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Commerzbank-Aufsichtsratschef : Unerbittlicher Kontrolleur

Helmut Gottschalk Bild: Picture Alliance/dpa/Commerzbank AG

Helmut Gottschalk ist als Prädikant tätig. In seinem Hauptberuf als Aufsichtsratschef der Commerzbank verzeiht er aber kaum Sünden. Jetzt beruft er schon das dritte neue Vorstandsmitglied in eineinhalb Jahren. Alle kommen von außen. Das gefällt nicht jedem.

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          Helmut Gottschalk ist unbequem. Seine Kritiker werfen ihm hinter vorgehaltener Hand sogar vor, er sei detailversessen. Er gönne den Vorstandsmitgliedern der Commerzbank ihre Privilegien wie einen Fahrer oder einen Assistenten zum Kaffeeeingießen nicht. Ein anderer Vorwurf lautet, er mische sich für einen Aufsichtsratsvorsitzenden zu stark ins Tagesgeschäft ein. Hinter diesen Vorwürfen steckt mitunter der Frust einer Organisation, die sich gegen Veränderungen wehrt.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Vorwürfe lassen sich noch weiter nachvollziehen, mögen sie auch übertrieben sein. Gottschalk wurde im März 2021 von der Bundesregierung, die im Aufsichtsrat als Großaktionär das Sagen hat, ganz bewusst als Kontrolleur der Commerzbank ausgewählt, weil er eben kein früheres Vorstandsmitglied war. Damit hat der in diesem Jahr 71 Jahre alt werdende Schwabe im Vergleich zu seinen Vorgängern Klaus-Peter Müller und Stefan Schmittmann einen unabhängigeren Blick: Vieles in der Commerzbank ist für ihn nicht selbstverständlich, seine bisherige Distanz führt automatisch zu mehr Nachfragen.

          Als erstes änderte er die Boni

          Hinzu kommt sein Naturell: Gottschalk hat sich schon während seiner Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender der DZ Bank den Ruf erworben, ein gründlicher Analytiker zu sein. Er gibt im Ringen um die beste Lösung nie schnell klein bei, er verlangt Leistung, und er akzeptiert keine Fehler, mögen sie auch klein und unbedeutend erscheinen. Diese Charakterzüge zeigen sich nun auch in der Commerzbank. Dort eckt Gottschalk gerade mit seiner Leistungsorientierung an. Eine der ersten Entscheidungen, die Gottschalk traf, war denn auch die Änderung der Vorstandsboni.

          Bislang galt in der Commerzbank, dass die Vorstandsmitglieder 50 Prozent ihres möglichen Bonus erhielten, wenn die Jahresziele zu 50 Prozent erreicht wurden. Gottschalk erkannte schnell, dass diese Regel zu wenig anspornt und daher nicht im Interesse der Aktionäre ist. Jetzt erhalten die Vorstandsmitglieder Boni, wenn 60 Prozent der Ziele geschafft wurden. Und die Boni steigen langsamer. Bei einer Zielerreichung von 80 Prozent gibt es für Vorstandsmitglieder erst etwa 25 Prozent des Möglichen.

          Kein Pardon für den IT-Vorstand

          Wer in Gottschalks Augen zu wenig leistet, muss sogar ganz gehen. Der Vertrag von IT-Vorstand Jörg Hessenmüller war erst vor wenigen Tagen um drei Jahre verlängert worden, als sich herausstellte, dass das größte IT-Projekt der Commerzbank – die Auslagerung der Wertpapierabwicklung an HSBC – vor dem Scheitern steht. Hessenmüller hatte den Schaden von 300 Millionen Euro entweder verheimlicht oder selbst nichts davon gewusst, für Gottschalk in jedem Fall ein Grund, sich von Hessenmüller zu trennen.

          Ohnehin ist die IT, für die Gottschalk von Januar 2022 an den früheren IKB-Vorstand Jörg Oliveri del Castillo-Schulz verpflichtete, eine komplexe Baustelle: Bis 2024 trennt sich die Commerzbank von rund 10 000 Mitarbeitern, digitale Prozesse sollen sie ersetzen. Doch wenn viele Mitarbeiter jetzt schon ausscheiden, steht die IT als Ersatz oft noch gar nicht parat. „Es quietscht an der einen oder anderen Stelle“, hat der Vorstandsvorsitzende Manfred Knof – auch er kam wie Gottschalk im Januar 2021 von außen – gerade im F.A.Z.-Interview zugegeben.

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