoffen, dass unsere Strategie aufgeht, und die Kurve stark abflacht“, heißt es jetzt im Landratsamt Enzkreis.

          In Berlin beobachtet man die Vorfälle in den Schlachtbetrieben mit wachsender Sorge. „Gerade in Zeiten von Corona ist die Einhaltung von Arbeitsschutzstandards unabdingbar“, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) der F.A.Z. „Saisonarbeiter und Werkvertragsarbeiter müssen ebenso vor Corona geschützt werden wie alle anderen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch. Dafür gibt es klare Arbeitsschutzstandards.“ Heil hatte schon vergangene Woche in einem Schreiben an die Arbeits- und Sozialminister der Länder gefordert, dass die zuständigen Behörden vor Ort verschärft kontrollieren sollten. „Ich erwarte, dass alles Notwendige getan wird, um die Missstände zu beseitigen und die Arbeitnehmer zu schützen.“

          In den vom Bund im Rahmen der Corona-Krise angepassten Arbeitsschutzstandards heißt es unter anderem, dass die gleichzeitige Nutzung von Fahrzeugen durch mehrere Mitarbeiter möglichst zu vermeiden sei. In der Landwirtschaft und der Lebensmittelbranche werden osteuropäische Arbeitskräfte aber oft gemeinsam mit Bustransfers von den Sammelunterkünften zum Betrieb gebracht. Außerdem heißt es in den Regeln: „Grundsätzlich ist eine Einzelbelegung von Schlafräumen vorzusehen.“ Auch das dürfte in der Praxis nicht überall so eingehalten werden. „Das ist vielleicht gut gemeint, aber wo sollen plötzlich die zusätzlichen Schlafräume herkommen“, fragt Thomas Bernhard, der in der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) das Referat Fleischwirtschaft leitet. Kontrolliert würde die Umsetzung der Regeln in den Ländern ganz unterschiedlich. „Nach unserem Wunsch müsste es da eine bundesweite Regelung auch für Kontrollen geben. Die Unterkünfte sind seit Ewigkeiten ein Problem“, sagt Bernhard.

          Virenschleuder Gemeinschaftsküche

          Die Gewerkschaft kritisiert, dass es in vielen Wohnungen Überbelegungen gebe, schlechte sanitäre Verhältnisse und große Gemeinschaftsküchen. „Die Subunternehmen achten nur auf möglichst viel Gewinn und kümmern sich nicht um die Wohnungen“, sagt Bernhard. „Was die Arbeitsbelastung angeht, ist die Situation miserabel. Durch den hohen Krankenstand und die gleichzeitig gestiegene Nachfrage sind die verbliebenen Mitarbeiter noch erschöpfter als vorher. Und wer erschöpft ist, denkt nur noch daran, ins Bett zu kommen und nicht mehr an Hygienevorschriften“, sagt Bernhard.

          Wie sich das Virus ausbreitet, ist derweil umstritten. Im Fall des Schlachtbetriebs Vion im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt hat der Landkreis eine zweiwöchige Quarantäne verhängt, das Werk ist geschlossen. Das Unternehmen teilte auf Anfrage mit, dass die infizierten Mitarbeiter in einer „vollständig modernisierten ehemaligen Bundeswehrkaserne“ lebten. „Die Mitarbeiter wohnen in Zweibettzimmern, sie nutzen Gemeinschaftsküchen und gemeinsam Sanitäranlagen, die für die Anzahl der Bewohner in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen“, heißt es. Auch der Landrat Jan Peter Schröder führt die hohen Infektionszahlen auf den „privaten Bereich“ zurück, den man unmöglich kontrollieren könnte.

          Immerhin eine gute Nachricht gibt es aber auch: Ein Risiko für die Verbraucher sehen die Landratsämter nicht. Sie verweisen auf das Bundesinstitut für Risikobewertung, nach dessen Aussage  kein einziger Fall bekannt sei, bei dem das Coronavirus über Lebensmittel weitergegeben worden wäre. „Da die Viren hitzeempfindlich sind, kann das Infektionsrisiko durch das Erhitzen von Lebensmitteln zusätzlich verringert werden“, heißt es aus dem Enzkreis.

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