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Hauptversammlung von Siemens : Abrechnung ohne Pierer

Der neue Siemens-Star: Vorstandschef Peter Löscher Bild: REUTERS

Wer übernimmt die Verantwortung für die Schmiergeldaffäre? Das ist die alle interessierende Frage auf der Hauptversammlung von Siemens. Der ehemalige Siemens-Chef von Pierer ist zwar nicht da, aber er bekommt dennoch höflichen Applaus.

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          Heinrich von Pierer ist nicht gekommen. Der Siemens-Übervater bleibt der Hauptversammlung seines Unternehmens in der Olympiahalle einfach fern. Er, der langjährige Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende, der sogar für das Amt des Bundespräsidenten hätte kandidieren können, meidet die Öffentlichkeit. Die Abrechnung muss ohne ihn stattfinden. Gekommen sind gut 10.000 Aktionäre, einige Siemensianer, viele Ehemalige, Rentner. An diesem kalten Januarmorgen gehen sie wie Pilger über den Fußweg der Hügellandschaft zwischen Olympiaturm und Olympiastadion, eingehüllt in Mäntel und Mützen - und so mancher mit geballter Faust in der Tasche.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Es geht um die Vergangenheit. Und damit sind nicht die glänzenden Geschäftszahlen des vergangenen Quartals gemeint, die der neue Vorstandsvorsitzende Peter Löscher ohne Stolz, ganz sachlich, den Aktionären erläutert. Es geht um die andere, weniger ruhmreiche Vergangenheit. Siemens, diese Ikone der deutschen Wirtschaft, steckt in der schwersten Krise seiner 160 Jahre dauernden Geschichte. Europas größter Technologiekonzern ist in einen Schmiergeldsumpf versunken, dubiose Zahlungen von mindestens 1,3 Milliarden Euro hat der Vorstand inzwischen eingeräumt, seit eine Großrazzia im November 2006 die Korruptionslawine auslöste. Fast nebenbei wurde ein zweiter Skandal entdeckt: Die Siemens-Spitze soll über Jahre die Arbeitnehmerorganisation AUB mitfinanziert haben. Jetzt machen die Anteilseigner ihrem Ärger Luft. „Ein Verbrechen“ sei das, was bei Siemens geschehen ist, sagt einer. Ein anderer tritt wie ein Grabredner auf, das Untergangsszenario vor Augen.

          Wer hat Antworten?

          Für die meisten Aktionäre im weiten Rund der Olympiahalle stellt sich an diesem Januartag nur eine Frage: Wer übernimmt dafür die Verantwortung? Der aktuelle Vorstand ist runderneuert, fünf von acht Posten dort oben auf dem Podium sind seit der vergangenen Siemens-Hauptversammlung neu besetzt. Solange nicht geklärt ist, wer alles in die Affäre verstrickt ist, kann es für ehemalige Siemens-Vorstände und auch den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich von Pierer keine Entlastung geben. Mehrere Aktionärssprecher schieben Pierer die politische Verantwortung zu, übernommen hat er sie bis heute nicht.

          Pierer gehört dem Kontrollgremium nicht mehr an. „Hat er Dreck am Stecken?“, fragt eine Aktionärin. Klar ist, dass drei Nicht-Siemensianer den Schlussstrich unter die Ära Pierer gezogen haben, es sind die wohl mächtigsten Bosse der Republik: Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, Allianz-Oberaufseher Henning Schulte-Noelle und Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat Gerhard Cromme. Das einflussreiche Trio flankiere den neuen Vorstandsvorsitzenden Löscher, gebe ihm volle Rückendeckung bei seinen Aufräumarbeiten, heißt es im Umfeld des Aufsichtsrats.

          Auf der Videoleinwand läuft ein Siemens-Werbespot ab. „Wer hat Antworten?“, fragt eine Stimme aus dem Off. „Wie bringt man Licht ins Dunkel?“ Unter der riesigen Leinwand sitzt Cromme. Anders als im Werbefilm über effiziente Energieerzeugung gemeint, ist er derjenige, der Licht ins Dunkel der Affäre bringen muss. Cromme ist einer von Deutschlands meistbeschäftigten Aufsichtsräten, ist Vorsitzender der von der Bundesregierung eingesetzten Corporate-Governance-Kommission, der Hüter über die Regeln guter Unternehmensführung, den sie gern „Mr. Saubermann“ nennen. Und Cromme muss Siemens säubern.

          „Werner von Siemens würde sich im Grab umdrehen“

          Vor schwierigen Aufgaben hat sich der heute 64 Jahre alte Manager nie gedrückt, ist kaum einem Konflikt aus dem Weg gegangen. Damals, im Herbst 1987, hat er als junger Stahlvorstand bei Krupp den wütenden Hüttenarbeitern in Rheinhausen in die Augen geblickt, um ihnen zu sagen, dass Tausende Kumpel im Revier ihre Arbeit verlieren werden - da stand der Hüne in seinem beigefarbenen Trenchcoat und mit weißem Schutzhelm auf der aufgebockten Ladefläche eines Lastwagens und ließ sich mit rohen Eiern bewerfen. In der Olympiahalle geht es gesitteter zu.

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