https://www.faz.net/-gqe-7zlza

Hervé Falciani : Ein Datendieb unter Polizeischutz

Hervé Falciani Bild: AFP

Der frühere HSBC-Mitarbeiter Hervé Falciani hat etliche Steuerbetrüger ans Messer geliefert. Er selbst sieht sich als edler Rächer des kleinen, steuerehrlichen Mannes. Die Schweiz sieht ihn als gemeinen Datendieb.

          Über Hervé Falciani gehen die Meinungen weit auseinander. Für viele Franzosen und Spanier ist der dunkelhaarige Informatiker ein Held. Denn mit der Entwendung umfangreicher Kundendaten aus den Eingeweiden der Großbank HSBC hat er etliche Steuerbetrüger ans Messer geliefert, die Teile ihres Vermögens zu Lasten der Allgemeinheit vor dem Fiskus versteckt haben. Für die Schweizer Bundesanwaltschaft ist Falciani nichts weiter als ein gemeiner Datendieb. Sie wirft dem französisch-italienischen Staatsbürger, 1972 im Fürstentum Monaco geboren, vor, Geschäfts- und Bankgeheimnisse verletzt sowie „qualifizierten wirtschaftlichen Nachrichtendienst“ betrieben zu haben.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Falciani selbst strickt vor allem an seinem Heldenstatus. Die zahlreichen Interviews, die er seit seiner Flucht aus der Schweiz gegeben hat, enthalten zwar allerlei widersprüchliche und unglaubwürdige Aussagen. Aber im Kern gibt sich Falciani als edler Rächer des kleinen, steuerehrlichen Mannes und als Seelenverwandter des Whistleblowers Edward Snowden. Er wolle die Mechanismen eines Geschäfts aufdecken, das über ein Geflecht von Scheingesellschaften die Identität von Kunden verschleiere und somit Geldwäsche und Steuerflucht ermögliche, gab er zu Protokoll. Und stets hat er bestritten, für die gestohlenen Daten Geld genommen oder verlangt zu haben.

          Seine ehemalige Geliebte, die vier Jahre jüngere Franko-Libanesin Georgina Mikhael, beschreibt Falciani hingegen ganz anders: „Die Welt sieht Hervé Falciani als Robin Hood. Aber ich versichere Ihnen, er ist ein Dieb, der Daten stahl, um sie zu verkaufen“, sagte Mikhael vor einiger Zeit der spanischen Ausgabe von „Vanity Fair“. Die Frau hatte ihren – mit einer anderen Frau verheirateten – Geliebten bei der Arbeit für die Genfer HSBC-Tochtergesellschaft kennengelernt und ihn auf eine Reise in den Libanon begleitet. Dort habe Falciani die zuvor gestohlenen Kundendaten verkaufen wollen.

          Dieser Vorstoß blieb nicht unbemerkt. Die Schweizer Staatsanwaltschaft nahm Fährte auf. Trotzdem gelang Falciani Ende 2008 die Flucht nach Frankreich. 2012 floh er weiter nach Spanien, wurde aber verhaftet und landete im Madrider Gefängnis Valdemoro. Doch ein spanisches Gericht lehnte es ab, Falciani an die Schweiz auszuliefern, und setzte ihn auf freien Fuß.

          Wahlhilfe für Spaniens Linkspopulisten

          Der Datendieb kehrte nach Frankreich zurück, wo er seither unter Polizeischutz steht. Nicht selten hat er drei Personenschützer an seiner Seite. Er fürchtet um sein Leben und wechselt zwischen verschiedenen Unterkünften hin und her. Schließlich soll Falciani nicht nur reiche Industrielle und Banker, sondern auch Kriminelle, die angeblich Drogengelder über HSBC gewaschen haben, decouvriert haben. Diese dürften nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen sein.

          Indes wurde am Montag bekannt, dass Falciani mit Podemos, der Partei der spanischen Linkspopulisten, strategisch zusammenarbeiten wird. Der Informatiker soll für das Wahlprogramm eine Studie über die Bekämpfung des Steuerbetrugs erstellen. Falciani, so sagte ein Podemos-Sprecher, verfüge über „äußerst wertvolle Informationen für das Interesse des Landes“.

          Falciani wird einen Teufel tun, zum Prozess in die Schweiz zu fahren. Er glaubt, dass ihn die Schweizer Richter am Ende verurteilen werden, auch wenn er keinen Fuß in das Gerichtsgebäude setzt. Was er dann tun werde, hat er kürzlich der Zeitung „Le Monde“ verraten: „Ein neues Kapital aufschlagen, eine Namensänderung beantragen und verschwinden, in ein normales Leben mit meiner Familie.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer

          Kritik an AKK : „Eine Zumutung für die Truppe“

          Aus der Opposition gibt es heftige Kritik an der Ernennung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin. Kanzlerin und Union würden die „gebeutelte Bundeswehr“ für Personalspielchen missbrauchen, beklagt die FDP.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.