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Zukunft der Hauptversammlung : Rettet die Erbsensuppe!

Auch Daimler hat in diesem Jahr die Hauptversammlung online abgehalten. Bild: dpa

Hauptversammlungen finden wegen Corona online statt. Für viele Konzerne ist das praktisch – denn kritische Nachfragen und Interaktionen fallen dank Fragelisten aus. Langfristig ist das jedoch keine Option.

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          Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Als der Industriekonzern Siemens Anfang Februar seine Aktionäre zur ordentlichen Hauptversammlung in die Münchner Olympiahalle lud, ahnte noch niemand, dass dies eines der letzten geordneten Treffen für lange Zeit sein sollte. Denn nur wenige Wochen später stellte der Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie alles auf den Kopf. Zu diesem Zeitpunkt aber liefen die Dinge noch in gewohnten Bahnen, und so musste sich der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser auf großer Bühne vor allem mit der harschen Kritik von Klimaaktivisten an der Lieferung von Bahntechnik für ein Kohlebergwerk in Australien auseinandersetzen.

          Auch Werner Baumann weiß, welchen Druck Nichtregierungsorganisationen aufzubauen imstande sind. Seit dem Kauf des Agrochemiekonzerns Monsanto vor fast vier Jahren steht der Chef des Leverkusener Bayer-Konzerns in der öffentlichen Dauerkritik.

          Doch anders als Kollege Kaeser hat Baumann diesbezüglich eine entspannte Hauptversammlung hinter sich. Denn das Aktionärstreffen am 28. April fand rein virtuell statt, Bayer gab den Vorreiter unter den Dax-Konzernen. Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder saßen mit ausreichendem Abstand im Bonner World Conference Center zusammen. Die Öffentlichkeit wohnte Statements und Fragen via Internet bei. Für unliebsame Störenfriede war kein Platz.

          Mittlerweile neigt sich die Hauptversammlungssaison dem Ende entgegen. In den kommenden Tagen folgen noch ein paar Schwergewichte wie Adidas und die Deutsche Post sowie Volkswagen Ende September.

          Soll das dauerhaft erlaubt sein?

          Dennoch lässt sich schon ein Fazit ziehen, und das fällt zunächst einmal positiv aus. Bemerkenswert ist schon die Tatsache, dass die Online-Meetings überwiegend störungsfrei verliefen. Denn wie nahezu überall existierte auch hier keine Blaupause für ein Szenario in der Pandemie.

          In Windeseile mussten börsennotierte Unternehmen einen Modus finden, wie Hauptversammlungen als Herzstück der Aktionärsdemokratie unter Einhaltung strengster Hygieneregeln abgehalten werden konnten. Den regulatorischen Rahmen schuf der Gesetzgeber mit dem „Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie im Zivil-, Insolvenz- und Strafverfahrensrecht“.

          Längst ist die Debatte entbrannt, ob die auf dieses Jahr beschränkte Ausnahmeregelung zur neuen Normalität gemacht und reine Online-Veranstaltungen dauerhaft erlaubt werden sollen. Die Befürworter argumentieren damit, dass durch den Einsatz der Technik mehr Teilhabe möglich sei.

          Nicht über jeden Zweifel erhaben

          Doch ein bloßer Online-Zugang ist kein Selbstläufer. So waren zur Lufthansa-Hauptversammlung trotz der enormen Bedeutung der Abstimmung über die Staatsbeteiligung lediglich 38 Prozent der Stimmen angemeldet. Zudem lobt die Online-Fraktion, dass sich die meisten Konzerne für die Beantwortung der eingereichten Fragen viel Zeit genommen hätten und niemand zu kurz gekommen sei.

          Genau hieran stoßen sich jedoch viele Kritiker. Mögen Fragelisten auch protokollarisch korrekt abgearbeitet worden sein – was diesem so wichtigen Bestandteil des Jahrestreffens komplett fehlte, war jegliche Form der Interaktion. Man muss den um ihren großen Auftritt gebrachten professionellen Aktionärsvertretern nicht das Wort reden, um zu beklagen, dass die sterilen Frage-Antwort-Blöcke der vergangenen Wochen sämtliche Spontanität und Bissigkeit vermissen ließen – zumal Nachfragen nicht möglich waren und den Unternehmen in der Vorbereitung das Privileg des Bündelns und Komponierens der Eingaben zukam.

          Kein Wunder, dass so mancher Vorstandschef Gefallen an der distanzierten Variante gefunden hat. Doch auch in Zeiten der Digitalisierung darf Technikeinsatz nicht über jeden Zweifel erhaben sein.

          Wenn es die Hygienevorgaben zulassen, sei deshalb für 2021 zunächst die Rückkehr zum alten Modus empfohlen. Dabei ist es sinnvoll, aus den Erfahrungen dieses Jahres zu lernen und die Präsenzveranstaltungen um sinnvolle Online-Elemente zu bereichern.

          Das bisweilen vorgebrachte Argument, die Kosten solcher Hybrid-Veranstaltungen stünden in keinem Verhältnis zum Ertrag, kann getrost vernachlässigt werden. Entscheidend ist, dass Rechtssicherheit für die Unternehmen herrscht, vor allem in puncto Anfechtungsklagen.

          Wer jedoch in einer Hauruck-Aktion die Corona-Ausnahme zum künftigen Regelfall erheben möchte, der schüttet das Kind mit dem Bade aus. Denn der Weg hin zu einer – möglicherweise – in der Zukunft ausschließlich digitalen Hauptversammlung ist lang. Die dazu nötige neue Debattenkultur muss sich erst entwickeln. Bis es so weit ist, sind starke Präsenzelemente für lebendige Aktionärstreffen unerlässlich. Und sei es nur, dass sich die Teilnehmer am Büfett austauschen. Rettet die Erbensuppe!

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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