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Spielzeug : Hello Kitty - die rosa Rache Nippons

Absichtlich ohne Mund: Hello Kitty kennt keinen Ausdruck Bild: Prisma Bildagentur

Eine weiße Katze mit rosa Schleife hat die Welt erobert. Kein Kinderzimmer ist mehr sicher vor ihr. Wie konnte das passieren?

          6 Min.

          Im Kindergarten hängt ein dramatischer Hilferuf am Schwarzen Brett. „Unsere Tochter vermisst ihre heiß geliebte Hello Kitty-Tasche. Wer hat sie gesehen und kann uns weiterhelfen? Sie ist sehr traurig!“ Tränen? Es geht um eine ganz normale Tasche aus dem regulären Handel, auf der, künstlerisch eher schlicht, eine kleine weiße Katze abgebildet ist, die an ihrem linken Ohr eine rosa Schleife trägt. Wer könnte sich so viel Emotionalität einer jungen Familie wegen anderen Kinderkrams vorstellen - sagen wir, ein paar Legosteinen?

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kitty, die beschleifte Mieze, aber ist offenbar etwas Besonderes. Immerhin gehört sie zu den erfolgreichsten Merchandising-Produkten aller Zeiten. Weltweit werden mit ihr jedes Jahr rund fünf Milliarden Dollar verdient. 50.000 verschiedene Artikel in mehr als 60 Ländern umfasst das Sortiment. Es gibt sie auf Nuckelflaschen, Dreirad-Klingeln und Schwimmflügeln, auf Backpulver und Strandförmchen. Außerdem als Verpackung für Süßigkeiten, als Kaugummi-Automat im Miniatur-Format und als kleiner Ventilator mit Batterie. Selbst auf manchen Flugzeugen ist sie zu sehen.

          In diesem Jahr feiert die Katze ihren 40. Geburtstag - und zugleich ihren grandiosen Aufstieg. Hello Kitty hat die Kinderzimmer erobert. „Key-Ei-Ti-Ti-Wei“ können schon Vierjährige auf Englisch buchstabieren - weil die Vermarktung mit Trickfilmen unterstützt wird, die im Kinderfernsehen oder auf Youtube laufen.

          Lieblichkeit in Rosa und Weiß

          Aber auch unter Erwachsenen kommt man um Kitty kaum herum: Der Hausanzug mit Hello Kitty aus Nicki-Stoff ist für die Frau von heute laut Internet der letzte Schrei. Und selbst auf dem Golfplatz tauchen bisweilen schicke Asiatinnen auf, die ihre Eisen und Putter in einer rosa Tasche mit Katzen-Emblem mitführen.

          Was steckt hinter dieser Aufstiegsgeschichte? Warum hat es gerade die Mieze mit der Schleife geschafft, weltweit zu einem solchen Verkaufsschlager zu werden?

          Für Kinder ist Hello Kitty einfach: eine süße Katze. Für viele Eltern dagegen: schrecklicher Kitsch. So manche Mutter hatte sich geschworen, ihren Kindern niemals so was zu schenken - und auf einmal ist das ganze Kinderzimmer voll damit. Zudem ist diese Katze für Feministinnen zum Inbegriff einer falschen Rollenerziehung für Mädchen geworden: Harmlose Lieblichkeit in Rosa und Weiß - übertroffen höchstens von Barbie, bei der sich als Langzeitfolge auch noch eine Dauer-Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper einstelle.

          Geliebt, gehasst, gekauft: 50.000 verschiedene Artikel gibt es von Hello Kitty - die meisten in Rosa und Weiß. Doch die Kitty-Kultur besteht nicht nur aus Produkten. Bilderstrecke
          Geliebt, gehasst, gekauft: 50.000 verschiedene Artikel gibt es von Hello Kitty - die meisten in Rosa und Weiß. Doch die Kitty-Kultur besteht nicht nur aus Produkten. :

          Dabei steckt hinter dem Erfolg von Hello Kitty mehr - er hängt mit der geheimnisvollen Ästhetik des Herkunftslandes zusammen. Hinter der Marke steht der japanische Konzern Sanrio. Er hat seinen Sitz in der Nähe von Tokio und ist unter anderem auf Geschenkartikel spezialisiert (Werbeslogan: „Kleines Geschenk - großes Lächeln“).

          Hello Kitty ist ein Produkt Japans - und ist es zugleich doch nicht. Die Katze ist japanisch genug, um überall auf der Welt als etwas exotisch durchzugehen - und ist zugleich ausreichend international, um sich an den jeweiligen Kulturkreis anpassen zu können.

          Japan : Hello Kitty wird 40

          Erfunden wurde Hello Kitty am 1. November 1974 von einer japanischen Designerin namens Yuko Shimizu. Die Frau Ende 20, die ursprünglich Lehrerin werden wollte, war Katzen-Fan und angeblich fasziniert von den sprechenden Tieren aus „Alice im Wunderland“. Der Hauptgrund aber, warum sie ausgerechnet eine Katze erfinden sollte, war ökonomischer Natur: Hunde, Katzen und Bären galten damals in Japan als besonders verkaufsfördernd - die Hauptrollen für Bären und Hunde aber waren mit Winnie Puuh und Snoopy aus Amerika bereits anderweitig besetzt.

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