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Mitarbeiter als „Headhunter“ : Kopfgeld für die neuen Kollegen

500 Euro Prämie für den neuen Kollegen: Der Pharmakonzern Sanofi will seine eigenen Mitarbeiter zu „Headhuntern“ machen Bild: Reuters

Immer mehr Arbeitgeber loben Prämien aus, wenn Mitarbeiter neue Mitarbeiter werben. Das ist für beide Seiten lukrativ. Doch es gibt Tücken.

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          Vor zweieinhalb Jahren hat die Deutsche Bahn mit einem Angebot für Aufsehen gesorgt: Sie versprach ihren Mitarbeitern eine Erfolgsprämie, wenn auf deren Empfehlung hin eine offene Stelle besetzt werden kann. Das Ganze wurde nach Qualifikation gestaffelt: 2000 Euro brutto versprach die Bahn für einen Akademiker, ein Techniker sollte 1000 Euro bringen, ein Azubi 400 Euro.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Das Beispiel ist kein Einzelfall: Immer mehr verzweifelte Personaler greifen auf ihr vorhandenes Personal zurück und loben Werbeprämien aus. Zuletzt hat der Pharmakonzern Sanofi, der in Frankfurt eine große Produktionsstätte besitzt, bis zu 500 Euro ausgelobt für jeden Angestellten, der hilft, die angestrebten 1000 Neueinstellungen innerhalb des nächsten Jahres umzusetzen. Warum auch nicht? Was bei Kreditkarten, Zeitschriften und Telekomanbietern funktioniert, klappt auch im Personalwesen.

          Die Empfehlung durch die eigenen Mitarbeiter ist in deutschen Unternehmen längst üblich. Seit Jahren weisen Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung die Suche über eigene Mitarbeiter und persönliche Kontakte als effektivsten Besetzungsweg aus. Demnach gingen im vergangenen Jahr rund 47Prozent der Unternehmen in den alten Bundesländern diesen Weg. Etwas stärker verbreitet war die Suche auf der Firmenhomepage (53 Prozent), etwas weniger der Weg über Zeitungsinserate (44Prozent). Stellenangebote im Internet landen übrigens nur bei 32 Prozent. Mit Abstand am höchsten war die Erfolgsquote mit 58 Prozent bei den persönlichen Empfehlungen.

          Suche über das eigene Personal immer attraktiver

          Zunehmende Schwierigkeiten bei der passenden Stellenbesetzung lassen die Suche über das eigene Personal nun noch attraktiver werden. Laut IAB gab es 2013 in Deutschland rund 4,9 Millionen Neueinstellungen. Im Osten waren dabei 37 Prozent der Neueinstellungen und im Westen 34 Prozent mit Problemen verbunden. Am häufigsten war dies der Fall, wenn Meister oder Techniker gesucht wurden. Generell lag der Anteil bei Ausbildungsberufen über dem Durchschnitt.

          „Durch die Entwicklung am Arbeitsmarkt hat der etwas angestaubte Slogan ,Mitarbeiter werben Mitarbeiter‘ in letzter Zeit wieder deutlich an Relevanz gewonnen“, sagt Katharina Heuer von der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP). Ein Grund dafür sei mit Sicherheit auch die wachsende Bedeutung sozialer Netzwerke. Allerdings wiesen nur wenige Unternehmen ein derart schlüssiges Konzept auf wie etwa die Deutsche Bahn. Laut einer Untersuchung der DGFP waren es vor drei Jahren weniger als 10 Prozent. „Die meisten wenden das je nach Bedarf an“, sagt Heuer.

          In der Dienstleistungsbranche sind Prämien für das Anwerben neuer Mitarbeiter schon seit einiger Zeit gang und gäbe. Die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt etwa, eine der renommiertesten Adressen der Branche, zahlt jedem Mitarbeiter für eine erfolgreiche Vermittlung eine Prämie von 1000 Euro. Voraussetzung ist, dass der Mitarbeiter einen „ernsthaften Kontakt“ zwischen dem Kandidaten und der Personalabteilung herstellt, konkret heißt das: Mit Lebenslauf und Arbeitsproben; das Weiterleiten eines Xing- oder Linkedin-Profils reicht also nicht aus. Das Programm mit dem Namen „Kollegenwerbung“ startete im Sommer vergangenen Jahres, seitdem wurde die Prämie zehnmal ausgezahlt.

          Warum der ganze Aufwand?

          Warum der ganze Aufwand? Einer Agentur wie Jung von Matt mangelt es schließlich nicht an Bewerbungen. „Der Vorteil ist, dass unsere Mitarbeiter in der Regel Leute empfehlen, mit denen sie schon mal zusammen gearbeitet haben“, sagt eine Sprecherin. Man stelle also keine „Black Box“ ein, sondern Mitarbeiter, die sich aller Voraussicht nach gut in die bestehenden Teams einfügen werden. Eine Einschränkung gibt es: Führungskräfte der Agentur sind von dem Programm ausgeschlossen. Begründung: Die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern sei schließlich Teil ihres Jobs.

          Auch in der Beratungsbranche sind Mitarbeiterprämien üblich. Große Strategieberatungen zahlen dem Vernehmen nach Beträge von mehr als 1000 Euro – was immer noch deutlich weniger ist, als der Einsatz eines Headhunters kosten würde. Die professionellen Personalvermittler, die längst nicht nur Führungs-, sondern auch Fachkräfte vermitteln, verlangen von den Unternehmen in der Regel ein Drittel des Brutto-Jahresgehalts (inklusive Boni), mit dem die Stelle dotiert ist. Zwar kennen auch die Headhunter die Kandidaten, die sie empfehlen, häufig schon über eine längere Zeit, doch beschränken sich ihre Kontakte meist auf wenige Gespräche in Flughafen- oder Hotellounges. Einen Eindruck, wie jemand sich im Arbeitsalltag verhält, haben Personalberater eher selten.

          Mitunter zahlen die Unternehmen keine Geld-, sondern Sachprämien – oder stellen beides zur Wahl. Der Textildiscounter Kik zum Beispiel zahlt für jeden geworbenen Mitarbeiter 300 Euro, zusätzlich gibt es Sachprämien wie Tablets und Smartphones. Vor einigen Jahren vergab das Unternehmen für zehn erfolgreiche Vermittlungen sogar einen Smart. Von dieser Prämie – die nach Angaben einer Sprecherin einmal ausgezahlt wurde – hat man jedoch wieder Abstand genommen. Der Prüf- und Beratungskonzern PWC wiederum, der seit zwei Jahren für geworbene Mitarbeiter Prämien zahlt, stellt ein iPad oder 1500 Euro in Aussicht. Anfangs, so erzählt es ein Sprecher, hätten die Mitarbeiter eher das iPad gewählt, inzwischen gewinne die Barprämie an Beliebtheit – die freilich versteuert werden muss.

          Allerdings weisen Personalmanager auch darauf hin, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda nicht nur in die positive Richtung wirkt. „Der Schuss kann auch nach hinten losgehen“, warnt DGFP-Geschäftsführerin Heuer. Gerade in den sozialen Netzwerken verbreite sich auch Kritik an Arbeitgebern rasend schnell. Das Karrierenetzwerk Xing hat mit Kununu sogar ein eigenes Portal gekauft, auf dem Mitarbeiter Unternehmen bewerten. So mancher wird die Wahl seines künftigen Arbeitgebers nach der Lektüre nochmals überdacht haben.

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