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Hohe Infektionszahlen : Corona-Alarm im Schlachthof

Ein zweiter Massentest soll klären, ob das Problem eingegrenzt ist. Alle Mitarbeiter, die im ersten Durchgang negativ waren, wurden nochmals getestet; erstmals zudem die 50 neuen Beschäftigten des Fleischbetriebs, insgesamt rund 800 Personen. „Wir hoffen, dass unsere Strategie aufgeht, und die Kurve stark abflacht“, heißt es jetzt im Landratsamt Enzkreis.

In Berlin beobachtet man die Vorfälle in den Schlachtbetrieben mit wachsender Sorge. „Gerade in Zeiten von Corona ist die Einhaltung von Arbeitsschutzstandards unabdingbar“, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) der F.A.Z. „Saisonarbeiter und Werkvertragsarbeiter müssen ebenso vor Corona geschützt werden wie alle anderen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch. Dafür gibt es klare Arbeitsschutzstandards.“ Heil hatte schon vergangene Woche in einem Schreiben an die Arbeits- und Sozialminister der Länder gefordert, dass die zuständigen Behörden vor Ort verschärft kontrollieren sollten. „Ich erwarte, dass alles Notwendige getan wird, um die Missstände zu beseitigen und die Arbeitnehmer zu schützen.“

In den vom Bund im Rahmen der Corona-Krise angepassten Arbeitsschutzstandards heißt es unter anderem, dass die gleichzeitige Nutzung von Fahrzeugen durch mehrere Mitarbeiter möglichst zu vermeiden sei. In der Landwirtschaft und der Lebensmittelbranche werden osteuropäische Arbeitskräfte aber oft gemeinsam mit Bustransfers von den Sammelunterkünften zum Betrieb gebracht. Außerdem heißt es in den Regeln: „Grundsätzlich ist eine Einzelbelegung von Schlafräumen vorzusehen.“ Auch das dürfte in der Praxis nicht überall so eingehalten werden. „Das ist vielleicht gut gemeint, aber wo sollen plötzlich die zusätzlichen Schlafräume herkommen“, fragt Thomas Bernhard, der in der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) das Referat Fleischwirtschaft leitet. Kontrolliert würde die Umsetzung der Regeln in den Ländern ganz unterschiedlich. „Nach unserem Wunsch müsste es da eine bundesweite Regelung auch für Kontrollen geben. Die Unterkünfte sind seit Ewigkeiten ein Problem“, sagt Bernhard.

Virenschleuder Gemeinschaftsküche

Die Gewerkschaft kritisiert, dass es in vielen Wohnungen Überbelegungen gebe, schlechte sanitäre Verhältnisse und große Gemeinschaftsküchen. „Die Subunternehmen achten nur auf möglichst viel Gewinn und kümmern sich nicht um die Wohnungen“, sagt Bernhard. „Was die Arbeitsbelastung angeht, ist die Situation miserabel. Durch den hohen Krankenstand und die gleichzeitig gestiegene Nachfrage sind die verbliebenen Mitarbeiter noch erschöpfter als vorher. Und wer erschöpft ist, denkt nur noch daran, ins Bett zu kommen und nicht mehr an Hygienevorschriften“, sagt Bernhard.

Wie sich das Virus ausbreitet, ist derweil umstritten. Im Fall des Schlachtbetriebs Vion im schleswig-holsteinischen Bad Bramstedt hat der Landkreis eine zweiwöchige Quarantäne verhängt, das Werk ist geschlossen. Das Unternehmen teilte auf Anfrage mit, dass die infizierten Mitarbeiter in einer „vollständig modernisierten ehemaligen Bundeswehrkaserne“ lebten. „Die Mitarbeiter wohnen in Zweibettzimmern, sie nutzen Gemeinschaftsküchen und gemeinsam Sanitäranlagen, die für die Anzahl der Bewohner in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen“, heißt es. Auch der Landrat Jan Peter Schröder führt die hohen Infektionszahlen auf den „privaten Bereich“ zurück, den man unmöglich kontrollieren könnte.

Immerhin eine gute Nachricht gibt es aber auch: Ein Risiko für die Verbraucher sehen die Landratsämter nicht. Sie verweisen auf das Bundesinstitut für Risikobewertung, nach dessen Aussage  kein einziger Fall bekannt sei, bei dem das Coronavirus über Lebensmittel weitergegeben worden wäre. „Da die Viren hitzeempfindlich sind, kann das Infektionsrisiko durch das Erhitzen von Lebensmitteln zusätzlich verringert werden“, heißt es aus dem Enzkreis.

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