https://www.faz.net/-gqe-tnhv

Handys : Motorola ist völlig verblasst

Werbung für jede Gelegenheit: David Beckham soll helfen Bild: REUTERS

Motorola ist heute nur noch ein Schatten früherer Tage. Der Erfolg mit dem Klapphandy Razr war nur ein Strohfeuer. Seinen Rang als Statussymbol hat das meistverkaufte Handy aller Zeiten längst verloren. Der neue Vorstandschef Greg Brown steht vor einer gewaltigen Aufgabe.

          3 Min.

          Greg Brown hat keine Schonfrist. Mit Beginn des neuen Jahres hat Brown offiziell den Posten als Vorstandsvorsitzender beim amerikanischen Handy-Hersteller Motorola übernommen, und schon in wenigen Tagen steht die erste Bewährungsprobe an: Auf der bevorstehenden Elektronikmesse CES in Las Vegas gehört Motorola zu den großen Ausstellern. Die Branche hofft auf Signale für Aufbruchstimmung bei Motorola: neue Produkte oder Initiativen, die nach dem rapiden Absturz des vergangenen Jahres für eine Wende sorgen könnten.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Für Motorola war 2007 ein katastrophales Jahr, das schließlich in einem Führungswechsel gipfelte. Ende November kündigte Motorola den Rücktritt von Ed Zander als Vorstandsvorsitzender zum Jahreswechsel an. An seine Stelle rückt nun Brown, der vorher als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft verantwortlich und damit die Nummer zwei im Unternehmen war. Im Handy-Geschäft, der größten Unternehmenssparte, sind Motorola die Kunden in Scharen davongelaufen. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres brach der Umsatz im Mobiltelefongeschäft um 31 Prozent auf 14,2 Milliarden Dollar ein. Ende September hatte Motorola nach Angaben des Marktforschungsinstituts Gartner im weltweiten Handy-Geschäft nur noch einen Marktanteil von 13,1 Prozent, ein Jahr vorher waren es noch 20,7 Prozent. Motorola hat damit seinen zweiten Platz im Weltmarkt an den koreanischen Hersteller Samsung verloren, der nun auf 14,5 Prozent kommt. Spitzenreiter ist der finnische Nokia-Konzern mit 38,1 Prozent.

          Der Razr war vom Fleck weg ein Verkaufsschlager

          Gartner-Analystin Carolina Milanesi zog bei der Vorlage dieser Zahlen ein verheerendes Fazit: „Motorola ist heute eine blasse Version dessen, was das Unternehmen vor einem Jahr war.“ Tatsächlich war es ein schneller und tiefer Fall für das Unternehmen, denn noch im Jahr 2006 wurde in der Branche gemunkelt, dass Motorola möglicherweise zu Nokia aufschließen könnte. Damals schwamm Motorola auf einer Erfolgswelle. Zu verdanken war dies vor allem einem einzelnen Produkt: dem flachen Klapphandy Razr.

          Den Rang als Statussymbol längst verloren: Handy des Typs Razr
          Den Rang als Statussymbol längst verloren: Handy des Typs Razr : Bild: AP

          Der Razr kam im Jahr 2004 auf den Markt und war vom Fleck weg ein Verkaufsschlager. Er wurde zum Pflichtaccessoire für Trendbewusste und erreichte ähnlichen Kultcharakter wie der digitale Musikspieler iPod von Apple, trotz des anfangs astronomisch hohen Preises von bis zu 600 Dollar. Vom Razr wurden bis heute mehr als hundert Millionen Exemplare abgesetzt - das macht ihn zum meistverkauften Handy aller Zeiten.

          Keinen Nachfolger für Razr

          Seinen Rang als Statussymbol hat der Razr aber längst verloren. Heute wecken andere Geräte wie zuletzt das iPhone von Apple Begehrlichkeiten, während der Razr zu einem Handy für die breite Masse geworden ist und zu Niedrigpreisen verschleudert wird. Ein Preisverfall ist im schnelllebigen und stark von Moden abhängigen Handy-Geschäft auch nicht unüblich. Motorola hat es aber versäumt, Nachfolgeprodukte zu entwickeln, die ähnliche Begehrlichkeiten wecken könnten wie einst der Razr.

          So erscheint der Razr im Nachhinein wie ein Strohfeuer, das über die fundamentalen Schwächen des Unternehmens nur kurzfristig hinwegtäuschen konnte, denn schon zum wiederholten Mal steht Motorola nun vor einem Scherbenhaufen. Schon vor dem Razr steckte das Unternehmen in der Krise: Motorola verschlief einen Trend nach dem anderen, und Verbraucher kauften lieber schickere und innovativere Handys von Wettbewerbern wie Nokia. Motorola reagierte auch damals mit einem Führungswechsel: Vorstandsvorsitzender Christopher Galvin aus der Gründerfamilie des Unternehmens musste zurücktreten, und Ed Zander rückte an seine Stelle. Der Razr, der zum Zeitpunkt des Antritts von Ed Zander schon in der Entwicklung war, verhalf Motorola zunächst zu einem schnellen Comeback.

          Mitte der neunziger Jahre war Motorola klarer Weltmarktführer

          Die wiederholten Krisen sind für Motorola eine Blamage, gilt das Unternehmen doch als Pionier in der Herstellung von Mobiltelefonen. Mitte der neunziger Jahre war Motorola einmal klarer Weltmarktführer im Handy-Geschäft.

          Nun ist es am 47 Jahre alten Greg Brown, das Unternehmen wieder zu stabilisieren. Vor ihm steht eine gewaltige Aufgabe: Motorola braucht nach Meinung von Analysten eine starke Produktpalette, die nicht nur von einzelnen Verkaufsschlagern lebt. Außerdem kämpft das Unternehmen immer wieder mit Schwierigkeiten in der Produktion, zum Beispiel in Form von Schwachpunkten in der Lieferkette. Die Reaktion in der Branche auf die Berufung von Brown fiel zunächst verhalten aus. Einige Analysten hatten auf einen Nachfolger gehofft, der von außen kommt und frischen Wind in das Unternehmen bringt. Andererseits wird Brown mehr als Zander die Bereitschaft zu größeren Einschnitten und Veränderungen zugetraut.

          Radikale Schritte fordert zum Beispiel der Investor Carl Icahn, der im vergangenen Jahr bei Motorola eingestiegen ist. Icahn hat das Management von Motorola seither scharf attackiert, und er will eine Aufspaltung des Unternehmens. Motorola hat neben seinem Handy-Geschäft, das für mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes steht, noch weitere Sparten wie Netzwerkausrüstung. Den Führungswechsel begrüßte Icahn zwar, aber er zeigte sich gleichzeitig davon unbeeindruckt: "Damit werden die Probleme von Motorola nicht einmal im Ansatz angegangen", bemängelte er.

          Weitere Themen

          Geopolitik mit Impfstoffen

          Impfstoff-Diplomatie : Geopolitik mit Impfstoffen

          China hat die Welt mit Corona-Impfstoff beliefert, als der Westen mit sich selbst beschäftigt war. Jetzt versucht Amerika mit Macht, Boden gut zu machen.

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Joe Biden in einer Produktionsanlage des Pharmakonzerns Pfizer: Eine halbe Milliarde Dosen Impfstoff hat Biden den armen Ländern versprochen.

          Impfstoff-Diplomatie : Geopolitik mit Impfstoffen

          China hat die Welt mit Corona-Impfstoff beliefert, als der Westen mit sich selbst beschäftigt war. Jetzt versucht Amerika mit Macht, Boden gut zu machen.
          Reist offenbar nicht an das Spiel der ungarischen Fußball-Nationalmannschaft in München: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán

          Debatte um Regenbogenfahne : Orbán mahnt deutsche Politik

          Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hat die deutsche Politik zur Akzeptanz für das Verbot der Beleuchtung des Münchner EM-Stadions aufgefordert. Zudem soll er seine Reise zum Spiel zwischen Deutschland und Ungarn am Mittwoch abgesagt haben.
          Hessens Innenminister Peter Beuth und SEK-Beamte im Jahr 2017

          Polizeiskandal in Hessen : Muckibude von Rechtsextremen

          Der Skandal um rechtsextreme Chats bei der Polizei wird immer größer. Im Zentrum steht ausgerechnet das SEK. Wer dessen Räume betrat, sollte staunen. Ein Fall von übersteigertem Elitebewusstsein?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.