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Alkoholfreie Getränke : Wein ohne Rausch – Zukunftsmarkt oder ewige Nische?

Weißwein ist bei Deutschen beliebt – aber würden sie ihn auch ohne Alkohol trinken? Bild: dpa

Alkoholfreier Wein fristet in Deutschland ein Nischendasein. Eine deutsche Traditionskellerei setzt nun auf junge Kunden. Ist ein Erfolg wie von alkoholfreiem Bier möglich?

          Am Anfang stand eine günstige Fügung. Ohne die Prohibition in Amerika hätte sich die Idee von alkoholfreien Weinen vermutlich nicht so schnell über die Grenzen von Deutschland hinaus verbreitet. 1908 schon, zwölf Jahre bevor die Enthaltsamkeitsapostel in den Vereinigten Staaten ein generelles Alkoholverbot durchsetzten, hatte sich der Rheingauer Winzer Carl Jung sein Verfahren zur Entalkoholisierung von Wein vom Kaiserlichen Patentamt schützen lassen. Eigentlich erdacht, um treue Kunden, denen der Arzt den Alkohol verboten hatte, weiter ihren Weingenuss zu ermöglichen.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Doch in der Zeit des landesweiten Alkoholverbotes wurde er in den Vereinigten Staaten zum Renner. Die Chronik von Carl Jung vermerkt dazu lapidar: „1920er – das Unternehmen tätigt umfangreiche Geschäfte in den USA zur Zeit der Prohibition.“ Die Exportbemühungen haben sich ausgezahlt: 1936 kaufte die Familie das Schloss Boosenburg in Rüdesheim, wo sich noch heute der Unternehmenssitz befindet. Carl Jung war nicht nur Pionier, die Kellerei ist vermutlich bis heute die einzige in Deutschland, die ausschließlich alkoholfreie Weine produziert.

          Trotz der Prohibition hat sich dauerhaft kein großer Markt für alkoholfreie Weine entwickelt. In Amerika ebenso wenig wie in Deutschland. „Im Promillebereich“, schätzt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut den Marktanteil heute. Aber die Nachfrage steigt, darüber sind sich alle einig. Vielleicht nehme der alkoholfreie Wein eine Entwicklung wie das alkoholfreie Bier, das mittlerweile zum Wachstumstreiber des Biermarktes geworden ist. Dort, sagt Büscher, habe die Entwicklung schließlich auch etliche Jahre gedauert. Das Interesse nehme jedenfalls deutlich zu, „sogar sehr deutlich“, sagt Carl-Jung-Geschäftsführer Martin Henrichs. Auf der ProWein in Düsseldorf, der wichtigsten Messe der Weinwirtschaft, sei die Nachfrage groß gewesen wie nie.

          Markt wächst um 20 Prozent

          Auch bei der Trierer Schloss Wachenheim AG ist der Optimismus groß. Die für ihren Faber-Sekt bekannte Großkellerei versteht sich als Marktführer im Geschäft mit alkoholfreien Weinen in Deutschland. Jede zweite in Deutschland gekaufte Flasche alkoholfreien Weins gehört demnach zur Wachenheim-Marke Light live. Der Markt sei im Jahresvergleich um 20 Prozent gewachsen. Das Unternehmen beobachtet nach eigenem Bekunden schon seit einigen Jahren einen Trend zu einem bewussteren „Lifestyle“ und damit verbunden zu einer bewussteren Ernährung, „vor allem bei der weiblichen Zielgruppe“. Die Konzernleitung jedenfalls geht davon aus, dass das Geschäft auch in den kommenden Jahren wächst.

          Bernhard Jung (rechts), Inhaber der Weinkellerei Carl Jung, im Gespräch mit seinem leitenden Oenologen vor deren Entalkoholisiergerät

          Kellereien, die sich wie Carl Jung ausschließlich auf alkoholfreie Weine konzentrieren, dürften dennoch die Ausnahme bleiben. Stattdessen lassen schon heute immer mehr Winzer zumindest einen ihrer Weine von spezialisierten Kellereien entalkoholisieren und erweitern damit ihr Sortiment.

          Pionier Carl Jung macht das Gros seiner Geschäfte nach wie vor im Ausland. 90 Prozent des Absatzes gingen über die Grenzen, zuvorderst nach Skandinavien, wo alkoholhaltige Getränke durch hohe Steuerbelastungen verteuert werden, zudem nach Kanada und Großbritannien, sagt Henrichs. Einen weiteren wichtigen Markt bildeten außerdem arabische Staaten, in denen Alkohol aus religiösen Gründen verboten ist. Die Rheingauer Kellerei lässt ihre Weine deshalb regelmäßig von einem Imam als „halal“ zertifizieren, womit sie nach islamischem Glauben für Muslime erlaubt sind. Der Wein darf dann allerdings nicht nur – wie in Deutschland vorgeschrieben – weniger als 0,5 Volumenprozent Alkohol enthalten, sondern weniger als 0,05 Prozent.

          Der alkoholfreie Gesundheitsboom 

          Im Inland treiben nach Henrichs’ Worten das gestiegene Gesundheitsbewusstsein und das wachsende Interesse jüngerer Kunden die Nachfrage. In einer Marktanalyse der Speyerer Beratungsagentur Carta zusammen mit der Hochschule Heilbronn nannte im Frühjahr jeder Dritte die Teilnahme am Autoverkehr als wichtigsten Grund für den Konsum alkoholfreier Weine. Es folgten generelle gesundheitliche Gründe, der grundsätzliche Verzicht auf Alkohol, Schwangerschaft und Stillzeit, schließlich soziale Gründe, also der Wunsch, beim Feiern nicht zum Außenseiter zu werden.

          Neben dem von Jung entwickelten und nach wie vor weitverbreiteten Vakuum-Destillationsverfahren, das dem Wein schon bei unter 30 Grad Alkohol entzieht, gibt es mittlerweile weitere Methoden, etwa die Filtration durch spezielle Membran und das Spinning-Cone-Verfahren, bei dem Wein durch Rotation fast komplett in seine Einzelteile zerlegt und später wieder zusammengefügt werden kann. In einigen Ländern werden so Weine von Grund auf neu designt. In Deutschland ist das verboten, hier darf mit dieser umstrittenen Methode nur Alkohol entzogen werden.

          Bernhard Jung, Inhaber der Weinbrennerei Carl Jung, steht in Rüdesheim vor dem Schloß Boosenburg auf dem Gelände seiner Weinbrennerei.

          Um möglichst viele Weinaromen in die alkoholfreie Variante hinüberzuretten, eignen sich vor allem aroma- und bouquetreiche Rebsorten für das Verfahren. Riesling gehört zwar nicht dazu, wird aber wegen des prestigeträchtigen Namens trotzdem verwendet. Wenn das Unternehmen Riesling als Grundwein kaufe, suche es deshalb solchen aus, „der von sich aus viel Bouquet, Geschmack und Fülle mitbringt“, sagt Henrichs. Neben mehreren Cuvées bietet Jung auch rebsortenreine Weine an: Chardonnay, Riesling, Shiraz, Merlot und Cabernet Sauvignon. Wobei „Weine“ streng genommen nicht richtig ist.

          Weil sie weniger als 7 Prozent Volumenalkohol enthalten, fallen die Erzeugnisse nicht unter das Weingesetz, sondern unter das allgemeine Lebensmittelrecht. Weinlagen und Qualitätsbezeichnungen wie Spätlese stehen deshalb nicht auf dem Etikett, stattdessen ist ein Mindesthaltbarkeitsdatum Pflicht. Von einem halben Prozent oder weniger Alkoholgehalt an muss zudem der Verweis „alkoholfreier Wein“ zu finden sein. Zwischen einem halben und 4 Prozent heißt die vorgeschriebene Bezeichnung „alkoholreduzierter Wein“.

          Alkohol spielt im Wein als Geschmacksträger eine wichtige Rolle, entsprechend skeptisch sehen viele Weinliebhaber bis heute die Versuche, dem Wein sozusagen seine Seele zu nehmen. Mit der Fortentwicklung der Verfahren haben die Winzer diese Manko aber offenbar immer besser in den Griff bekommen. Das alte Vorurteil, alkoholfreier Wein verliere seinen Geschmack, bröckelt jedenfalls, wie jüngste Umfragen zeigen. In der Marktanalyse der Hochschule Heilbronn beurteilten immerhin 51 Prozent der Befragten den Geschmack als gut bis sehr gut. Als schlecht oder sogar sehr schlecht beurteilen ihn nur noch 16 Prozent.

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