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Zukunft der Hauptversammlung : Wie viel online soll es sein?

Wie im Nachrichtenstudio: Die Hauptversammlung der Fraport AG in Zeiten von Corona Bild: Stefan Rebscher

Was bleibt von der Online-Hauptversammlung, wenn die Pandemie vorüber geht? Die Sonderregelung läuft Ende des Jahres aus. Dann gilt wieder Präsenzpflicht, falls vorher kein neues Gesetz kommt.

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          Als sich die Linde-Aktionäre im vergangenen Jahr zur virtuellen Hauptversammlung trafen, war das eine schnelle Sache. Nach 22 Minuten und nur drei beantworteten Aktionärsfragen war die Tagesordnung abgearbeitet und das Treffen zu Ende. Ein neuer Negativrekord für ein Dax-Unternehmen. Ob die Aktionäre dieses Jahr mehr zu Wort kommen, wird sich an diesem Montag auf der Hauptversammlung zeigen.

          Tillmann Neuscheler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Ruckzuck-Veranstaltung im vergangenen Jahr war sicher auch dem Umstand geschuldet, dass Linde nach der Fusion mit Praxair seinen rechtlichen Sitz in Dublin hat und Hauptversammlungen in der angelsächsischen Welt gemeinhin deutlich kürzer sind als hierzulande. Dennoch hat der Fall die Debatte um die Zukunft der virtuellen Hauptversammlung befeuert.

          Die zweite pandemiegeprägte Hauptversammlungssaison der 30 Dax-Unternehmen neigt sich dem Ende zu. Wie es dauerhaft weitergehen soll, ist nicht geklärt. Die Corona-Notregel zur virtuellen Versammlung läuft Ende des Jahres aus, sie kann auch nicht noch einmal – wie im letzten Jahr – per Dekret von der Regierung verlängert werden. Dafür bräuchte es dieses Mal ein neues Gesetz. Passiert in den kommenden Monaten nichts, wird zum Jahreswechsel wieder die alte Regelung greifen: Und die sieht eine Präsenzpflicht für Hauptversammlungen vor. Onlineelemente gehen nach der alten Gesetzeslage allenfalls zusätzlich, und das auch nur, wenn das Format in der Satzung des Unternehmens so vorgesehen ist.

          Reines Ablesen von Manuskripten

          Vollständig zurück in die alten Zeiten mit reinen Präsenzveranstaltungen wollen aber nur wenige. Gut anfreunden könnte sich damit die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Deren Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler fand den Ablauf der Linde-Hauptversammlung „schlichtweg unwürdig“, er sehnt sich nach Präsenztreffen als Normalformat zurück. Über die rein virtuellen Hauptversammlungen der vergangenen beiden Jahre sagte er schon vor Wochen, sie seien „langweilig wie nie zuvor“ gewesen.

          Für das reine Ablesen von Redemanuskripten hätten die Vorstände auch gleich einen Tagesschau-Sprecher engagieren können, lästerte Tüngler. Tatsächlich waren die meisten virtuellen Versammlungen eher abgefilmte Präsenzformate, viel Innovatives gab es nicht. Was Tüngler besonders am Corona-Notgesetz gestört hat, war die Einschränkung der Aktionärsrechte: etwa die Pflicht, Fragen brav vorher einreichen zu müssen, mit der Folge glattgebügelter Antworten.

          Mischform zwischen Präsenz und online

          Viele Unternehmen und Aktionäre aber halten reine Präsenztreffen nicht mehr für zeitgemäß. Man könne online einkaufen und Bankgeschäfte tätigen, warum sollte man nicht auch online an einer Hauptversammlung teilnehmen können? Viele plädieren künftig für eine Mischform zwischen Präsenz und online. Einige Unternehmen haben sogar überraschend viel Spaß an der rein virtuellen Variante gefunden, spart sie ihnen doch Geld, weil keine Hallen angemietet werden müssen und kein Catering für Kleinaktionäre bezahlt werden muss.

          Manchem Spitzenmanager hat die straff durchgeführte Onlinehauptversammlung sicher auch deshalb gut gefallen, weil sie nicht stundenlang die Reden von renitenten Aktionären erdulden mussten. Im zweiten Corona-Jahr kamen die Aktionäre zwar auch online etwas mehr zu Wort als im ersten, sie durften Videos schicken, doch die waren auf wenige Minuten begrenzt. Manche Manager argumentieren, ein Hybridmodell sei dauerhaft zu teuer und wenn man sich entscheiden müsse, sei online eben die modernere Form.

          Wie also werden die Hauptversammlungen von 2022 an aussehen? Wenn der Rückfall in die alte Regelung vermieden werden soll, muss schnell etwas passieren. Doch wegen der Bundestagswahl Ende September ist das unwahrscheinlich. Üblicherweise liegt die Gesetzgebung in den Wochen vor und nach einer Bundestagswahl weitgehend brach. Der Zeitpunkt sei ungünstig, heißt es auch aus dem Bundesjustizministerium. „Die Kollegen arbeiten aber daran“, sagt eine Sprecherin auf Nachfrage, nur weiß heute freilich niemand, welche Regelung sich die neu gewählte Bundesregierung wünscht.

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