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HBOS-Bank in Not : Neue Krisenwelle kommt in Europa an

  • Aktualisiert am

Der Aktienkurs ist eingebrochen Bild: AFP

Die Unsicherheit durch die Finanzkrise hält an. Die größte britische Hypothekenbank HBOS gilt jetzt in Europa als Wackelkandidat. In Amerika macht sich nach der Rettung des Versicherers AIG Erleichterung breit. Bundeskanzlerin Merkel verlangt unterdessen eine stärkere Kontrolle der Finanzmärkte.

          Die neue Welle der amerikanischen Finanzkrise ist jetzt offenbar auch in Europa angekommen. Die Aktien der größten britischen Hypothekenbank Halifax Bank of Scotland (HBOS) gaben am Mittwoch den dritten Tag in Folge nach. Für Erleichterung sorgte lediglich die Aussicht auf eine Übernahme von HBOS durch die Großbank Lloyds TSB.

          Der Titel drehte daraufhin ins Plus, nachdem er zuvor innerhalb eines Tages mehr als die Hälfte seines Wertes eingebüßt hatte. Auch am Mittwoch waren die HBOS-Papiere kurz nach Börsenstart um 39 Prozent gefallen, obwohl sich die gesamte Börse zunächst ein wenig erholen konnte. Die Bankenaufsicht bekräftigte, dass HBOS mit genügend Kapital ausgestattet sei. Die Kreditkrise hatte dem Hypothekenspezialisten bereits im ersten Halbjahr stark zugesetzt. Der Vorsteuergewinn war um mehr als 70 Prozent eingebrochen.

          Eine mit der Situation vertraute Person bestätigte einen Medienbericht, wonach die beiden Geldhäuser Übernahmegespräche führen. Wie die BBC berichtete, befinden sich die Übernahmegespräche bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Weder HBOS noch Lloyds wollten offiziell bestätigen, dass sie über eine Fusion verhandeln. Nach einem jahrelangen Boom verlieren britische Immobilien derzeit rasant an Wert. Viele Eigenheim-Besitzer sind in ernsten Zahlungsschwierigkeiten, da sie der Bank inzwischen mehr Geld schulden, als ihre Immobilie wert ist. Die Baufinanzierer tragen eine große Mitschuld an diesem Dilemma, da sie wie in den Vereinigten Staate zu freigiebig Hypotheken vergaben und oftmals kaum den Einsatz von Eigenkapital forderten.

          Bundeskanzlerin Merkel: „Politik muss gestalten”

          Merkel verlangt bessere Kontrolle der Finanzmärkte

          Unterdessen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Auftakt der Generaldebatte im Bundestag bessere Kontrollmechanismen für das internationale Finanzsystem verlangt. Mit Blick auf die amerikanische Bankenkrise sagte Merkel in Berlin: „Wir brauchen dringend einen besseren Ordnungsrahmen.“ Deutschland habe bereits während seiner G-8-Präsidentschaft im vergangenen Jahr eine Transparenzinitiative gestartet. Inzwischen sei „einiges in Gang gekommen“.

          Dabei verwies die Kanzlerin unter anderem auf bessere Bewertungsverfahren und einen Verhaltenskodex für Rating-Agenturen. Auch wenn die Auswirkungen der amerikanischen Krise auf Deutschland „moderat“ seien, hob Frau Merkel hervor: „Wir können nicht tatenlos zusehen. Politik muss gestalten.“

          In Amerika atmen die Beteiligten erst einmal auf und durch. Der Zusammenbruch des nächsten großen amerikanischen Finanzkonzerns ist zunächst vermieden: In einer dramatischen Wende sagte die amerikanische Notenbank (Fed) am Dienstagabend dem schwer angeschlagenen Versicherungsriesen AIG einen dringend benötigten Kredit von 85 Milliarden Dollar (60 Milliarden Euro) zu.

          Entspannung in Amerika: AIG gerettet...

          Die Fed teilte in der Nacht zum Mittwoch mit, der Rettungsplan solle ein „unkontrolliertes Versagen“ des Instituts verhindern. In Medien war kurz zuvor eine Insolvenz von AIG noch am Mittwoch nicht mehr ausgeschlossen worden. Experten befürchteten für diesen Fall massive Auswirkungen auf die weltweiten Finanzmärkte. AIG hat fast 20 Milliarden Dollar Verluste angehäuft. Das hat die Kapitaldecke sehr stark angegriffen. Die Aktie des Versicherers verlor seit Jahresbeginn mehr als 90 Prozent ihres Werts.

          Mit der überraschenden staatlichen Rettungsaktion wollen die amerikanische Regierung und die amerikanische Notenbank die auch ein Jahr nach ihrem Beginn nicht nachlassende Finanzkrise eindämmen. In einer ersten Reaktion begrüßte Präsident George W. Bush die Vereinbarung. Die angekündigten Schritte würden unternommen, um die Finanzmärkte zu stabilisieren und den Schaden für die Wirtschaft zu begrenzen, ließ er durch einen Sprecher mitteilen. Auch Finanzminister Henry Paulson erklärte, er stehe hinter dem Megakredit.

          ...und Morgan Stanley mit überraschend guten Zahlen

          Auch die neuen Geschäftszahlen der zweitgrößten amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley sorgten für Erleichterung. Morgan Stanley hat trotz der anhaltenden Kreditkrise zuletzt überraschend gut verdient. Der Überschuss lag im Ende August abgeschlossenen dritten Geschäftsquartal bei 1,4 Milliarden Dollar. Das waren für die Branche vergleichsweise geringe acht Prozent weniger Gewinn als ein Jahr zuvor. Der Rest des Jahres bleibe allerdings herausfordernd, warnte Finanzchef Thomas Kelleher am Dienstag nach amerikanischen Börsenschluss in New York.

          Experten hatten einen weit stärkeren Gewinnrückgang befürchtet. Die Zahlen wurden als Hoffnungsschimmer angesichts der zuletzt schweren Turbulenzen an den Finanzmärkten gewertet. Aktien von Morgan Stanley reagierten im nachbörslichen Handel zunächst mit einem starken Kursplus, fielen dann aber wieder zurück. Im Tagesverlauf hatten sie elf Prozent verloren. Morgan Stanley hatte die Bekanntgabe der Zahlen wegen der jüngsten Finanzmarktturbulenzen kurzfristig um einen Tag vorgezogen.

          Ähnlich wie Branchenprimus Goldman Sachs steuert damit auch Morgan Stanley noch vergleichsweise gut durch die seit einem Jahr andauernde Finanzmarktkrise. Goldman Sachs hatte am Dienstag zwar einen heftigen Gewinneinbruch um 70 Prozent bekanntgegeben, blieb aber bisher als einzige Investmentbank in der Krise stets im Plus.

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