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Hauptversammlungen : Hauptsache, die Würstchen-Dividende stimmt

  • -Aktualisiert am

Stein des Anstoßes: Bei der Daimler-Hauptversammlung ging es um die Wurst. Bild: Kien Hoang Le

Auf der Daimler-Hauptversammlung stritten Kleinaktionäre buchstäblich um die Wurst am Buffet - und ganz Deutschland lachte. Dabei sind Konflikte übers Essen auf solchen Veranstaltungen gar nicht selten.

          Der Aufsichtsratschef von Daimler traut sich was. Das schier Undenkbare hat Manfred Bischoff ausgesprochen, nachdem sich zwei Aktionäre auf der Hauptversammlung am Mittwoch am Würstchenstand derart in die Haare bekommen hatten, dass sogar die Polizei zur Schlichtung anrücken musste: Wir schaffen die Würstchen ganz ab. Nur die Tatsache, dass er im gleichen Satz noch die zweite Option aussprach – wir brauchen mehr Würstchen – dürfte ihn vor der sicheren Lynchjustiz seiner Aktionäre bewahrt haben. Denn eines ist sicher: wenn es um die Wurst geht, versteht der Hauptversammlungsgast keinen Spaß.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch auf anderen Aktionärsversammlungen sorgt die Verpflegung immer wieder für Ärger. So musste sich der Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, einmal schwer beschimpfen lassen, weil er versäumt hatte, seine Aktionäre über die Eröffnung des Buffets in Kenntnis zu setzen. Beim Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport nutzte ein Anteilseigner seine Redezeit einmal für ein ausführliches Lamento darüber, wie schlecht und kalt doch hier das Essen sei, im Vergleich zu manch anderer Hauptversammlung, auf die er gehe.

          Saitenwürschtle für daheim

          Der Streit bei Daimler war darum entbrannt, dass ein Aktionär gleich mehrfach zur Würstchenausgabe gegangen war und diverse Saitenwürschtle für daheim einpackte. Als ihn eine Aktionärin darauf ansprach, kam es zum offenen Schlagabtausch und offenbar zu so derben Beleidigungen, dass die Dame Anzeige erstattete. Dabei hätte auch sie sicher nicht hungrig nach Hause gehen müssen. 12500 Würstchen hat Daimler seinen 5500 Aktionären im Berliner Citycube aufgetischt – macht immerhin 2,27 Würstchen für jeden, und da sind die Vegetarier noch nicht einmal herausgerechnet.

          Die Deutsche Bank sah sich vor einigen Jahren genötigt, noch tiefer ins Detail zu gehen, damit auch ja kein Aktionär sagen kann, für ihn habe sich die Reise in die Frankfurter Festhalle nicht auch kulinarisch gelohnt. Schon zum Frühstück wurden laut der damaligen Auflistung 11300 belegte Brötchen serviert, mittags dann 8500 Paar Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat nebst 5500 Portionen Rigatoni, gefolgt von 9100 Stück Blechkuchen. Wem der zu trocken war, der konnte ihn mit 2000 Litern Kaffee und 6000 Litern Softgetränken hinunterspülen.

          Hauptversammlung der Solarworld AG 2009. Hier wurden sogar Schilder aufgestellt, dass vom Mitnehmen der Speisen abzusehen sei.

          Kein Wunder, dass bei diesen Mengen mancher Gast in All-inclusive-Urlaubs-Stimmung kommt; zumal ihm das Unternehmen ja irgendwie gehört, wenn auch nur zu einem sehr kleinen Teil. Nicht immer endet die heiße Schlacht am kalten Buffet mit einem Polizeieinsatz – doch der Würstchensammler ist eine nicht gar so seltene Spezies. Wer regelmäßig auf Hauptversammlungen geht, der kennt die feingemachten Herren, die gelegentlich verschämt ein Puddingteilchen in der Aktentasche unterm Tisch verschwinden lassen, oder die ältere Dame, die den Kartoffelsalat ganz unverblümt in die Tupperdose schaufelt. Sehr begehrt sind auch die Blumengestecke – wobei die Interessenten da doch meistens bis zum Ende der Veranstaltung warten.

          Alle Berliner Pfannkuchen schon um 10 Uhr weg

          Manch einer bessert sich so mal eben die Dividende auf; was bei Konzernen, wie der Commerzbank, deren Anteilseigner über Jahre auf eine echte Ausschüttung verzichten mussten, fast schon nachvollziehbar ist. Dort erwies sich ein Aktionär einmal als besonders geschäftstüchtig: Seine Eintrittskarte für die Hauptversammlung, die gleichzeitig als Tageskarte für den Rhein-Main-Verkehrsverbund galt, hat er abends am Hauptbahnhof für 10 Euro weiterverkauft.

          Die Metro AG ist vor einigen Jahren dazu übergegangen, ihren Anteilseignern Essensmärkchen auszuteilen. Nun erhält jeder fünf Jetons, jeweils für Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen sowie den Spezialitäten-Verkostungsstand und die Give-away-Tüte. Damit auch ja keiner den anderen übervorteilt.

          Dass viele Aktionäre gern nehmen, was sie kriegen können, hat schon lange Tradition. Bei der Karstadt AG gab es dereinst einmal schon um 10 Uhr laute Beschwerden, weil bereits alle Berliner Pfannkuchen aufgegessen waren. Und als noch der Warenhauskonzern Horten zu eigenen Hauptversammlungen lud, machten die Manager aus der Not eine Tugend. Was im Ostergeschäft nicht weggegangen war, legte der Konzern als Geschenke vor dem Versammlungssaal aus – so waren die Lager im Nu wieder leer.

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