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Heidenreich neuer Vorstandsvorsitzender : Ein Frühstücksdirektor für Beiersdorf

Stefan Heidenreich Bild: Beiersdorf

Zumindest hat er Erfahrung im Umgang mit starken Familienaktionären: Der bisherige Hero-Manager Stefan Heidenreich soll in Hamburg bei Beiersdorf für frischen Wind sorgen.

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          Niemand weiß genau, wie viele Brötchen jeden Morgen in Deutschland mit Konfitüre bestrichen werden. Klar ist aber, dass die meisten Süßschnäbel zu einem Produkt der Schweizer Hero-Gruppe greifen. Denn deren Tochtergesellschaft Schwartau ist mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent bundesweit führend. Insofern ist Stefan Heidenreich Deutschlands größter Frühstücksdirektor: Der 48 Jahre alte Manager steht seit 2002 an der Hero-Spitze. Doch zum Jahresende ist damit Schluss. Wie in einem Teil der Donnerstag-Ausgabe berichtet, wird Heidenreich Anfang 2012 in den Vorstand der Beiersdorf AG rücken und knapp vier Monate später den Vorstandsvorsitz des Hamburger Kosmetikkonzerns („Nivea“, „Eucerin“, „Labello“) übernehmen. Thomas-Bernd Quaas, der Beiersdorf seit 2005 führt, soll dann, zwei Monate nach seinem 60. Geburtstag, in den Aufsichtsrat rücken.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der Wechsel kommt auf den ersten Blick überraschend. Denn Quaas’ Vertrag war erst 2010 um fünf Jahre verlängert worden. Und er selbst hätte offenkundig gerne weitergemacht: „Ich bin Vorstandsvorsitzender dieses schönen Unternehmens und habe daran sehr viel Freude“, sagte Quaas im September der „Lebensmittelzeitung“. Auf die Frage, ob er seinen Vertrag bis zum Ende erfülle, antwortete er: „Das ist gewöhnlich das, was man tut, wenn man einen Vertrag unterschreibt.“ Ein Beiersdorf-Sprecher betonte, dass sich der Aufsichtsrat einvernehmlich mit Quaas geeinigt habe. Tatsächlich wird ihm der Abgang nach 33 Jahren in Diensten von Beiersdorf mit einem Platz im Aufsichtsrat versüßt.

          Umstrukturierung fortsetzen

          Dort werden weiterhin der Großaktionär Michael Herz und sein enger Vertrauter, der Chefaufseher Reinhard Pöllath, das Sagen haben. Beide waren die treibende Kraft hinter dem Wechselmanöver an der Konzernspitze. Dem Vernehmen nach ist Pöllath, ein exzellent vernetzter Wirtschaftsanwalt aus München, eher zufällig auf Heidenreich gestoßen. Während eines Gesprächs am Rande einer Investorenveranstaltung wurde ihm klar, dass Heidenreich auf der Suche nach einer neuen Aufgabe war. Ein Fürsprecher dürfte Rolf Kunisch gewesen sein: Der frühere Beiersdorf-Chef hatte Heidenreich einst eingestellt, als er, Kunisch, noch für Procter & Gamble arbeitete. Das war 1987.

          Mit dem Stabwechsel ist nach Angaben von Beiersdorf kein Strategiewechsel verbunden. Heidenreich soll also die eingeleitete Umstrukturierung fortsetzen und das Unternehmen zurück zu den Wurzeln führen. Der Konzern trennt sich von einer Reihe von Randmarken und konzentriert sich auf die Hautpflege rund um die Marke Nivea. Wenn Heidenreich darüber hinaus eigene Akzente setzen will, muss er dies mit Michael Herz absprechen. Der öffentlichkeitsscheue Hamburger Tchibo-Erbe, der zusammen mit weiteren Familienmitgliedern 50 Prozent der Beiersdorf AG besitzt, mischt sich immer wieder direkt in das Geschäft ein und fühlt dem Vorstand auch jenseits von Aufsichtsratssitzungen tüchtig auf den Zahn.

          Es wartet ein reiches Betätigungsfeld

          Läuft Heidenreich also Gefahr, im neuen Amt ganz ohne Konfitüre zum Frühstücksdirektor zu werden? Zumindest hat er Erfahrung im Umgang mit starken Familienaktionären. Hero in der Schweiz gehört fast vollständig Arend Oetker. Das Oetker-Unternehmen Schwartau war es auch, das 1995 zunächst 51 Prozent an dem damals notleidenden Konfitürenhersteller in Lenzburg (Kanton Aargau) und später auch den Rest erwarb. 2003 nahm Oetker Hero von der Börse. Damals lenkte Heidenreich das operative Geschäft und schuf ein neues Markenprofil.

          Trotz der unbestrittenen Rücksicht auf den Großaktionär gab sich der gebürtige Kieler und ehemalige Vize-Europameister im Windsurfing stets dynamisch und zielstrebig. In der Öffentlichkeit machte sich Heidenreich dagegen rar. Er konzentrierte sich von Lenzburg aus, einer Kleinstadt knapp 30 Kilometer von Zürich entfernt, auf den Umbau des Hero-Konzerns. Insofern ist der gern gebrauchte Begriff des „Marmeladenmanagers“ für Heidenreich zwar eingängig, aber auch etwas irreführend. Mehr als 45 Prozent des Geschäfts entfallen auf das Ausbaugebiet Kindernahrung mit Brücken bis nach China. Daneben setzt das Unternehmen zum Beispiel auf Fruchtdrinks. Ende März berichtete Hero in seinen stets dürren Mitteilungen über ein „finanzielles Rekordjahr“ 2010. Ob die von Heidenreich 2007 als Ziel verkündete Umsatzrendite des Betriebsgewinns (Ebit) von mehr als 12,5 Prozent erreicht wurde, blieb allerdings offen. Währungs- und akquisitionsbereinigt legte der Umsatz um knapp vier Prozent zu. Nominal gab er indes leicht auf 1,7 Milliarden Franken (1,4 Milliarden Euro) nach. Nur knapp einen Monat später gab Hero das Ausscheiden Heidenreichs „in gegenseitigem Einvernehmen“ zum Ende des ersten Quartals 2012 bekannt. Jetzt verlässt der ehemalige Manager von Procter & Gamble Lenzburg schneller als damals verkündet. Auf dem großen Geviert von Beiersdorf mit 5,6 Milliarden Euro Jahresumsatz erwartet ihn ein reiches Betätigungsfeld.

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