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Unternehmen fürchten Verluste : So viel kostet ein harter Brexit die Maschinenbauer

  • -Aktualisiert am

Schöner schrauben: Mitarbeiter im DMG-Werk in Bielefeld Bild: dpa

In Brüssel hakt der Brexit, in den Unternehmenszentralen bangen die Manager um den Handel mit der Insel. Die Maschinenabuer haben nun berechnet, wie viel sie ein harter britischer Ausstieg kosten würde.

          Eine solche Ankündigung hört man vom Präsidenten der deutschen Maschinenbauer nicht alle Tage: „Dann gehe ich eben in den Knast!“, sagte Carl Martin Welcker, der erste Mann des Branchenverbandes VDMA, am Dienstag in Frankfurt, nachdem er über Zustand und Aussichten seiner Klientel berichtet hatte. Nun steht es um die Maschinenbauer nicht so schlecht, dass Welcker hinter Gitter gehörte. Aber in diesem Moment sprach der Unternehmer im Präsidenten. Der Inhaber und Geschäftsführer des Kölner Werkzeugmaschinenbauers Alfred H. Schütte echauffierte sich über bürokratische Hürden wie Entsenderichtlinien für Techniker, über verschärfte Datenschutzregelungen und derlei mehr. Tenor, vorgetragen mit einem Schmunzeln: Es würde ihn reizen, diese teils irrwitzigen Hindernisse mal probehalber zu ignorieren und dafür notfalls ins Gefängnis zu gehen.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber die Erzählungen aus dem Alltag eines Unternehmers blieben eine Episode am Tag der guten Nachrichten für die Maschinenbauer. Diese haben ihr langjähriges Tief überwunden, erwarten in diesem Jahr einen Rekordumsatz von 224 Milliarden Euro und für das nächste Jahr ein ebenso großes Wachstum wie im von Welcker ausgerufenen „Aufschwungjahr“ 2017: also noch einmal 3 Prozent.

          Die mageren Zeiten für die Branche sind also vorbei, nachdem der VDMA in den Jahren 2012 bis 2016 eigentlich immer dieselbe, allenfalls leicht variierte Auskunft zum Jahresende gab: Es läuft nicht so richtig. Damit ist es nun vorbei, und es sind vor allem die Ausfuhren ins Ausland, die die seit jeher exportstarken Maschinenbauer nach vorne gebracht haben. 6 Prozent Plus im Export in den ersten neun Monaten des Jahres, 24 Prozent Zuwachs in China, dem neben den Vereinigten Staaten wichtigsten Markt, außerdem 10 Prozent mehr Auftragseingänge von Januar bis Oktober 2017 – es sind Wegmarken auf dem Weg zur Wende. Nach der Erwähnung einiger Krisen-Synonyme – Nordkorea, Brexit, Russland, Türkei, Trumpsche Abschottung – sagte Welcker: „Wir sind stolz darauf, wie es unsere Industrie trotz aller politischen Wirren immer wieder schafft, ihr Geschäft am Laufen zu halten und sogar anzukurbeln.“

          Deutlich mehr Exporte nach China

          Bei einer Kapazitätsauslastung der Betriebe von 88 Prozent steuert die Branche 2018 auf einen Umsatz von mehr als 230 Milliarden Euro zu – es sei denn, einer der unsicheren Kantonisten verhagelt ihr die Bilanz. Dazu gehört Großbritannien, die Nummer fünf unter den Exportmärkten. Die Exporte dorthin sind im Vergleich zum Vorjahr in den ersten neun Monaten 2017 um 4,5 Prozent gesunken. Und die Volkswirte des VDMA malen ein düsteres Bild, sollte es zu einem harten Brexit kommen und eine Zollunion scheitern. Auf Basis der deutschen Maschinenexporte nach Großbritannien im Jahr 2016 kämen auf die Branche dann 180 Millionen Euro Mehrkosten im Jahr zu – außerdem 44 Millionen Euro Zusatzkosten für den Import von Maschinen aus Großbritannien und weitere Importkosten für Komponenten, die deutsche Unternehmen aus dem Königreich beziehen. „Der Brexit bereitet uns ernsthafte Sorgen“, sagte Welcker.

          Während die Unsicherheiten angesichts der zähen Verhandlungen über den Brexit keine genaue Prognose für das kommende Jahr zulassen, wurde der seit diesem Jahr 125 Jahre alte VDMA konkreter, als es um China ging. Das Wachstumstempo werde sich hier sicher verringern, aber das sei angesichts der Handelsvolumina zu verkraften. Der kräftige Anstieg der Exporte nach China in diesem Jahr hat die Branche ohnehin überrascht. Das hätte Anfang des Jahres keiner für möglich gehalten, sagte Welcker. Es bleibe aber ein „Mangel an Verlässlichkeit im Chinageschäft“, der den Enthusiasmus bremst. Rund 750 deutsche Maschinenbauer sind in China präsent, auch für sie gelte: Investitionen in lokale Unternehmen, Übernahmen gar, die Teilnahme an staatlichen Ausschreibungen, Finanzierungen oder Forschungsförderungen sind schwierig bis unmöglich.

          Auch die Maschinenbauer leiden unter der Ungleichbehandlung. Welcker berichtete von Gesprächen in China, von der Notwendigkeit, mit langem Atem auf Änderungen zu drängen – aber manches davon klang nach Durchhalteparole. China wuchere mit seinem riesigen Markt, da sind die Kräfteverhältnisse eindeutig und die Aussichten vage. Auch für eine Branche, die mit 1,03 Millionen Beschäftigten – 21000 oder 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr – unverändert der größte Arbeitgeber der deutschen Industrie ist, also beileibe kein Leichtgewicht.

          Aber der VDMA-Präsident musste gar nicht in die Ferne schweifen, um dunkle Flecken im ansonsten wieder strahlenderen Gesamtbild des deutschen Maschinenbaus zu finden. Schließlich wird der Aufschwung vor allem vom Export getragen. In Deutschland dagegen sei allenfalls eine „leichte Belebung“ festzustellen. Aber wenn wenig in Straßen, Brücken, Schulen und so weiter investiert werde – dann natürlich auch in Maschinen. Die Digitalisierung der industriellen Produktion – unter der Chiffre Industrie 4.0 in aller Munde – ist auch in diesem Fall ein Stimmungsaufheller. Sie sichert der Branche ohnehin schon die internationale Konkurrenzfähigkeit, wenn nicht sogar eine Vorreiterrolle. Und sie soll auch helfen den Binnenmarkt zu beleben. Viele der älteren Maschinen und Anlagen hierzulande dürften die fortschreitende Digitalisierung nicht meistern, sagte Welcker. Deshalb: „Wer an der Industrie 4.0 partizipieren will, muss investieren.“

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