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Heißes Pflaster : Konzernchefs in Europa häufiger gefeuert als in Amerika

Bild: F.A.Z., Booz & Company

Infineon-Chef Ziebart geschasst - wie das passt: Europa, besonders der deutschsprachige Raum, ist im internationalen Vergleich das heißeste Pflaster für Vorstandsvorsitzende. Nirgendwo auf der Welt wechseln so viele Unternehmenslenker wie hier.

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          Wolfgang Ziebart ist nicht der erste Vorstandsvorsitzende eines großen deutschen Unternehmens, der in diesem Jahr seinen Platz räumt oder räumen muss. In den vergangenen Monaten hat sich die Besetzung etlicher Chefsessel geändert. An der Spitze der Post hat Frank Appel Klaus Zumwinkel abgelöst, auf dem Platz von Henkel-Chef Ulrich Lehner sitzt nun Kasper Rorsted, und in der Commerzbank hat seit kurzem statt Klaus-Peter Müller Martin Blessing das Sagen (Generation 40plus auf Führungsetagen).

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die Unternehmensberatung Booz & Company, bis vor kurzem noch unter dem Namen Booz Allen Hamilton bekannt, unterlegt die gefühlt hohe Fluktuation mit Zahlen. Das Ergebnis einer Studie, die an diesem Dienstag veröffentlicht wurde: Europa - und besonders der deutschsprachige Raum - ist im internationalen Vergleich das heißeste Pflaster für Vorstandsvorsitzende. Nirgendwo auf der Welt wechseln so viele Unternehmenslenker wie hier. Fast jeder fünfte Vorstandsvorsitzende (19,7 Prozent) verließ im vergangenen Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz sein Unternehmen, fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Im europäischen Durchschnitt betrug die Fluktuationsrate 17,6 Prozent, international 13,8 Prozent. Booz analysiert seit 1995 die Wechsel von Vorstandsvorsitzenden in den 2500 größten privaten Unternehmen in der Welt.

          Knapp die Hälfte der Wechsel geplant

          Knapp die Hälfte der Wechsel in Europa war dabei geplant, etwa aus Altersgründen. Ein Drittel der ausscheidenden Vorstandschefs wurde zum Rücktritt mehr oder weniger gezwungen, die übrigen Wechsel fanden nach Übernahmen statt. Zu den geplanten Ablösungen des Jahres 2007 zählte etwa der beim Pharma- und Spezialchemie-Konzern Merck. Der alte und der neue Vorsitzende der Geschäftsleitung, Michael Römer und Karl-Ludwig Kley, hatten das Unternehmen schon über Monate hinweg im Team geführt. Überraschender kam da der Abgang von Klaus Kleinfeld an der Siemens-Spitze, nachdem der Aufsichtsrat Kleinfelds Vertrag nicht zum gewünschten Zeitpunkt verlängern wollte. Auch Hans-Joachim Körber hatte wohl nicht damit gerechnet, dass seine Zeit als Vorstandsvorsitzender von Metro schon im vergangenen Herbst enden würde.

          Der Sprecher der Geschäftsführung von Booz, Stefan Eikelmann, führt die häufigen Wechsel in hiesigen Breitengraden unter anderem auf die starken Kontrollgremien in den Unternehmen und auf die Regeln zur guten Unternehmensführung zurück. "Die Aufsichtsräte in Deutschland sind unabhängiger und auch vorausplanender, wachsamer als in anderen Ländern." In Amerika sei die Wechselquote schon allein deshalb geringer, weil dort in vielen Unternehmen Vorstands- und Verwaltungsratsvorsitz gebündelt sind, eine Person zugleich Chief Executive Officer (CEO) und Chairman ist. "Es kommt naturgemäß selten vor, dass sich ein CEO selbst entlässt."

          Leistung spielt nur geringe Rolle

          Anders als oft vermutet spielt die Leistung eines Vorstandsvorsitzenden laut der Booz-Studie nur eine untergeordnete Rolle. Selbst wenn sich der Aktienkurs schlecht entwickele, liefen die Topmanager kaum Gefahr, entmachtet zu werden. In vielen Fällen gingen Rauswürfe dagegen auf Machtkämpfe zwischen Vorstandsvorsitzendem und Aufsichtsrat zurück. Anders als oft vermutet sei es auch nicht so, dass den Unternehmenschefs immer weniger Zeit bleibe, um ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Die durchschnittliche Verweildauer von Vorstandsvorsitzenden betrug 2007 international und in Europa rund sieben Jahre, im deutschsprachigen Raum waren es mehr als sechs Jahre. Das bewegt sich im Durchschnitt der vergangenen Jahre und ist nach Meinung von Eikelmann genug. Drei bis sechs Monate benötige ein Vorstandschef, um sich eine Strategie zu überlegen, drei bis fünf Jahre für die Umsetzung.

          Was der Unternehmensberater kritisiert, ist die mangelhafte Nachfolgeplanung in vielen Unternehmen. Nur selten hätten die Aufsichtsräte einen oder verschiedene mögliche Nachfolger in petto, wenn sich Probleme mit dem amtierenden Vorstandsvorsitzenden abzeichneten. Diesen Eindruck haben auch Personalberater, die dann innerhalb kürzester Zeit nach Ersatz fahnden müssen. "Die Zahl der Fehlbesetzungen ist gestiegen", sagt Kajus Rottok, Leiter von Ray & Berndtson, mit Blick auf überraschende Wechsel. "Zwei bis drei Monate haben wir in so einem Fall maximal Zeit. Andere Suchen dauern dagegen auch mal sechs Monate."

          Rechtzeitig potentielle Nachfolger aufbauen

          Booz-Chef Eikelmann sieht in der Nachfolgeplanung nicht nur die Aufsichtsräte in der Pflicht: "Es sollte Teil der Zielvereinbarung eines jeden Vorstandsvorsitzenden sein, mindestens zwei potentielle Nachfolger aufzubauen." Denn interne Nachfolger seien im Regelfall besser, erwirtschafteten mehr Rendite, haben die Unternehmensberater ausgerechnet. Nur wenn ein Unternehmen vor einer Umbruchphase steht, ist nach Ansicht von Eikelmann ein Vorstandschef, der von außen kommt, die geeignetere Wahl. Denn anders als ein Interner kann er unbelastet von bestehenden Machtgefügen und Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Verfechtern eine Umstrukturierung vornehmen. So wie Peter Löscher an der Spitze von Siemens. Für welche Variante sich der Infineon-Aufsichtsrat entscheidet und wann, bleibt abzuwarten.

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