https://www.faz.net/-gqe-8519a

Handyspiele : Die App-Entwickler aus der Provinz

  • -Aktualisiert am

In Giebelstadt in Unterfranken hat die Firma Handygames ihren Sitz. Bild: Rainer Wohlfahrt

In einem Gewerbegebiet in Unterfranken entwickelt eine kleine Firma die erfolgreichsten Handyspiele Deutschlands. Vom Umzug nach Berlin oder ins Silicon Valley wollen die Gründer nichts wissen.

          5 Min.

          Klingeln Sie mit dem Zeigefinger oder mit dem Daumen? Wenn Sie den Zeigefinger benutzen, dann sind Sie höchstwahrscheinlich älter als 30 Jahre. Denn bei jüngeren Menschen kommt an der Haustüre der Daumen zum Einsatz. Die Gehirnregion, die den Daumen steuert, ist bei ihnen fast doppelt so groß wie bei älteren Menschen.

          Diese Geschichte erzählt Christopher Kassulke gerne, um zu erklären, wie sehr Handys und Smartphones in den vergangenen 15 Jahren unser Leben umgekrempelt haben. Denn der Grund für die Veränderung im Gehirn jüngerer Menschen liegt in den Tastenfeldern und Touchscreens, die uns eine höhere Fingerfertigkeit abverlangen.

          22,3 Millionen Deutsche spielen am Smartphone

          Für Kassulke ist die Geschicklichkeit der Daumen das tägliche Geschäft. Seine Firma Handygames produziert Spiele-Apps fürs Smartphone, die seine Kunden mit dem Daumen daddeln. Und sie ist damit sehr erfolgreich: 12 der 50 meistverkauften Apps im Google Play Store stammten im April dieses Jahres von Handygames. Das erfolgreichste Spiel der Unterfranken ist „Clouds&Sheep“, in dem der Spieler zum Hirten einer Schafherde wird. Er muss seine Schafe vor drohendem Unheil wie Giftpilzen und Blitzschlag bewahren. Gelingt ihm das, wird er mit Glückssternen und Nachwuchs belohnt.

          Handygames-Entwickler bei der Arbeit
          Handygames-Entwickler bei der Arbeit : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Eine Firma wie die von Kassulke würde man im kalifornischen Silicon Valley oder in der Berliner Start-up-Szene vermuten. Doch die Entwicklerwerkstatt von Handygames liegt hinter dunklen Eichen und Buchen verborgen im Gewerbegebiet „Klingholz“ in der fränkischen Provinz. In der Nähe des 700-Seelen Dorfs Essfeld, einem Ortsteil von Giebelstadt, haben Kassulke und sein Bruder Markus gemeinsam mit Geschäftspartner Udo Bausewein 2000 die Firma „Handygames“ gegründet. In einer Zeit, als mit Handyspielen noch kaum jemand etwas anfangen konnte und die Daumen der Jugend noch ungeübt waren.

          Angefangen haben sie als Haus- und Hoflieferant von Siemens, wo sie für die vorinstallierten Spiele auf den Handys zuständig waren. Dann stellte Siemens die Produktion der Mobiltelefone ein. Handygames stand plötzlich ohne seinen Hauptabnehmer da und musste mehr als ein Drittel der Mitarbeiter entlassen. Doch mit dem Smartphone tat sich für die Unterfranken ein neues Geschäft auf: der Markt für Spiele-Apps. 22,3 Millionen Deutsche nutzen ihr Smartphone mittlerweile zum Daddeln. Und es werden stetig mehr: Allein im Jahr 2014 ist der Umsatz mit Smartphone- und Tablet-Spielen nach Angaben des Bundesverbands für interaktive Unterhaltungssoftware in Deutschland um 153 Prozent auf 263 Millionen Euro gestiegen.

          Markt für Wearables wird sich verzehnfachen

          Bei Handygames sind derzeit mehr als 60 Mitarbeiter damit beschäftigt, Apps in den Kategorien „mobile“ und „beyond mobile“ zu entwickeln. Denn während der Spielemarkt für Smartphone und Tablet boomt, hat in Unterfranken die Suche nach neuen Plattformen längst begonnen. Große Erwartungen haben die Spieleentwickler vor allem an den Trend zu sogenannten „Wearables“: elektronische Systeme, die direkt am Körper getragen werden. Bekannteste Variante ist die intelligente Uhr. „Wir glauben, dass das der nächste große Trend wird“, sagt Kassulke. „Bis 2020 wird sich der Markt für Wearables verzehnfachen“, schätzt auch Damjan Stamcar, Marketing-Manager des Sony-Konzerns, der schon seit Jahren eng mit Handygames zusammenarbeitet. Vor allem in Fitness und Gesundheit sieht er viele Anwendungen für die neuen Geräte, die vollgestopft sind mit Messtechnik vom Pulsmesser bis hin zum Bewegungssensor.

          Einsatzmöglichkeiten gibt es viele: Stellen sie sich eine Fußballmannschaft vor, deren Trainer mit dem Tablet in der Hand an der Seitenlinie steht und anhand der Fitness-Werte seiner Spieler über Auswechslungen und Taktik entscheidet. Wearables am Körper der Spieler, beispielsweise Chips, liefern ihm in Echtzeit Informationen über den körperlichen Zustand der Akteure. Schon heute mischt Handygames in Sachen Fitness-Apps munter im globalen Markt mit. In der Kategorie „Games“ wurde ihr Spiel „Max my Fitness Dog“ für den diesjährigen Eco-Award nominiert, den wichtigsten Preis der deutschen Internetwirtschaft. Die App für die Smart Watch von Sony kommt im Gewand eines Spiels daher, ist jedoch eher eine Art Personal Trainer. Der App liegt der Dienst Google Fit zugrunde, mit dem Schlafrhythmus, Laufstrecken und Herzfrequenz gemessen werden. Anhand der Daten soll der virtuelle Hund Max seinen Besitzer mit leistungsgerechten Fitness-Aufträgen versorgen, etwa einem Lauf mit bestimmter Strecke und Geschwindigkeit. Eingebettet ist das in eine spielerische Atmosphäre, die den Nutzer nach Erfüllung der Aufträge mit neuen Gegenständen für seinen Hund belohnt. So sollen Menschen zum Sport angeregt werden, die ihre Freizeit sonst lieber auf dem Sofa verbringen.

          Apps als Informationsquelle für Ärzte

          Auch bei Gesundheits-Apps haben die Handygames-Entwickler ihre Finger im Spiel. In Kooperation mit Medical Valley EMN, einem Zusammenschluss von Akteuren der Gesundheitsbranche, arbeiten sie gerade an einer App zur Medikamenteneinnahme, die bis Ende des Jahres erscheinen soll. Über Vibration am Handgelenk soll die App zum Beispiel Demenzpatienten an die Einnahme ihrer Medikamente erinnern.

          Eine weitere App soll Rauchern dabei helfen, sich die Zigaretten abzugewöhnen. Der Bewegungssensor in der Uhr erfasst dabei die charakteristische Handbewegung beim Rauchen, gleichzeitig bereitet die App die dadurch gewonnenen Daten für den Nutzer auf. So kann der Raucher Fortschritte bei der Reduzierung der Zigarettenanzahl sofort erkennen, präsentiert zum Beispiel zusammen mit der damit einhergehenden Geldersparnis.

          Noch sind diese Apps kleine Helfer für sehr spezielle Anwendungsgebiete. Für die Zukunft haben die Entwickler aus Unterfranken größere Pläne. „Besonders ältere Menschen kommen auf uns zu und wünschen sich eine App, mit der sie die Signale des eigenen Körpers kontinuierlich erfassen können“, sagt Kassulke. Mit den Ergebnissen sollen Ernährung und Bewegung so optimiert werden, dass dadurch typischen Alterserkrankungen vorgebeugt wird. Die Dokumentation der Daten soll zur wichtigen Informationsquelle für Ärzte werden: „Die Daten würde man beim Hausarztbesuch mitbringen. Der hat alle wichtigen Werte über einen längeren Zeitraum dann auf einen Blick.“

          Provinz-Standort ist kein Wettbewerbsnachteil

          Allerdings herrscht in Deutschland große Skepsis angesichts solcher Visionen. Viele fürchten, dass zum Beispiel private Krankenkassen die Datensammlungen nutzen könnten, um höhere Prämien von Kunden zu verlangen, deren Daten einen ungesunden Lebensstil vermuten lassen oder die sich weigern, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Marketing-Mann Stamcar von Sony gibt sich dennoch optimistisch: „Verbraucher sind bereit, sich neuen Lösungen zu öffnen, wenn es um die Gesundheit geht“, sagt er.

          Noch sind die Gesundheits-Apps für Handygames größtenteils Zukunftsmusik. Den Großteil des Umsatzes macht die Firma weiterhin mit Spielen für Smartphone und Tablet. Derzeit haben die Entwickler 20 Spiele im Portfolio, vom rührigen Kinderspiel „Clouds& Sheep“ bis hin zum mittelalterlichen Aufbaustrategiespiel „Townsmen“. Als Startup sehen sich die Unterfranken längst nicht mehr. „In welchem Start-up gibt es einen Achtstundentag? Und in welchem Start-up werden seit 14 Jahren Azubis ausgebildet?“, fragt Kassulke.

          Das hindert die Berliner Start-ups aber nicht daran, Kassulke und seinen Mitstreitern die Leute abzuwerben. Schon der ein oder andere Mitarbeiter ist dem Ruf aus der Hauptstadt gefolgt, wo oft ein Vielfaches des in Unterfranken gezahlten Gehalts lockt. Wirklich glücklich geworden sind sie nicht, glaubt Kassulke, der zu vielen seiner Ehemaligen noch Kontakt hält. Trotz der Ferne zu globalen IT-Zentren sieht er seinen Standort nicht als Nachteil. „Für eine Internetfirma sind nur zwei Faktoren wichtig: die Verfügbarkeit von Mitarbeitern und eine Internetverbindung.“ Internet gibt es im Gewerbegebiet. Und die Mitarbeiter kommen zu gleichen Teilen aus der Region und aus der ganzen Welt. Wahrscheinlich noch in diesem Herbst wird es zwischen Eichen und Buchen eine große Feier geben. Dann haben die Handygames-Spiele die Grenze von einer Milliarde Downloads durchbrochen.

          Weitere Themen

          Arbeitslosenzahl sinkt im November Video-Seite öffnen

          Trotz Teil-Lockdown : Arbeitslosenzahl sinkt im November

          Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist trotz neuer Corona-Beschränkungen im November gesunken. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im November 2,699 Millionen Menschen arbeitslos, 61.000 weniger als noch im Oktober.

          Topmeldungen

          Nicht nur digital: Der Bericht der Fachleute regt mehr informelle Treffen der Nato-Außenminister vor

          Nato-Strategiebericht : Im Zeichen von Russland und China

          Ein Expertenbericht beschreibt eine neue Sicherheitslage für die Nato. Man erlebe die Wiederkehr des „geopolitischen Wettbewerbs“ und der „Systemrivalität“. Das Bündnis müsse sich reformieren, um dem gewachsen zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.