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Jahrhundertflut : Anpacken, Aufräumen, Instandsetzen

Die Zerstörung nach dem Wasser: zwei Bewohner des Eifel-Dorfs Schuld Bild: EPA

Unternehmen versuchen händeringend Handynetze und Stromversorgung in den überfluteten Gebieten sicherzustellen. Der Wiederaufbau der Infrastruktur aber wird noch lange dauern.

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          Während noch immer nicht klar ist, wie viele Menschenleben die Jahrhundertflut in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen kosten wird, laufen die Aufräumarbeiten schon auf Hochtouren. Große Teile der Infrastruktur in den betroffenen Gebieten sind zum Teil erheblich beschädigt. Hunderte Häuser sind nicht mehr zu retten, Brücken eingebrochen, Straßen unbefahrbar geworden, Leitungen zerborsten. Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Energieerzeuger und Telekomunternehmen versuchten am Freitag händeringend, zumindest das nötigste wieder instand zu setzen, Schutt und Müll aus dem Weg zu räumen. Dabei fehlt es nach wie vor an zwei wesentlichen Voraussetzungen: an Strom und an einem funktionierenden Mobilfunknetz.

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.
          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Renate Richardt wollte eigentlich per Google suchen, wie sie das Heizöl binden kann, das bei ihr im Garten gut einen Meter hoch steht. Nur hat auch sie leider kein Netz und bis der Strom wiederkommt, so wurde ihr gesagt, könne es bis zu vierzehn Tage dauern. Richardt wohnt in Blessem, einem von der überfluteten Erft besonders betroffenen Stadtteil von Erftstadt südwestlich von Köln. Im Vergleich zu vielen aus dem Ort hat sie noch Glück gehabt, dass ihr Haus noch steht und nur der Keller überschwemmt ist. Ganze Straßen wurden von den Fluten in der Nacht zu Freitag mitgerissen, es hat Tote gegeben. Richardts Sohn, der bei der Bundeswehr ist, kommt vorbei und bringt seinen Generator und eine Pumpe mit, doch noch weiß sie nicht, wohin sie es pumpen soll.

          Der Energieversorger Westnetz, der zum Essener Dax-Konzern Eon gehört, berichtete auf Nachfrage am Freitagnachmittag von noch 102.000 nicht versorgten Kunden im Gebiet der Westnetz. Am Abend zuvor waren es noch etwa 165.000 gewesen. Die Mitarbeiter seien weiterhin im Dauereinsatz, kämpften aber noch mit den Wetterbedingungen bei ihren Reparaturarbeiten.

          Eon will pauschal 200 Euro erstatten

          Kunden, die jetzt strombetriebene Trocknergeräte und Wasserpumpen anschließen und damit ihren Verbrauch hochtreiben, will Eon jeweils pauschal 200 Euro je betroffener Wohnung erstatten. Die Mitarbeiter von Westnetz sind zudem aufgerufen, mitzuhelfen. Jeder von ihnen wird mit einem Budget von 3000 Euro ausgestattet, um etwa Baumaterial oder Maschinen auszuleihen oder zu kaufen, die für Aufräumarbeiten nötig sind.

          Ein Regionalzug steht im Bahnhof des Ortes Kordel in Rheinland-Pfalz, umspült vom Hochwasser der Kyll. Als der Strom ausfiel, blieb auch die Bahn am Mittwoch liegen. Bilderstrecke
          Flut-Katastrophe im Westen : Talsperren laufen über, Häuser sind zerstört

          Wasser- und Geröllmassen im Ahrtal und der Eifel haben nach Angaben der Telekom große Schäden an der Festnetz-Infrastruktur verursacht. Das betreffe insbesondere die abgesetzte Technik, also die bekannten grauen Kästen an den Straßen und Bürgersteigen. Erste Schäden seien behoben, an einer Notversorgung werde gearbeitet. Noch fehle aber der Gesamtüberblick. „Es gibt immer noch Orte, die wir noch nicht anfahren können oder dürfen“ erklärte der Konzern auf Nachfrage. Zudem gebe es Orte, „in denen wir eine komplett neue Infrastruktur aufbauen müssen, da dort ganze Straßen mit unseren Leitungen weggerissen sind.“

          Zentrale Vermittlungsstellen seien in geringer Anzahl ebenfalls von Hochwasser betroffen – hier lieget das Hauptproblem aber in den meisten Fällen ebenfalls an fehlendem Strom. Nur in den wichtigsten Knotenpunkten gebe es zwar Notstromaggregate. Auch beim Mobilfunk sei das Kernproblem aber die fehlende Stromversorgung der Antennenstandorte. „Daran arbeiten wir gemeinsam mit den regionalen Energieversorgern“. Im Ahrtal und der Eifel seien zwar viele Standorte wieder „on air“ – es kommt aber immer noch zu Unterbrechungen der Stromversorgung. „Wir behelfen uns soweit möglich auch hier mit Notstromaggregaten. Wo möglich und nötig, kann der Konzern nach eigenen Angaben eine „mobile Sonderversorgung“ sicherstellen, über das sogenannte Disaster Recovery Team. Im Ahrtal und der Eifel seien ein Großteil der Mobilfunkstandorte wieder funktionsfähig. Das Festnetz sei dort aber weiterhin großflächig gestört. Im Einzelfall könne es Wochen dauern, bis die Störung beseitigt werden könne.

          Militärischer Katastrophenalarm

          Vodafone unternimmt nach eigenen Angaben „alles Menschenmögliche“, damit die drei Netze Mobilfunk, DSL und Kabel stabil blieben. Alle verfügbaren Kräfte seien rund um die Uhr im Einsatz. „Grundsätzlich“ stünden die Netze in den Bundesländern zur Verfügung. In einzelnen Hochwasserregionen komme es aber „naturgemäß zu lokalen Einschränkungen“ – etwa im Raum Köln, Aachen, Wuppertal und in der Eifel. Hier seien Technik-Standorte vom Stromnetz abgeschnitten oder durch Wassermassen vom Vodafone-Netz abgetrennt. „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Reparatur.“ Teilweise kämen Ersatzschaltungen zum Einsatz: mobile Basisstationen und Instant Networks, wie sie auch in Krisengebieten genutzt würden.

          Alle aktuellen Entwicklungen rund um die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands finden Sie auch in unserem F.A.Z.-Liveblog zum Hochwasser

          Das Verteidigungsministerium löste wegen der Überschwemmung am Freitag gar einen „militärischen Katastrophenalarm“ aus. Damit könnten Entscheidungsträger vor Ort eigenständiger entscheiden, hieß es. Die Bundeswehr hat nach eigenen Angaben 850 Einsatzkräfte vor Ort. Alleine 200 davon seien mitsamt 20 Lastwagen und zwei Bergepanzern in der überfluteten Innenstadt von Hagen im Einsatz. Das Technische Hilfswerk hatte am Freitag nach Angaben des Bundesinnenministeriums 2065 Helfer im Einsatz. Es gehe nach wie vor darum Menschen zu retten und Gebäude zu evakuieren, aber auch um so scheinbar profane Dinge wie Kraftstoff organisieren und Sandsäcke verteilen. Auch die Bundespolizei hat laut der Nachrichtenagentur dpa 250 Beamte für die Luftrettung und zum Schutz vor Plünderungen in die betroffenen Gebiete abgestellt.

          Erhebliche Zerstörungen gab es auch bei der Deutschen Bahn. Strecken seien zum Teil nur eingeschränkt oder gar nicht befahrbar. Der internationale Fernverkehr von und nach Brüssel sei unterbrochen. Zahlreiche Züge viele aus. Die meisten Züge aus Norddeutschland (Norddeich-Emden) endeten wegen der Unwetterschäden und Münster und mussten dort wenden. Die Bahn empfahl, Zugfahrten von und nach NRW möglichst zu verschieben.

          Bis die Hilfe alle erreicht hat, Strom und Handynetze stabil sind, werden noch Tage vergehen. Gefragt ist Improvisation. Renate Richardt und ihr Mann, die in Erftstadt mit einem vollgelaufenen Keller und ausgelaufenem Heizöl auf Hilfe warten, haben jetzt erst einmal Holzspäne aufgeschüttet, um den Geruch im Schuppen zu neutralisieren. Denn die Toilette oder Dusche kann das Ehepaar in den nächsten Tagen sicherlich noch nicht benutzen. „Das ist wie vor 500 Jahren, aber wie soll es gerade anders gehen“, sagt die Anwohnerin.

          Die rheinland-pfälzische Landesregierung richtete am Freitag eine „Stabstelle Wiederaufbau“ im Innenministerium ein. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte. „Die Schäden sind so gewaltig, dass wir noch lange Zeit für einen geordneten Wiederaufbau brauchen werden.“

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