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Vorwurf der Täuschung : Tesla-Konkurrent Nikola im Zwielicht

Das Modell „Tre“ von Nikola Bild: dpa

Der Produzent neuartiger Lastwagen sei ein „Ozean von Lügen“ und praktiziere „komplexen Betrug“, heißt es in einem Analystenbericht. Seine deutschen Partner bleiben ihm trotzdem treu.

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          Trevor Milton ist für vollmundige Ansagen bekannt. Er hat gesagt, der von ihm gegründete Lastwagenspezialist Nikola könne einmal größer werden als Tesla. Er konnte die Wall Street für sein Unternehmen begeistern und brachte es in diesem Jahr an die Börse. Zwischenzeitlich war es mehr wert als der Autohersteller Ford, ohne bislang ein marktreifes Produkt oder nennenswerte Umsätze vorweisen zu können. Er fand namhafte Partner in der Branche, darunter General Motors (GM), den Nutzfahrzeughersteller Iveco und die deutschen Autozulieferer Bosch und Mahle.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.
          Martin Gropp
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nun aber ist er in erhebliche Erklärungsnot geraten: Die Finanzanalysten von Hindenburg Research haben vor wenigen Tagen einen ausführlichen Bericht mit schweren Vorwürfen veröffentlicht, der wie eine Bombe einschlug. Sie beschuldigen Nikola eines „komplexen Betrugs“ und sagen, das Unternehmen sei ein „Ozean von Lügen“. „Wir haben in einem börsennotierten Unternehmen noch nie ein solches Niveau an Täuschung gesehen“, schreiben sie. Mit den Vorwürfen beschäftigt sich nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg nun auch die amerikanische Börsenaufsicht SEC.

          Analysten wetten selbst auf fallenden Nikola-Kurs

          Hindenburg erhebt eine lange Liste von detaillierten Vorwürfen, deren Kern es oft ist, dass es sich im Fall von Nikola um viel heiße Luft handelt. Die Analysten sind aber insofern angreifbar, weil sie, wie sie selbst zugeben, Leerverkäufer der Nikola-Aktie sind, also auf fallende Kurse wetten. Nikola hat die Anschuldigungen in scharfer Form zurückgewiesen und gesagt, selbst die SEC einschalten zu wollen.

          Das Unternehmen habe auch eine Anwaltskanzlei rekrutiert, um etwaige juristische Schritte gegen Hindenburg zu prüfen. „Wir haben nichts zu verbergen“, hieß es in einer Mitteilung. An der Börse haben die Anschuldigungen aber für Bewegung gesorgt. Vor einer Woche, als Nikola die Kooperation mit GM verkündete, war der Aktienkurs auf 50 Dollar gestiegen. Seither ging es deutlich bergab. Am Dienstag im Handelsverlauf kostete die Aktie noch rund 33 Dollar.

          Aus den Kreisen seiner Partner bekommt Nikola bislang Unterstützung. Im Hindenburg-Bericht wird zum Beispiel ein Sprecher von Bosch mit den Worten zitiert, Exemplare des Lastwagens „Tre“ von Nikola seien noch nicht fertig, obwohl Milton einige Wochen vorher gesagt habe, fünf von ihnen liefen gerade in einem Werk in Ulm vom Band.

          Bosch teilt nun mit, die Äußerungen des Sprechers seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Bosch sei seit einigen Jahren Lieferant von Nikola Motor. Beide Unternehmen planten, „auch in Zukunft – und auch bei Brennstoffzellen – zusammenzuarbeiten“.

          Milton hat Fotos von Nikola-Lastwagen auf Twitter veröffentlicht und gesagt, diese stammten aus Ulm. Er schrieb dazu: „Sehen die gefälscht aus?“ Nach Nikolas Angaben handelt es sich bei den bislang gebauten Lastwagen um Vorserienfahrzeuge. Die Serienproduktion soll im Schlussquartal nächsten Jahres beginnen.

          Das Ulmer Werk gehört dem Nikola-Partner Iveco, und das Modell „Tre“ basiert auf einer Iveco-Plattform. Iveco wollte den Hindenburg-Bericht offiziell nicht kommentieren. Aus dem Unternehmen heißt es aber, die geäußerten Vorwürfe seien nicht nachvollziehbar. Auch nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie seien die Arbeiten an dem Modell weitergegangen, indem sich Mitarbeiter von Iveco und Nikola über spezielle Software-Programme für Ingenieure von zu Hause zusammengeschaltet hätten. Das Vorhaben liege daher weiter im Zeitplan.

          Eine Behauptung muss Nikola zugeben

          Rund ein Dutzend Nikola-Mitarbeiter sei derzeit vor Ort damit beschäftigt, beim ersten der fünf Fahrzeuge die Software für Motor- und Batteriesteuerung aufzuspielen und mögliche Fehler zu beheben. Auch GM hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. Vorstandschefin Mary Barra sagte, der Partnerschaft sei eine „angemessene Prüfung“ vorausgegangen und ihr Unternehmen habe für solche Dinge „ein sehr fähiges Team“.

          Obwohl Nikola die meisten Vorwürfe von Hindenburg zurückweist, sah sich das Unternehmen gezwungen, eine besonders plakative Episode in dem Report ein Stück weit zu bestätigen. Es geht dabei um den Prototypen des Lastwagenmodells „One“, das Milton als voll funktionsfähig beschrieben hat.

          Im Hindenburg-Bericht heißt es, ein Werbevideo, das den Lastwagen zeigt, wie er in schnellem Tempo eine einsame Wüstenstraße entlangfährt, sei ein „ausgeklügelter Trick“ gewesen. Nikola habe das Fahrzeug auf die Spitze einer Anhöhe geschleppt und dann einfach hinabrollen lassen, in dem Video habe es indessen so ausgesehen, als sei die Straße flach gewesen. Das Unternehmen bestritt den Vorwurf nicht, sagte aber zu seiner Verteidigung, es habe nie behauptet, dieser Lastwagen fahre mit einem eigenen Antrieb.

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