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Spielzeug : Hello Kitty - die rosa Rache Nippons

Gefördert wird dieser Trend durch den japanischen Staat: „Cool Japan“ wurde 2004 zur offiziellen Marketingkampagne des Landes. Es gibt Niedlichkeits-Botschafterinnen. Und Hello Kitty hat es immerhin zu einem Posten als Japans „Tourismus-Botschafterin in China und Hongkong“ gebracht. Das Japanische hat Hello Kitty unverwechselbar gemacht - das Internationale aber universell vermarktbar. Schon die Erfinderin hatte Hello Kitty in ihrer Erzählung als Londonerin konzipiert: In den 70ern galt England (nicht Japan) unter Japanern als cool.

Im weiteren Verlauf nahm dann Amerika so viel Einfluss auf Hello Kitty, dass man heute den Eindruck haben kann, es handele sich um ein Phänomen der amerikanischen Massenkultur. So legte McDonald’s ein Hello-Kitty-Menü mit Spielzeugfiguren auf, das den Hype verstärkte. Außerdem druckten die Amerikaner das Motiv bevorzugt auf billige Textilien: Das trug ihnen aus der Zentrale in Tokio den Vorwurf ein, jetzt verramschten sie Hello Kitty.

Zu einer regelrechten sozialen Epidemie jedoch führte der Katzenvirus in Taiwan. In den späten 90er Jahren sprachen Soziologen von „Kitty Mania“ in dem Land und machten gar eine Identitätskrise der Taiwaner dafür verantwortlich. Zu den Folgen gehörte nicht nur ein geradezu fieberhafter Ansturm auf alle Produkte mit Katzen-Logo. In den Warteschlangen für das Kitty-Menü von McDonald’s gab es in Taiwan sogar Verletzte. Außerdem wurde ein Hotel im Kitty-Design eingerichtet und ein Krankenhaus für Gebärende. Dort sind nicht nur alle Betten mit Hello Kitty verziert - auch Ärzte und Schwestern tragen Kitty-Kittel. Und selbst die Patientinnen in ihren Betten müssen katzenmäßig ausstaffiert sein.

Zu den wesentlichen Besonderheiten von Hello Kitty gehört dabei, dass die Katze keinen Mund hat. Sie hat keinen Ausdruck. Man sieht nie: Ist sie jetzt sauer? Weint sie? Oder grinst sie gerade debil wie die Diddl-Maus - ein ähnliches Marketing-Tier, dessen Vertrieb gerade (völlig zu Recht) eingestellt wurde. Das mache es jedem besonders leicht, seine aktuelle Gefühlslage auf die Katze zu projizieren, schwärmen die Kitty-Experten. Nur einmal wollte ein spanischer Designer der Katze ein bescheidenes Lächeln aufs Gesicht zaubern: Die entsprechenden Bilder gab es schon. Das zog aber postwendend ein Dementi aus der Konzernzentrale in Japan nach sich: Das könne gar nicht sein, Hello Kitty habe keinen Mund - basta.

Männer im Allgemeinen schienen Hello Kitty nicht so zu mögen. Die Krawatten mit der Katze, die auch zum Sortiment gehören, haben sich nicht wirklich zum Verkaufsschlager entwickelt - auf Abendveranstaltungen jedenfalls sieht man sie ausgesprochen selten.

Eine besonders starke Abneigung gegen diese „Globalisierung in Pink“ jedoch scheint das männliche Geschlecht in Thailand entwickelt zu haben. Dort trägt der Mann zwar durchaus gern Farbe, auch schon mal ein gelbes oder rotes Hemd. Aber eben doch kein Rosa. Daher dachte der thailändische Staat sich eine äußerst ungewöhnliche Strafe für nachlässige Beschäftigte aus: Polizisten, die häufig zu spät zum Dienst kommen, wurden verpflichtet, einige Tage eine rosa Armbinde mit Hello Kitty und zwei Herzen drauf zu tragen. Allerdings - so gnädig war ihr Dienstherr dann doch - nur im Büro, nicht auf der Straße. Sonst hätte die neue rosa Niedlichkeit ganz zweifellos das Ende aller staatlichen Autorität bedeutet.

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