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Waffenhersteller : Heckler & Koch kämpft um seinen Ruf

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Hoflieferant der Bundeswehr: Das Schnellfeuergewehr G36 gehörte lange zur Standardausrüstung der Streitkräfte. Bild: Frank Röth

Der schwäbische Waffenhersteller verliert den Rückhalt in Berlin. Das Unternehmen steht wegen hoher Schulden und interner Querelen unter Druck. Sein Vorzeigeprodukt, das Gewehr G36, soll deutlich schlechter schießen als die Konkurrenz. Heckler & Koch sieht das anders.

          Öffentliche Aufmerksamkeit mag der in Oberndorf bei Rottweil ansässige Waffenhersteller Heckler & Koch eigentlich nicht. Doch in jüngster Zeit sorgt das mittelständische Unternehmen mit fragwürdigen Exportgeschäften, Berichten über hohe Schulden sowie einem Streit unter Führungskräften für reichlich Negativschlagzeilen.

          Der Zwist in der Chefetage dürfte in dieser Woche vor dem zuständigen Arbeitsgericht in Freiburg ausgetragen werden. Dort trifft sich an diesem Mittwoch mit Niels Ihloff einer der früheren Geschäftsführer der Waffenschmiede mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, wie ein Gerichtssprecher dieser Zeitung bestätigte. Ihloff war seit Mai 2009 der wichtigste Stratege von Heckler & Koch. Doch ihm wurde im Februar fristlos gekündigt. Dagegen klagte er jetzt. Über die Gründe des abrupten Abgangs schweigen sich die Beteiligten aus. Im Umfeld des Herstellers heißt es jedoch, gravierende Meinungsverschiedenheiten über den künftigen Kurs hätten zum Ausstieg von Ihloff geführt.

          Ein Nachfolger wird offiziell zwar gesucht. Doch seit Februar übernahm Haupteigentümer Andreas Heeschen dessen Aufgaben. Er trat als neuer Geschäftsführer in das aus drei Personen bestehende Gremium ein. Die Übernahme der operativen Führung durch den 54 Jahre alten, in Großbritannien lebenden Unternehmer, der 2002 bei Heckler & Koch eingestiegen war und seitdem Mehrheitsgesellschafter ist, kommt zu einer Zeit, in der der schwäbische Waffenhersteller ohnehin mit diversen Problem im In- und Ausland konfrontiert ist.

          Das Schnellfeuergewehr G36 trifft nicht sicher

          Erst brachte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den Hersteller von Handfeuerwaffen sowie weitere Rüstungshersteller in Deutschland mit seinen restriktiven Vorgaben zu Waffenexporten außerhalb Europas unter Druck. Dann geriet das Vorzeigeprodukt des Herstellers, das Schnellfeuergewehr G36, beim langjährigen Stammkunden in die Kritik: Nach monatelanger Untersuchung gesteht die Bundeswehr erhebliche Probleme bei der Treffsicherheit ihres Standardgewehrs ein, nachdem sie zuvor lange Zeit das Gegenteil behauptet hatte.

          „Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen“, beklagt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen

          „Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen, aber auch im heiß geschossenen Zustand“, teilte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Montag in Berlin mit. Eine Feststellung, die das Unternehmen noch am Abend kritisierte. Das G36, hieß es in einer Erklärung auf der Unternehmenshomepage, weise bei maßgerechtem Gebrauch keinerlei Einschränkungen der Einsatztauglichkeit auf. Weitaus brisanter dürfte für den Hersteller allerdings der Befund des Generalinspekteurs Volker Wieker an die Kommandeure der Bundeswehr sein. Denn dort heißt es, die Einschränkungen des G36 sollen signifikant höher als bei den untersuchten Vergleichswaffen sein. Das Produkt von Heckler & Koch sei „eindeutig ein Teil des Problems“ und solle in Einsätzen nur noch eingeschränkt genutzt werden.

          Das ist ein schwerer Schlag für den Hersteller, der die negativen Ergebnisse nicht anerkennen will. Die Bundeswehr hatte seit 1996 bei dem Unternehmen 176 000 G36 gekauft, nutzt aber nicht mehr alle selbst. Zuletzt wurden mehrere tausend G36 an die kurdischen Peschmerga-Streitkräfte im Irak für ihren Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ verschenkt. Zuvor hatte es schon mehrere widersprüchliche Berichte über die Treffsicherheit des G36 gegeben. Nach Vorlage des Abschlussberichts im April soll über weitere Konsequenzen beraten werden. „Das schließt auch die Frage ein, ob und inwieweit die Truppe auf mittlere Sicht mit einem anderen Sturmgewehr ausgerüstet werden muss“, sagt von der Leyen. Schon Mitte 2014 wurden nach Angaben der CDU-Politikerin im engen Einvernehmen mit dem Parlament alle weiteren G36-Beschaffungen gestoppt.

          Mehrheitseigentümer Heeschen, der das Unternehmen bisher über eine Dachgesellschaft gelenkt hatte und vor Monaten den Kleinflugzeughersteller Remos übernahm, steht nicht nur bei seinem wichtigen Referenzkunden unter Druck. Seit fünf Jahren ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart. Dabei geht es um ein fragwürdiges Waffengeschäft mit Mexiko. Es geht um die mutmaßlich illegale Lieferung von G36 in Unruheprovinzen des Landes. Es wird ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Außenwirtschaftsgesetz geprüft. Seit Monaten liegt der Bericht des Zollkriminalamts vor. Getan hat sich nichts. Ein Ende des Verfahrens sei nicht absehbar, sagt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Dem Vernehmen nach ist der ermittelnde Staatsanwalt zur Generalstaatsanwaltschaft befristet abgeordnet worden und kann sich nicht um Heckler & Koch kümmern.

          In Heeschens Firmenreich sind nach Angaben der Homepage rund 700 Mitarbeiter beschäftigt, davon 640 am Hauptsitz in Oberndorf. Aktuelle Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr wurden noch nicht im Bundesanzeiger veröffentlicht. 2013 betrug der Umsatz 171,8 Euro nach 202,8 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Jahresüberschuss wurde mit 20,9 Millionen Euro angegeben. 2012 betrug der Verlust 4,9 Millionen Euro. In der Vergangenheit gab es immer wieder Spekulationen über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens. Diese sei stabil, heißt es auf der Internetseite. „Die Auftragslage ist gut. Die Beschäftigten sind voll ausgelastet.“ Außerdem verweist der Waffenproduzent auf einen Betriebsmittelkredit von 30 Millionen Euro, der aber nicht in Anspruch genommen werde. Zugleich hatte die Ratingagentur Moody’s den hochverschuldeten Waffenhersteller unter Druck gebracht, weil sie im Herbst 2014 das Rating von Caa2 auf Caa3 heruntergestuft hatte, bei einem negativen Ausblick. Heckler & Koch muss jeweils im Mai und November die Zinsen für eine Anleihe von 295 Millionen Euro zahlen. Halbjährlich werden dafür jeweils rund 14 Millionen Euro an Zinszahlung fällig.

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