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Zurückgetretener Arconic-Chef : Hedgefonds erhebt schwere Vorwürfe gegen Kleinfeld

Klaus Kleinfeld auf dem Händlerparkett der New York Stock Exchange Bild: dpa

Warum musste der frühere Siemens-Chef Klaus Kleinfeld als Spitzenmann von Arconic zurücktreten? Dazu gibt es jetzt neue Antworten. Es fallen Worte wie „Erpressung“ und „Bedrohung“.

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          Es war eine ungewöhnliche Begründung für einen Führungswechsel, die mehr Fragen aufwarf als beantwortete: Der amerikanische Metallspezialist Arconic gab am Montag den Rücktritt seines deutschen Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld bekannt. Kleinfeld habe „schlechtes Urteilsvermögen“ gezeigt, als er ohne Abstimmung mit dem Verwaltungsrat einen Brief an einen Topmanager des Hedgefonds Elliott Management geschrieben habe, hieß es. Elliott ist Großaktionär und fordert seit Monaten Kleinfelds Rücktritt. Was in dem Brief stand, der den 59 Jahre alten Deutschen seinen Posten gekostet haben soll, verriet Arconic nicht. Aus Kleinfelds Umfeld hieß es, es habe sich um ein „harmloses und freundliches Schreiben“ an Elliott-Chef Paul Singer gehandelt.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Dieser Version widerspricht der Hedgefonds vehement. In einer Stellungnahme sagte Elliott, der Brief habe sich „wie eine Bedrohung“ gelesen, um einen seiner Manager „auf Basis komplett falscher Andeutungen einzuschüchtern oder zu erpressen“. Dies sei ein „höchst unangemessenes Verhalten“ für den Vorstandschef eines börsennotierten Unternehmens. Elliott habe die Bedrohung ernst genommen und den Verwaltungsrat von Arconic sofort davon in Kenntnis gesetzt.

          Private Mülltonne durchwühlt?

          Die dubiosen Umstände des Rücktritts unterstreichen, mit welch harten Bandagen der Kampf zwischen Kleinfeld und Elliott geführt wurde. Aus Kleinfelds Umfeld hatte es sogar geheißen, der Hedgefonds habe Detektive angeheuert, um die Mülltonne vor dem Privathaus des Managers zu durchsuchen. Elliott fordert schon seit mehreren Monaten Kleinfelds Ablösung. Die Investoren haben argumentiert, Arconic schneide an der Börse schlechter ab als die Konkurrenz und sei auch weniger profitabel, und sie gaben Kleinfeld dafür die Schuld. Bei Arconic gebe es einen „Dr. Klaus-Discount“, sagten sie. Sie warfen dem Unternehmen außerdem eine „verschwenderische Kultur“ vor, die sich zum Beispiel darin äußere, dass es sich eine Zentrale an der New Yorker Park Avenue leiste.

          Elliotts Kampagne begann wenige Monate nach Kleinfelds wohl größter strategischer Weichenstellung im Unternehmen. Der Manager spaltete den Aluminiumkonzern Alcoa auf, den er seit 2008 geführt hatte. Bei Alcoa verblieb das traditionelle Geschäft mit der Produktion von Aluminium und anderen Stoffen. Daneben entstand Arconic, ein Spezialist für weiterverarbeitete Metallteile, die zum Beispiel in Autos oder Flugzeugen eingebaut werden. Kleinfeld beschränkte sich nach der Aufspaltung auf den Vorstandsvorsitz von Arconic, und er konnte sich lange auf Rückendeckung im Unternehmen verlassen. Nachdem Elliott seine Ablösung gefordert hatte, sprach ihm der Verwaltungsrat des Unternehmens ein ums andere Mal seine Unterstützung aus. Selbst in der Ankündigung des Führungswechsels am Montag bescheinigte Arconic dem Manager, gute Arbeit geleistet zu haben. Unter Kleinfelds Führung sei eine „transformierende Vision“ erfolgreich umgesetzt worden, und der Verwaltungsrat bekräftige die von ihm entwickelte Strategie. Gleichzeitig wurde dem Hedgefonds nahegelegt, seine „höchst disruptive“ Kampagne zu beenden.

          Elliott hat aber offenbar keine Absichten lockerzulassen. Der Hedgefonds teilte mit, seine Kampagne bei Arconic „so energisch wie eh und je“ weiterführen zu wollen. Der Brief sei nur das „jüngste Debakel“ in einem Verhaltensmuster, mit dem der Verwaltungsrat Kleinfelds schwache Führung entschuldigt und gutgeheißen habe. Monatelang habe das Gremium gesagt: „Ihr könnt uns vertrauen, wir vertrauen Klaus, und es gibt nichts, was wir nicht entschuldigen würden, um ihn zu beschützen (offenbar außer einen andersdenkenden Aktionär zu bedrohen).“ Es übersteige daher die Vorstellungskraft von Elliott, wie der Verwaltungsrat jetzt noch um Vertrauen bitten könne. Auch nach Kleinfelds Rücktritt wird also wohl keine Ruhe bei Arconic einkehren.

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