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Handyspiele : Die App-Entwickler aus der Provinz

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Einsatzmöglichkeiten gibt es viele: Stellen sie sich eine Fußballmannschaft vor, deren Trainer mit dem Tablet in der Hand an der Seitenlinie steht und anhand der Fitness-Werte seiner Spieler über Auswechslungen und Taktik entscheidet. Wearables am Körper der Spieler, beispielsweise Chips, liefern ihm in Echtzeit Informationen über den körperlichen Zustand der Akteure. Schon heute mischt Handygames in Sachen Fitness-Apps munter im globalen Markt mit. In der Kategorie „Games“ wurde ihr Spiel „Max my Fitness Dog“ für den diesjährigen Eco-Award nominiert, den wichtigsten Preis der deutschen Internetwirtschaft. Die App für die Smart Watch von Sony kommt im Gewand eines Spiels daher, ist jedoch eher eine Art Personal Trainer. Der App liegt der Dienst Google Fit zugrunde, mit dem Schlafrhythmus, Laufstrecken und Herzfrequenz gemessen werden. Anhand der Daten soll der virtuelle Hund Max seinen Besitzer mit leistungsgerechten Fitness-Aufträgen versorgen, etwa einem Lauf mit bestimmter Strecke und Geschwindigkeit. Eingebettet ist das in eine spielerische Atmosphäre, die den Nutzer nach Erfüllung der Aufträge mit neuen Gegenständen für seinen Hund belohnt. So sollen Menschen zum Sport angeregt werden, die ihre Freizeit sonst lieber auf dem Sofa verbringen.

Apps als Informationsquelle für Ärzte

Auch bei Gesundheits-Apps haben die Handygames-Entwickler ihre Finger im Spiel. In Kooperation mit Medical Valley EMN, einem Zusammenschluss von Akteuren der Gesundheitsbranche, arbeiten sie gerade an einer App zur Medikamenteneinnahme, die bis Ende des Jahres erscheinen soll. Über Vibration am Handgelenk soll die App zum Beispiel Demenzpatienten an die Einnahme ihrer Medikamente erinnern.

Eine weitere App soll Rauchern dabei helfen, sich die Zigaretten abzugewöhnen. Der Bewegungssensor in der Uhr erfasst dabei die charakteristische Handbewegung beim Rauchen, gleichzeitig bereitet die App die dadurch gewonnenen Daten für den Nutzer auf. So kann der Raucher Fortschritte bei der Reduzierung der Zigarettenanzahl sofort erkennen, präsentiert zum Beispiel zusammen mit der damit einhergehenden Geldersparnis.

Noch sind diese Apps kleine Helfer für sehr spezielle Anwendungsgebiete. Für die Zukunft haben die Entwickler aus Unterfranken größere Pläne. „Besonders ältere Menschen kommen auf uns zu und wünschen sich eine App, mit der sie die Signale des eigenen Körpers kontinuierlich erfassen können“, sagt Kassulke. Mit den Ergebnissen sollen Ernährung und Bewegung so optimiert werden, dass dadurch typischen Alterserkrankungen vorgebeugt wird. Die Dokumentation der Daten soll zur wichtigen Informationsquelle für Ärzte werden: „Die Daten würde man beim Hausarztbesuch mitbringen. Der hat alle wichtigen Werte über einen längeren Zeitraum dann auf einen Blick.“

Provinz-Standort ist kein Wettbewerbsnachteil

Allerdings herrscht in Deutschland große Skepsis angesichts solcher Visionen. Viele fürchten, dass zum Beispiel private Krankenkassen die Datensammlungen nutzen könnten, um höhere Prämien von Kunden zu verlangen, deren Daten einen ungesunden Lebensstil vermuten lassen oder die sich weigern, ihre Daten zur Verfügung zu stellen. Marketing-Mann Stamcar von Sony gibt sich dennoch optimistisch: „Verbraucher sind bereit, sich neuen Lösungen zu öffnen, wenn es um die Gesundheit geht“, sagt er.

Noch sind die Gesundheits-Apps für Handygames größtenteils Zukunftsmusik. Den Großteil des Umsatzes macht die Firma weiterhin mit Spielen für Smartphone und Tablet. Derzeit haben die Entwickler 20 Spiele im Portfolio, vom rührigen Kinderspiel „Clouds& Sheep“ bis hin zum mittelalterlichen Aufbaustrategiespiel „Townsmen“. Als Startup sehen sich die Unterfranken längst nicht mehr. „In welchem Start-up gibt es einen Achtstundentag? Und in welchem Start-up werden seit 14 Jahren Azubis ausgebildet?“, fragt Kassulke.

Das hindert die Berliner Start-ups aber nicht daran, Kassulke und seinen Mitstreitern die Leute abzuwerben. Schon der ein oder andere Mitarbeiter ist dem Ruf aus der Hauptstadt gefolgt, wo oft ein Vielfaches des in Unterfranken gezahlten Gehalts lockt. Wirklich glücklich geworden sind sie nicht, glaubt Kassulke, der zu vielen seiner Ehemaligen noch Kontakt hält. Trotz der Ferne zu globalen IT-Zentren sieht er seinen Standort nicht als Nachteil. „Für eine Internetfirma sind nur zwei Faktoren wichtig: die Verfügbarkeit von Mitarbeitern und eine Internetverbindung.“ Internet gibt es im Gewerbegebiet. Und die Mitarbeiter kommen zu gleichen Teilen aus der Region und aus der ganzen Welt. Wahrscheinlich noch in diesem Herbst wird es zwischen Eichen und Buchen eine große Feier geben. Dann haben die Handygames-Spiele die Grenze von einer Milliarde Downloads durchbrochen.

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