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Heuschreckendebatte : Flip der Grashüpfer erklärt die Welt

  • -Aktualisiert am

Die Private-Equity-Branche will die Heuschrecken-Debatte in den Griff bekommen Bild: AP

Die Beteiligungsbranche will weg vom Heuschrecken-Image und hat dazu allerhand Studien in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse lassen freilich ein paar Fragen offen.

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          Die Zahlen klingen atemberaubend und dürften den neuen Arbeitsminister Franz Müntefering hellhörig machen. "Durch die Aktivitäten von Private-Equity-Gesellschaften wurden in Europa in den Jahren 2000 bis 2004 rund eine Million neue Arbeitsplätze geschaffen" - diese Worte läßt sich David Cooksey im noblen Frankfurter Hotel Intercontinental auf der Zunge zergehen. Der Wagniskapitalmanager hat als Vorsitzender des europäischen Verbands der Beteiligungsbranche, EVCA, eine Mission. Denn ein halbes Jahr nach der von Müntefering angezettelten Debatte, in der vor allem Gewerkschafter und SPD-Politiker die ausländischen Beteiligungsfonds als "Heuschrecken" beschimpften, soll das Bild der Branche endlich wieder zurechtgerückt werden. Dazu hat der EVCA eigens eine teure Studie in Auftrag gegeben - deren am Mittwoch präsentierte Ergebnisse aber einige Fragen offenlassen.

          Väterlich-wohlwollend erklärt die Branche die Welt

          Wie eine böse Wanderheuschrecke wirkt Cooksey mit seinem vornehm säuselnden britischen Englisch eigentlich nicht. Eher wie Flip der Grashüpfer aus der Kinderserie Biene Maja. Ebenso wie das Pendant aus dem Trickfilm erklärt er der Öffentlichkeit väterlich-wohlwollend die Welt. Die Branche habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und verdiene ihr Geld nicht mehr damit, Unternehmen einfach nur billig zu kaufen und später wieder teurer zu verkaufen, unterstreicht er leutselig. Vielmehr krempelten die Private-Equity-Manager die Ärmel hoch und arbeiteten hart daran, ihren Schützlingen zu mehr Wachstum und Effizienz zu verhelfen. Als Beleg preist er besagte vom Münchener Center for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFs) erstellte Studie an, die ein jährliches Beschäftigungswachstum der mit Beteiligungs- und Wagniskapital finanzierten Unternehmen von 5,4 Prozent feststellt.

          Klingt eindrucksvoll. Wäre da nicht ein kleiner Schönheitsfehler, auf den die Verbandsvertreter sichtlich ungern angesprochen werden. Gerade einmal 201 Unternehmen haben den Fragebogen ausgefüllt. Dem stehen nahezu 29 000 Unternehmen gegenüber, die sich nach Schätzungen europaweit in der Hand von Beteiligungsunternehmen befinden. Eine Ausbeute von rund 0,7 Prozent also - das würde in einem Handbuch der empirischen Sozialforschung kaum als repräsentative Stichprobe bezeichnet. Und als Positivbeispiel müssen wieder einmal die vom amerikanischen Investor KKR bei Wincor Nixdorf geschaffenen 3000 Stellen herhalten.

          Heinzelmännchen statt Heuschrecken

          Dabei wollten die Beteiligungsmanager doch alles besser machen nach der unsäglichen Heuschreckendebatte. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit werden sie nicht müde, ihr angeblich einziges Versäumnis reumütig einzugestehen. "Die Private-Equity-Branche hat zu wenig kommuniziert", räumte der 3i-Deutschland-Chef Stephan Krümmer vor wenigen Tagen vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten ein. Die Lektion daraus sei, daß Private Equity mehr erklären müsse, "was wir machen und welchen volkswirtschaftlichen Nutzen das hat", sagte der Manager, der sich selbst lieber als Heinzelmännchen denn als eine Heuschrecke sieht. Dazu zitierte er ebenfalls eine noch druckfrische Studie, nämlich die des deutschen Branchenverbands BVK. Demnach haben die von der Beteiligungsbranche finanzierten deutschen Unternehmen ihre Mitarbeiterzahlen seit dem Jahr 2000 um ein Fünftel ausgebaut. Was auch er zunächst galant verschweigt: Die Studie berücksichtigt größtenteils nur Wagniskapital- und Expansionsfinanzierungen, die naturgemäß mehr Stellen schaffen. Die Übernahmen reifer Unternehmen (Buyouts) wie beispielsweise Friedrich Grohe, die während Münteferings Debatte im Feuer standen, blieben nahezu unberücksichtigt.

          Auch Flip verstand es ja bekanntlich, seinen ungestümen und wissensdurstigen Freunden die Welt zu erklären. Allerdings mit Fakten und nicht mit werblichen Schönwetter-Botschaften.

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