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Hochgeschwindigkeitszug in China : Der schnellste Lindwurm aller Zeiten

Sieht aus wie ein ICE, ist fast ein ICE: Chinas Hochgeschwindigkeitszug CRH in Schanghais Hongqiao-Bahnhof Bild: dpa

China erscheint uneinholbar: An diesem Donnerstag eröffnet die längste Hochgeschwindigkeitstrasse der Welt zwischen Peking und Schanghai. Mit der neuen Expressstrecke hat China eine eindrucksvolle Vorzeigeverbindung geschaffen.

          Yang Chen ist der wichtigste Lokführer der Welt. Er fährt den längsten Hochgeschwindigkeitszug auf der längsten Strecke mit der höchsten Durchschnittsgeschwindigkeit. Vor ihm im Führerstand, der aussieht wie eine Flugzeugkanzel, funkeln unzählige Anzeigen, Knöpfe, Regler. Damit kann Yang den Zug auf mehr als 300 Kilometer in der Stunde beschleunigen. So lassen sich die 1300 Kilometer zwischen Peking und Schanghai in weniger als fünf Stunden zurücklegen (siehe Hochgeschwindigkeitszug: Mit dem ICE durch Chinas Reisfelder). An diesem Donnerstag eröffnet die Verbindung mit den ersten 14 Zügen in beiden Richtungen. Die Hälfte der Platzkarten, ohne die man Chinas Superschnellzüge nicht nutzen kann, war nach wenigen Stunden verkauft.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Yang befördert mehr als 1000 Fahrgäste in 16 Wagen, die zusammen 400 Meter lang und 860 Tonnen schwer sind. Die Rekorde und seine große Verantwortung bringen den Mann mit der rot-gelb-schwarz geränderten Schirmmütze nicht aus der Ruhe. „Das ist ein Zug wie jeder andere, nur schneller“, sagt Yang und rückt die rote Krawatte am blauen Hemd zurecht. „Schließlich fahre ich schon seit zwölf Jahren Zug.“

          Auf den großen Tag haben sich er und seine Kollegen dennoch lange vorbereitet, mit Sicherheitsübungen und mehr als 20 Probefahrten. „Ich könnte auch 350 Kilometer in der Stunde fahren, für die Sicherheit und Stabilität des Zuges macht das keinen Unterschied.“ Doch vor wenigen Wochen entschied das Eisenbahnministerium, das Tempo zu drosseln, um die Kosten zu begrenzen. Ein Teil der Züge verkehrt jetzt mit 300 Kilometern in der Stunde, ein anderer mit 250.

          Luxus im Kommunismus: Im Zug gilt strikte Klassentrennung

          Die Ankündigung folgte nach der Absetzung des Eisenbahnministers und seines Chefingenieurs für die Expresszüge wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Von den gesamten Projektkosten von umgerechnet 24 Milliarden Euro seien mindestens 20 Millionen Euro unterschlagen worden, hieß es, über weitere 35 Millionen Euro habe man Scheinrechnungen gefunden. Daraufhin sprach Zhao Jian, ein Professor für Eisenbahnwesen aus Peking, von „großen Sicherheitsrisiken“. Durch die verringerte Geschwindigkeit bleiben die Ticketpreise deutlich günstiger als jene für die zweistündigen Flüge, die notorisch verspätet sind. Je nach Tempo, Klasse und Zahl der angelaufenen Bahnhöfe kostet eine einfache Fahrt zwischen 410 und 1750 Yuan (44 bis 190 Euro). Es gibt 24 Haltepunkte, aber auch Nonstop-Verbindungen zwischen Peking und Schanghai. Im schnellsten Fall halbiert sich die Reisezeit im Vergleich zu den bisher üblichen Zügen.

          „Wir wollen auch exportieren“

          Der lange Lindwurm vom Typ CRH 380 BL sieht nicht nur aus wie ein ICE3/Velaro, er ist auch einer. Sogar im Innern: Vom Notfallhammer über die Gepäckablage bis zu den rot-grünen Knöpfen zum Türöffnen – die das charakteristische Piepsen auslösen – wirkt alles vertraut. Auch die Bordküche mit Tresen und Speisewagen, die Toiletten, das gläserne Kabuff für den Zugführer sind aus dem deutschen Vorzeigemodell bekannt. Sogar das schmucke Panorama-Abteil an der Zugspitze, aus dem die Passagiere dem Lokführer über die Schultern blicken können. Dennoch spricht der staatliche Zughersteller CNR von einer Eigenentwicklung. Man profitiere allerdings von den Kooperationen mit ausländischen Anbietern, gibt Wu Kechao von der Tangshan Railway Vehicle Corporation zu, die zu CNR gehört. 90 Prozent der Teile und des Know-hows stammten aus China, der Rest aus dem Ausland. „Siemens zum Beispiel ist ein sehr guter Partner“, sagt Wu. Die Deutschen haben Chinas erste Hochgeschwindigkeitszüge für die Strecke Peking–Tianjin in einem Gemeinschaftsunternehmen gebaut.

          Wu, ein hochgewachsener Brillenträger, trägt einen Blaumann wie ein Monteur, an der Brust prangt eine rote Anstecknadel mit der chinesischen Flagge. Er ist dafür zuständig, den Erfolg von CNR ins Ausland zu tragen, und das meint er ganz wörtlich. „Wir wollen auch exportieren“, sagt er. Die Auftragslage sei ein Firmengeheimnis, aber natürlich beteilige man sich an Ausschreibungen. Das geistige Eigentum liege bei den Chinesen und erlaube das. Technologiepartner wie Siemens hätten nichts dagegen, sie säßen mit im Boot.

          Luxuriöse Ausstattung

          Von den Fehlern ihrer Partner haben die Chinesen gelernt. Anders als in Deutschland könne das Wetter Chinas schnelle Bahn nicht lahmlegen, verspricht Wei Qiang, Abteilungsleiter in der Projektgesellschaft Beijing Highspeed Railway Holding. Er ist den deutschen ICE selbst gefahren und kennt seine Schwächen. „Der ist ja vergleichsweise alt und fährt langsamer, ich denke, unser Zug ist besser.“ Der Laie ist geneigt, ihm recht zu geben. Die Fließtextanzeige über dem Abteildurchgang verrät nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Temperatur, in Schanghai sind es gerade 35 Grad. Anders als im ICE arbeitet die Klimaanlage tadellos.

          Auch ist die Ausstattung luxuriöser. Allen kommunistischen Anstrichen des Landes zum Trotz herrscht in den Abteilen eine strenge Klassengesellschaft. In der „Economy Class“ bestehen die Reihen aus fünf Sitzen, getrennt durch den Mittelgang. Die Klapptischchen über den Zeitungsnetzen im Vordersitz erinnern an die zweite Klasse in Deutschland. In der „Business Class“ mit deutlich weniger Sitzen – die schwenkbar sind – ist die Bewegungsfreiheit riesig. Über einen Kopfhöreranschluss lässt sich das Videoprogramm auf den Kabinenmonitoren verfolgen. Wer „First Class“ unterwegs ist, hat einen eigenen Bildschirm in der Armlehne, der breite Schalensitz schnurrt auf Knopfdruck wie ein Bett in die Horizontale. Auf der ganzen Strecke soll es Internetempfang über W-Lan geben, bei der Probefahrt allerdings stand er nicht bereit.

          Mit der neuen Expressstrecke hat China eine eindrucksvolle Vorzeigeverbindung geschaffen. Die Eisenbahnindustrie will sie nutzen, um sich für Schnellzugaufträge in der ganzen Welt zu empfehlen. Derweil baut das Land schon am nächsten Superlativ. Im kommenden Jahr soll Hongkong über eine Schnellzugtrasse mit Peking verbunden werden: 2240 Kilometer in weniger als acht Stunden. China erscheint im Moment uneinholbar.

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