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F.A.Z. exklusiv : Der Grüne Punkt bekommt neue Eigentümer

Kreislaufwirtschaft: Gelbe-Tonne-Müll vor der Wiederverwertung Bild: ddp Images

Die Altinvestoren HIG Capital und Bluebay ziehen sich zurück. Bis Jahresmitte sollen neue Interessenten für das Geschäft mit Verpackungsmüll gefunden sein.

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          Das Duale System Deutschland – besser bekannt als der „Grüne Punkt“ – steht vor einem weiteren Eigentümerwechsel. Die beiden Hauptgesellschafter H.I.G. Capital und Bluebay wollen ihre Anteile bis Jahresmitte verkaufen – während das Management an seiner Beteiligung von bislang 20 Prozent wohl überwiegend festhalten will. Entsprechende Informationen der F.A.Z. bestätigten die Geschäftsführung und H.I.G. Capital.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          „Wir sind im Prozess und haben ein Drittel des Weges geschafft, ein Abschluss sollte bis spätestens Jahresmitte möglich sein“, sagte der Vorsitzende der DSD-Geschäftsführung, Michael Wiener, zur Suche nach neuen Investoren. Holger Kleingarn, der Geschäftsführer von H.I.G., sagte, die Beteiligungsgesellschaft sehe den richtigen Zeitpunkt gekommen, um den Anteil an einen langfristig orientierten Investor weiterzureichen. „Das Management führt den Prozess im Auftrag aller Anteilseigner.“ Dafür stelle man ihm die Investmentbank Lincoln International zur Seite.

          Die Geschichte des Unternehmens reicht ins Jahr 1990 zurück, als für das Wiederverwerten von Abfällen der „Grüne Punkt“ durch Hersteller und Handel gegründet wurde. Er hatte damals das Monopol. Vor 16 Jahren wurde das System für den Wettbewerb geöffnet, seit 2006 sind mehrere duale Systeme am Markt tätig. Den DSD-Marktanteil in Deutschland beziffert Wiener heute auf 38 bis 40 Prozent. H.I.G. stieg 2011 in das Unternehmen ein. Der Investor hält nach Angaben der Geschäftsführung 25 Prozent, 55 Prozent liegen bei der Gesellschaft Bluebay, der Rest beim Management. Früher war der amerikanische Finanzinvestor KKR an DSD beteiligt.

          Als neue Interessenten kämen vier Gruppen in Frage

          DSD kümmert sich im Auftrag von Industrie und Handel um die Entsorgung und das Recycling des Verpackungs-Abfalls aus der Gelben Tonne und hat dafür 400 Millionen Euro im Jahr 2015 an Lizenzgebühren kassiert. Aus der Kunststoffverarbeitung und dem Rohstoffhandel kamen weitere 250 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr ist der Umsatz deutlich gesunken, nämlich auf 570 Millionen Euro, wie Wiener im Gespräch mit dieser Zeitung weiter sagte. Als Gründe nannte er zum einen Desinvestments von Produktionsanlagen, zum anderen das Zurückfahren des Papier-Recyclings. Zur Rendite äußerte er sich nicht konkret, sagte aber, die Zahlen seien nicht ganz so gut wie 2015 gewesen, weil gesunkene Rohstoffpreise auf das Ergebnis im Recyclinggeschäft schlugen.

          H.I.G.-Manager Kleingarn sagte, man habe dem Unternehmen zum einen bei der Finanzierung geholfen, zum anderen seine „Institutionalisierung“ des Unternehmens vorangetrieben, also effiziente Abrechnungssysteme und anderes eingesetzt. Zudem kam 2015 Wiener neu an die Spitze, er löste den langjährigen DSD-Chef Stefan Schreiter ab. „Jetzt ist das Unternehmen so weit, dass es einen nachhaltigen Hafen finden kann und sollte“, sagte Kleingarn. Beim Dualen System Deutschland sind 500 Leute beschäftigt.

          Als neue Interessenten kämen vier Gruppen in Frage: zum einen Private Equity – allerdings böten die dann wie HIG und Bluebay nur eine zeitweilige Perspektive. Zum zweiten strategische Investoren – wobei deutsche Anbieter wohl kartellrechtlich schwierig wären, wegen des hohen Marktanteils von DSD. Auch Familienvermögensverwalter wären Interessenten. Sie spüren wie andere Investoren, angesichts extrem hoher Liquidität, eine Art Anlagenotstand. Und schließlich kommen Infrastrukturfonds in Betracht, die stetige Bargeldströme versprechen.

          Neues Verpackungsgesetz spielt dem Grünen Punkt in die Hände

          „Ich bin bereit, weiterzumachen und in weiteres Wachstum zu investieren“, sagte Wiener. Die jetzigen Anteilseigner hätten die Krise 2014 gut bewältigt, unter anderem mit Kapitalmaßnahmen. Jetzt brauche man neue Geldgeber für neues Wachstums, wobei man das Unternehmen stärker im Kunststoffrecycling aufstellen wolle. Wiener rechnet sich dafür gute Chancen aus, weil immer mehr Konsumgüterhersteller Wert darauf legten, Verpackungen aus aufbereitetem Altkunststoffen anzubieten. Einer der Vorreiter ist das durch die Marke Frosch bekannte Unternehmen Werner & Mertz.

          In die Hände spielt dem Grünen Punkt bei seinen Wachstumsplänen das neue Verpackungsgesetz, das höhere Recyclingquoten für Kunststoffe und andere Verpackungsmaterialien vorschreibt. Zugleich werden die Kontrollen verschärft: Nach Branchenangaben könnten die Gebühren, die Handel und Industrie für die Entsorgung von Altverpackungen an die dualen Systeme entrichten, dadurch um bis zu 200 Millionen Euro im Jahr steigen.

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