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Harte Einschnitte : Heideldruck streicht 2000 Stellen

Ein Mitarbeiter hält in einer Werkshalle am Stammsitz der Heidelberger Druckmaschinen AG an einer Digitaldruckmaschine. Bild: dpa

Das Geld für das Sanierungsprogramm holt sich der kriselnde Weltmarktführer aus dem eigenen Pensionsfonds. Betriebsrat und IG-Metall gehen den ungewöhnlichen Schritt gemeinsam an. Dabei könnten kleinere Werke ganz dicht gemacht werden.

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          Heidelberger Druckmaschinen hat ein umfassendes Sanierungsprogramm beschlossen, um dauerhaft wieder Gewinne erwirtschaften zu können.  Der Rosskur sollen 2000 der verbliebenen 11.700 Stellen zum Opfer fallen, die Produktion unprofitabler Maschinen werde eingestellt. Zugleich kündigte der Vorstand des kriselnden Weltmarkführers am Dienstagabend eine Refinanzierung und den Abbau nahezu der gesamten Nettoschulden ab.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Dabei erwartet das Management aber kein frisches Geld von neuen Investoren, sondern bedient sich eines überaus ungewöhnlichen Kniffs: Es zieht aus dem ausgelagerten Pensionsfonds, der 2006 mit 500 Millionen Euro ausgestattet wurde, um mit Anlagen in Wertpapiere einen Teil der Betriebsrenten zu finanzieren, 375 Millionen Euro zurück in die eigene Bilanz. Vereinfacht gesagt, muss das Unternehmen danach einen größeren Teil der Pensionen selbst zahlen, spart dafür aber Zinskosten für Kredite.

          Sowohl die Gewerkschaft als auch der Betriebsrat tragen diesen ungewöhnlichen Schritt mit. Der Betriebsratsvorsitzende Ralf Arns und der IG-Metall-Bevollmächtigte Mirko Geiger verwiesen im Gespräch mit FAZ.NET auf die erwarteten positiven Effekte. Geiger sagte, so werde die Möglichkeit geschaffen, unabhängig von Banken und Finanzinvestoren Geld für das Unternehmen zu generieren, das zur Entschuldung und für die weitere Entwicklung nach vorne eingesetzt werden können.

          Dass Gewerkschaften und Unternehmen an einem Strang ziehen, sei bei Heideldruck nicht ungewöhnlich. Arns verwies darauf, dass der Einsatz des Geldes vom Aufsichtsrat kontrolliert werde und im Zweifel eine Rückführungsklausel bestehe. Zugleich sei es ein für die Beschäftigten wichtiges Signals, dass es jetzt wieder nach vorne gehen könne. Heideldruck will mit dem frischen Geld nicht nur das Sanierungsprogramm finanzieren, sondern die ausstehende teure Hochzinsanleihe über 150 Millionen Euro zurückkaufen.

          Unprofitable Produkte werden eingestellt

          Vorstandschef Rainer Hundsdörfer bezeichnete den Plan als Meilenstein für das Unternehmen. Die schmerzhaften Maßnahmen seien notwendig, um Heideldruck wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. „Indem wir unprofitable Produkte einstellen, legen wir unseren starken profitablen Kern frei“. Konkret stampft der Konzern die mit viel Hoffnung gestarteten aber nach wie vor defizitäre digitale Verpackungsdruckmaschine Primefire und die sogenannten Großformatdruckmaschinen ein.

          Der Vorstand machte allerdings deutlich, dass die Maßnahmen schon länger geplant gewesen seien, „unabhängig von der aktuell sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage aufgrund der Corona-Pandemie“. Der Stellenabbau und die notwendigen Abschreibungen auf die Maschinen wird nach Darstellung von Finanzvorstand Marcus Wassenberg noch im laufenden Geschäftsjahr, das im März endet, zu 300 Millionen Euro an zusätzlichen Belastungen führen, so dass der Konzern abermals tief in die Verlustzone rutschen wird.

          Auch im nächsten Geschäftsjahr sei abhängig von den jetzt beginnenden Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern und den Auswirkungen der Pandemie nochmals mit einem Verlust zu rechnen. Der Stellenabbau soll sozialverträglich erfolgen. Im Hauptwerke Wiesloch bei Heidelberg, wo gut 5000 Menschen arbeiten, besteht nach den Worten  von Betriebsratschef Arns noch Kündigungsschutz bis 2022. Kleinere Werke könnten allerdings nach Darstellung von Wassenberg ganz zugemacht werden.  

          Ziel sei es, das operative Ergebnis (Ebitda) jährlich um 100 Millionen Euro zu verbessern. Die Prognosen für das laufende Geschäftsjahr kassierte der Vorstand gleich mit ein. Der Umsatz werde „deutlich“ unter dem Niveau des Vorjahres von knapp 2,5 Milliarden Euro liegen. Die angekündigte operative Marge (Ebitda) zwischen 5,5 und 6 Prozent werde nicht erreicht. Nach der Neuausrichtung, so Wassenberg, habe die Profitablität „oberste Priorität“.  

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