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Harold Hamm : Die unglaubliche Karriere des „King of Fracking“

Harold Hamm: Er lebt den amerikanischen Traum Bild: Reuters

Amerikas Comeback als Ölmacht ist nicht den großen Ölkonzernen zu verdanken. Sondern hungrigen Unternehmern wie Harold Hamm. Er machte eine der unwahrscheinlichsten Karrieren – und brachte es vom Tankwart zum Ölmilliardär.

          Die Vereinigten Staaten erleben ein unerwartetes Comeback als einer der größten Rohölproduzenten der Welt. Dieser Aufstieg begann zunächst weitgehend unbeachtet ungefähr 2006, als die öffentliche Meinung von der Vorstellung geprägt war, die förderfähigen Mengen an Rohöl neigten sich schnell dem Ende zu. Peak Oil hieß die Prophezeiung der Stunde, das Fördermaximum sei erreicht. Das Ende des Ölzeitalters schien eingeleitet. Dass es anders kam, ist nicht den großen Ölkonzernen wie Exxon, BP oder Royal Dutch Shell zu verdanken, sondern hungrigen Entrepreneuren, deren Namen und Unternehmen bis heute einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt sind.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Es hatte sich eine seltsame Arbeitsteilung zwischen großen und kleinen Ölfirmen eingebürgert. Die großen Unternehmen, überzeugt, dass in Nordamerikas Meeren nicht viel zu holen sei, konzentrierten sich auf den Rest der Welt. Die Entrepreneure aber, Wildcatter genannt, versuchten aus bekannten geologischen Formationen mehr herauszuholen mit Hilfe neuer Bohrtechniken. Sie begannen, horizontal zu bohren; sie sprengten das ölhaltige Schiefergestein mit Wasserdruck auf, und schließlich kombinierten sie die beiden Methoden.

          Eine der unwahrscheinlichsten Wildcatter-Karrieren legte ein Mann namens Harold Hamm hin. Er war dreizehntes und jüngstes Kind einer armen Landpächter-Familie in Oklahoma, die in den schlechten Tagen Lebensmittelkarten vom Staat zum Überleben brauchte und an besseren noch ärmeren Nachbarn aushalf. Er begann als Tankwart, belieferte später Ölfirmen mit Nachschub mit einer eigenen Servicefirma, bevor er 1967 begann, selbst nach Öl zu bohren. Seine geologischen Kenntnisse hatte er sich aus Büchern, Gesprächen mit seinen Kunden und einigen College-Kursen besorgt. Einen Universitätsabschluss kann er nicht vorweisen, für die Schule fand er wenig Zeit, weil er seinen Eltern bei der Ernte helfen musste.

          „Mache es einfach!“

          Noch heute kämpft er mit der Sprache, wenn er auf Podien wie zuletzt auf der großen Ölkonferenz in Houston sitzt oder wenn er Wirtschaftssendern Live-Interviews gibt. Was Hamm besonders macht, ist sein Hunger nach Erfolg und Reichtum in Kombination mit einem schwer zu erschütterndem Selbstbewusstsein und einer Bereitschaft, große Risiken einzugehen. Hamm glaubte an Öl und eine Formation namens Bakken, die sich unter North Dakota, Montana und kanadischen Bundesstaaten breitmacht. 2008 dann veröffentlichte die amerikanische Behörde für Geologie die Schätzung, dass die Bakken-Formation 3 bis 4,3 Milliarden Fass förderfähiges Rohöl enthält, das war das 25-Fache früherer Schätzungen. Noch jüngere Schätzungen gehen sogar von der vierfachen Menge aus. Die Wissenschaftler bestätigten Harold Hamm, der schon viel Geld für seine Wette auf die Bakken-Formation ausgegeben hatte.

          Hamm hatte Teile seiner Ölgesellschaft Continental Resources an die Börse gebracht, um die Erschließung North Dakotas zu finanzieren. Nach der Veröffentlichung der Studie schossen die Aktienkurse nach oben auf mehr als 80 Dollar. Doch die Freude währte nur kurz. Im Winter 2008 fiel der Ölpreis auf 30 Dollar, und keine Ölfirma konnte bei diesem Preis Geld verdienen. 2010 stiegen die Ölpreise wieder, und Continental verfeinerte die Methoden der Ölgewinnung so erfolgreich, dass die Gewinne sprudelten. Mitte 2014 kletterten die Kurse wieder auf mehr als 80 Dollar. Hamm, der 70 Prozent des Unternehmens noch besitzt, war Multimilliardär geworden und einer der reichsten Männer Amerikas. Das war der vorläufige Höhepunkt der bemerkenswerten Karriere des Landarbeitersohnes.

          Neun Monate später sieht die Ölwelt schon wieder ganz anders aus. Der Ölpreis hat sich auf rund 50 Dollar je Fass halbiert, der Aktienkurs von Harold Hamms Unternehmen sackte vorübergehend auf 30 Dollar, und erste Stimmen fragten sorgenvoll, wer von den amerikanischen Frackern wohl als erster die Waffen strecken muss. Die OPEC hatte im November in ihrer historischen Sitzung verkündet, sie werden den Ölpreis nicht stützen. Seitdem kämpfen alle Ölfirmen, indem sie Kosten senken, Investitionen nach hinten schieben und Unternehmensteile verkaufen. Zu den geschäftlichen Problemen kommt bei Hamm noch eine Scheidung hinzu, für die der 69-jährige Unternehmer fast eine Milliarde Dollar aufbringen musste. Forderungen seiner Ex-Frau Sue Ann nach einem noch größeren Anteil an seinem Vermögen hat ein Gericht in Oklahoma am Mittwoch allerdings zurückgewiesen.

          Auf der Ölkonferenz in Houston warb der Mann aus Oklahoma für seine Prognose, dass das Rohöl bald wieder auf 70 bis 75 Dollar je Fass klettern werde. Dann wäre er in Sicherheit. Zugleich kämpft er dafür, dass die Vereinigten Staaten ihr Exportverbot für Rohöl aufgeben. Es sei nicht einzusehen, dass die Sanktionen für Iran aufgehoben würden, während die Sanktionen auf amerikanisches Öl fortbestünden. Continental selbst wappnet sich für die mauen Zeiten. Man ist es gewohnt in diesem Metier. Mal geht es auf, mal geht es ab. Auf die Frage, ob eine solche Karriere wie die seinige vom Tankwart zum Ölmilliardär heute noch möglich sei, sagt Hamm: „Das verlangt echte Hingabe. Aber klar, mache es einfach!“

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